Roman

David Vann, Aquarium

h.schoenauer - 18.04.2017

Wer einmal länger in ein Aquarium geschaut hat, kann sich durchaus vorstellen, dass eigentlich die Fische die Beobachter sind, die sich an den kiemenlosen Gaffern köstlich amüsieren.

David Vann erzählt von einer Familie, die letztlich zu moralischen Schauzwecken in der Gesellschaft aufgestellt worden ist wie fast alle Familien dieser Welt. Die Protagonisten schwimmen wie Fische um einander herum, belauern sich und versuchen, sich gegenseitig das überlebensnotwendige Wasser abzugraben.

Dine Petrik, Flucht vor der Nacht

h.schoenauer - 04.04.2017

Letztlich sind viele Typen prädestiniert, sich vor der Nacht zu fürchten. Die Kinder, wenn sie mit Gruselprogramm zu Bett gebracht worden sind, die erotisch Inspirierten, wenn das Tun nicht mehr mit dem Wollen übereinstimmt, die Künstler, wenn sie in der Finsternis dem aufgeklärten Licht ihrer Werke entrückt sind.

Dine Petrik nimmt diese Flucht vor der Nacht zum Anlass, um einen Künstler anlässlich des Millennium-Sprungs Bilanz ziehen zu lassen. Dabei wird nicht nur der kaputte Maler seziert, auch die Gesellschaft der Adabeis und die ganze Hautevolee kommen anlässlich der Silvesternacht 2000 an ihre Grenzen und werden somit an die Finsternis herangeführt.

Bettina Balàka, Die Prinzessin von Arborio

h.schoenauer - 20.03.2017

Gebildete und emanzipierte Märchenprinzessinnen schlafen natürlich nicht mehr auf der Erbse, sondern auf exotischem Reis. Arborio gilt für Risotto-Liebhaber als Inbegriff geschmackhaften Reises.

Bettina Balàka spielt bewusst mit diesen Bobo-Elementen Genuss, Insiderwesen und Adabei-Szenerie, wenn sie ihre Heldin Zorzi durch alle Zwiebelschalen der Forensik jagt. Dabei wird das Leben als ein Gefäß erzählt, in dem man einsitzen muss.

Wolfram von Eschenbach, Parzival

andreas.markt-huter - 17.03.2017

„Den Männern und den Frauen / verbot sie allen auf den Tod, / dass sie je von den Rittern sprechen. / »Denn wüsste meines Herzens Schatz, / was dieses Ritterleben sei, / dann würd‘ mir das zum großen Unheil. / Nun haltet euch an die Vernunft / und sagt nichts von der Ritterwelt.«“ (118)

Wolfram von Eschenbachs Parzival gehört zu den Hauptwerken der deutschen Literatur des Mittelalters. Das Anfang des 13. Jahrhunderts entstandene große Versepos besteht aus sechzehn Büchern mit 25.000 Versen und erzählt das abenteuerliche Leben des Ritters Parzival, der sich auf seinem Weg auf der Suche nach dem Heiligen Gral zu einer großen ritterlichen Persönlichkeit entwickelt.

Peter Steiner, Wenn mein Vater Polnisch spricht

h.schoenauer - 13.03.2017

Geologen sind seltsamerweise die idealen Verbündeten, wenn es um das sorgfältige Darstellen von seelischen Verwerfungen geht. Mit der gleichen Zuneigung, mit der sie sich um die Morphologie von „Mutter Erde“ kümmern, lassen sie sich fallweise auch auf die Vorgänge von Erinnerung, Zeitgeschichte, Reisen und Lebensausblick ein.

Peter Steiner schickt seinen Ich-Erzähler 1981 zu einem Geologen-Kongress nach Irkutsk. Das Reisetagebuch ist die Engstelle einer biologischen Sanduhr, bei der es ein Vorher und ein Nachher gibt.

