Roman

Helwig Brunner, Nachspiel

andreas.markt-huter - 19.02.2007

Buch-CoverIm Fußball ist das Nachspiel jenes Fünfminutengeschenk, das der Schiedsrichter den Mannschaften und dem Publikum als Ersatz für vertrödeltes Spiel macht. In der Erziehung ist das Nachspiel eine Drohung: Das wird noch ein Nachspiel haben! Im Sex hingegen kommt das Nachspiel nur sehr selten vor und tritt als Mischung von schlechtem Gewissen und vertrödelten Chancen zutage.

Helwig Brunner legt in seinem Nachspiel fünf Personen ins Krankenhaus und lässt sie in Monologen nicht miteinander kommunizieren.

Marge Piercy, Sehnsüchte

andreas.markt-huter - 09.02.2007

Buch-Cover"Die Sehnsüchte von Frauen:/ Flügelschlag von Faltern gegen / Decken, die blaubemalt wie Himmel sind …". –Dieser wunderschöne Vers über Sehnsucht, Freiheit, Illusion, Himmel und Zimmerdecke ist einem gigantischen Kosmos vorgespannt, der sich über siebenhundert Seiten schwer als psychisches Soufflé vor der Leserschaft ausbreitet.

Aus drei Frauenfiguren flicht Marge Piercy einen Zopf, der immer strenger und unauflösbarer wird. Die Sehnsüchte der Frauen werden unter diesem strengen Zug der gesellschaftlichen Verstrickungen rigide abgewürgt, bis die Heldinnen dann verstört zur Erkenntnis kommen, ok, das wird es wohl gewesen sein.

Richard Wall, Rom

andreas.markt-huter - 08.02.2007

Buch-CoverGanz Rom ist ein Palimpsest, Geschichten, Gebäude, Kulturen und Wetterlagen sind dermaßen in einander verschachtelt, dass man nie die einzelnen Schichten als Ganzes los lösen kann. Wie wenn man ein Stück Wurzel aus der Erde zieht, ist immer noch etwas von früher und von woanders dran.

In der Kultur- und Literaturtheorie ist ein Palimpsest ein Text, in welchen aus pragmatischen Gründen ein anderer hineingeschrieben worden ist. Das berühmteste Palimpsest der Literaturgeschichte gibt es bei Thomas Pynchon, wo Agenten unter dem Schnauzer die geheime Botschaft eingeschrieben haben, sichtbar nur für jenen, der die richtige Rasur kennt.

Felicitas Hoppe, Johanna

andreas.markt-huter - 08.02.2007

Buch-CoverAh, das ist ein idealer Roman für germanistische Seminare! Eine Dissertantin Johanna hockt über dem Thema Johanna, und plötzlich fließen die Welten ineinander.

So kommt einmal die Universitätswelt unmittelbar zum Vorschein, wie man schwitzt und ständig Angst hat vor Prüfungen, und indirekt schwitzt das universitäre Wissen die historische Figur Johanna aus, die natürlich ebenfalls Angst hat, weil sie ja auf den Scheiterhaufen muss um dann nach fünfhundert Jahren heilig gesprochen zu werden.

Hannelore Valencak, Das Fenster zum Sommer

andreas.markt-huter - 18.01.2007

Buch-CoverKann man die Vergangenheit planen wie die Zukunft? – Das ist vielleicht die schlimmste Situation, in die jemand geraten kann: Man wacht auf und ist in der falschen Zeit wie im sprichwörtlich falschen Film.

In Hannelore Valencaks Roman „Das Fenster zum Sommer“ wacht die Ich-Erzählerin Ursula eines Morgens auf und ist in die Vergangenheit zurückgeworfen. Eben noch war sie glücklich verheiratet, jetzt liegt sie wieder im dumpfen Kabinett bei der böswilligen Tante, wird zum Aufstehen gedrängt und geht auch brav in ihr ehemaliges Büro, wo der Alltag bissig einsetzt wie in Büros üblich.

Peter Pessl, Der Brief mit der Aufschrift

andreas.markt-huter - 16.01.2007

Buch-CoverFehlende Dinge deuten oft auf etwas Kriminelles hin. So kann eine unvollständige Anschrift letztlich genau so zu einem Täter führen wie die Bezeichnung Kriminal, von der offensichtlich ein Teil fehlt. Ist es ein Kriminalroman, ein Kriminalbeamter, eine Kriminalgroteske?

Peter Pessl lässt in seinem Kriminal-Buch so gut wie alles offen. Die Sätze werden nur angedeutet, Szenen erscheinen im Halbschatten, der zweite Teil eines Dialogs fehlt fast immer, ständig werden Situationen aufgerissen und offen gelassen.

Christine Haidegger, Fremde Mutter

andreas.markt-huter - 16.01.2007

Buch-CoverWie kann man einen Draht zur Geschichte entwickeln, wenn einem nicht einmal die eigene Mutter bekannt ist? - Die „fremde Mutter“ ist in Christine Haideggers Roman einmal eine biographisch ausgelöschte Person, zum anderen aber auch die Geschichte überhaupt.

Der Roman hat eine dramatische Konstellation, wie ihn keine Kunst, sondern ausschließlich das so genannte Leben entwickeln kann.

Magnus Mills, Ganze Arbeit

andreas.markt-huter - 15.01.2007

Buch-CoverManchmal reißt einen ein edler Umschlag mit poliertem Werkzeug in die düsterste Materie. Magnus Mills hat nichts Größeres vor, als die komplette Arbeitswelt als Wahnsinn darzustellen, uns Leser darin zu verstricken und dann das ganze mit Ironie in die Luft zu jagen.

Über das ganze Land verteilt gibt es ein geheimnisvoll wichtiges Transportunternehmen, das nichts anderes tut, als alle Transportgeräte und deren Fahrer in gleichmäßiger Bewegung zu halten. Zu diesem Zweck wurde der so genannte Univan erfunden, ein völlig untauglicher Klein-LKW, der außer sich selbst und den pragmatisierten Fahrern kaum etwas transportieren kann.

Franz Kabelka, Letzte Herberge

andreas.markt-huter - 10.01.2007

Buch-CoverKein Milieu ist vor Kriminalität sicher, das macht den Beruf eines Kommissars so aufregend, er gerät nämlich mit jedem Fall in ein spezielles Milieu.

Für Tone Hagen, der seit seiner Rückkehr ins Ländle stets angefressen und widerwillig ermittelt, ist wahrscheinlich ganz Vorarlberg ein undurchsichtiges Milieu.

Thomas Meinecke, Musik

h.schoenauer - 02.01.2007

Buch-CoverMusik ist bei Thomas Meinecke mehr als das Handling von Tönen, genau genommen gibt es ja auch eine Musik der Geschichte, eine Musik der Erotik, und alles, was zwischen zwei Körpern abläuft, ist letzten Endes so etwas wie Musik.

Musik ist eine Universalgeschichte der Gegenwart, worin so seltsam divergente Dinge wie Heimatkunde, Geschichtsbewusstsein, Kulturempfinden, Rollenverständnis und Alltagssexualität abgehandelt werden.