Selim Özdogan, Wieso Heimat, ich wohne zur Miete

h.schoenauer - 10.03.2017

Vorurteile, Halbwahrheiten und falsche Bilder im Umgang zwischen Türken und Deutschen lassen sich in einer Welt voller politischer Correctness nur schwer darstellen. Spätestens seit sich eine türkische Majestät von einem deutschen Satiriker so beleidigt fühlt, dass dieser vor Gericht muss, überlegt man es sich als Schriftsteller dreimal, was man schreiben darf und was nicht.

Selim Özdogan stellt diesen oft unterschiedlichen Zugang zum Alltagsleben in beiden Kulturen in Frage. „Wieso Heimat, ich wohne doch zur Miete“ bringt es schon als Formulierung auf den Punkt, Heimat, Kultur, Identität sind immer auch Geschäftsangelegenheiten. Wenn du wo dazu gehören willst, musst du Miete zahlen. Diese seltsamen Fragestellungen sind überhaupt der Kniff, um Tabus und ähnliche Sperrriegel zu umschiffen.

Martin Kolozs, Sommer ohne Sonne

h.schoenauer - 01.03.2017

Als Katastrophe gilt im Tourismus generell jedes Phänomen, wonach die Jahreszeiten aus dem gewohnten Bild ausbüchsen. Winter ohne Schnee, Herbst ohne Blätter, Frühjahr ohne Blüten gelten als Desaster.

Martin Kolozs nimmt diese negativen Idealbilder zum Anlass, um darin eine Künstler-Karriere zu installieren. Sommer ohne Sonne zeigt einen Mann, der am Höhepunkt seiner Liebes- und Genitalfähigkeit ohne Sonne einem diffusen Horizont entgegen dämmert.

Stefan David Kaufer, Sopranistinnensterben

h.schoenauer - 27.02.2017

Die Begriffe in der literarischen Geschäftssprache werden immer üppiger, was dem Österreichischen sehr entgegenkommt. Zum Roman sagt man mittlerweile Kriminalroman, zum Koch Haubenkoch und zum Autor Bestseller-Autor.

Stefan David Kaufer setzt diesen Ausschweifungen eins drauf und nennt seinen frechen Text satirischen Kriminalroman, und aus den Sopranistinnen hört man als Leser noch die schrillsten Töne heraus, ehe sie sterben. Die wichtigste Silbe des ganzen Romans ist ur-, das verrät einerseits große Sprachkompetenz der Helden, wenn sie alles auf einen Urzustand zurücksetzen, und andererseits große Emotionalität, wenn in urkomischen Metaphern zwischen den Generationen-Codes herum geplärrt wird.

Gianrico Carofiglio, Trügerische Gewissheit

h.schoenauer - 24.02.2017

Wie bei allen großen Dingen im Leben ist auch in der Kriminalistik die Gewissheit zur falschen Zeit ein Luder und kann einen Fall verhunzen.

Gianrico Carofiglio lässt in seinem Kriminalroman die Figuren einzeln und übersichtlich auftreten, die trügerischer Gewissheit lässt Maresciallo Pietro Fenoglio jeweils den Gedankenfaden unterbrechen, wenn er zu logisch wird. Erst durch Geduld und Hartnäckigkeit, den Grundtugenden des Sherlock Holmes, den der Held begeistert liest, kommt der Fall voran.

Anna Rottensteiner, Nur ein Wimpernschlag

h.schoenauer - 17.02.2017

Die Literatur schafft die Möglichkeit, die Zeit so zu verdichten, dass sie in einem Wimpernschlag untergebracht werden kann. Diese Verdichtung lässt sich auf ein ganzes Leben ausdehnen, so dass in quasi in einem Standbild der Erinnerung alles aufgezeichnet ist.

Anna Rottensteiner führt eine Ich-Erzählerin durch eine scheinbar klaglose Kindheit herauf bis zu jenem Punkt, an dem das Leben abgerundet und seltsam offen ist. In den Stationen Sommer-Kindheit, Sommer-Tourismus und Daseins-Herbst reflektiert die Erzählerin über eine makellos aussortierte Erinnerungsgalerie, in der die Bilder harmonisch ausgestellt sind.