Roman

Clemens Berger, Die Wettesser

andreas.markt-huter - 01.04.2007

Buch-CoverBei einem echten Leser ist das Auge immer schneller als der rezipierte Begriff, der skurrile Titel „Wettesser“ verleitet zu optischen Abgleitungen, Wettleser, Wettmesser, Wet-desert, alles schwingt mit, ehe es klar ist: Hier geht es um das Fressen.

Clemens Berger hat seine skurrile Fabel von der Sinnlosigkeit aller Wettbewerbe an einem perversen Plot festgemacht. Zwei Japaner und zwei Amerikaner haben die Weltvormachtsstellung im Wett-Fressen inne, im entscheidenden Fress-Down siegt ein eher zierlicher Japaner mit kulturellen Schraffuren vor einem Ami-Ekel und Weltherrschaftsfettwanst par excellence.

Uwe Bolius, Der lange Gang

andreas.markt-huter - 25.03.2007

Buch-CoverDie so genannte „00-Nummer“ eines neuen Verlages ist immer aufschlussreich, gibt doch das erste Buch so etwas wie ein Programm vor.

Und für ein aufklärend essayistisches Programm, wie es der Innsbrucker Limbus Verlag in Zukunft betreuen will, bietet sich der Roman „Der lange Gang“ von Uwe Bolius geradezu von selbst an.

Annette Mingels, Der aufrechte Gang

andreas.markt-huter - 23.03.2007

Buch-CoverVielleicht muss man die richtige Liebe immer kalt und unauffällig halten und an extremen Figuren festmachen, damit sie langfristig funktioniert. Nichts ist nämlich schwieriger, als im aufrechten Gang durch die Slalomstangen der Gefühle zu wandeln.

Die Hauptfigur Ruth greift daher mit einem Arm ins reife Alter ihres Mannes, mit dem anderen in die Jugend des Sohnes ihrer besten Freundin.

Ilse Irmtraud Scherr, Mord auf Long Island

andreas.markt-huter - 15.03.2007

Buch-CoverDie tapsigste Figur in diesem possenhaften Provinzkrimi aus dem Kärntner Lavanttal ist sicher die lokale Dorfnudel Augusta Jerome, die als Autorin von Dorfgeschichten alles ins lächerliche Lot rückt.

So kommentiert sie auch die Geschehnisse des Krimis in Echtzeit und führt dem Leser durch ihr Geschreibsel vor Augen, dass alles noch blöder und trivialer sein könnte, wenn es nicht an Ort und Stelle durch die Heimatkunst aufgebrochen, ironisiert und damit erledigt würde.

Harald Gsaller, Schakolatta / Winterschlaf

andreas.markt-huter - 15.03.2007

Buch-CoverEin echter Doppelroman ist naturgemäß heftig aneinender gekoppelt wie eine Doppelgarnitur im Eisenbahnwesen, fahren doch beide Teile mit dem Leser die gleiche Strecke ab.

Schakolatta ist ein wonniglich verballhorntes Schokoladewort, das nach Belohnung und Glück klingt, und den Winterschlaf wünschen sich alle Berufsgruppen als Inbegriff von Wellness. Nach etwas Schokolade gibt es den lang ersehnten Winterschlaf, könnte man die beiden Romane zusammenfassen.

Werner J. Egli , Without A Horse

andreas.markt-huter - 12.03.2007

Buch-CoverVielleicht ist Amerika bloß ein Stück gesellschaftlicher Steppe und der Sinn des Lebens besteht darin, mit Pferden gut auszukommen und zu überleben.

Eine Frau tritt breitbeinig wie in einem Western auf, mitten in der Wüste liegt ein kleiner Ort, der bloß aus einer Ampel besteht, deren Lichtherz verlässlich schlägt. Von dieser Szene ausgehend tut sich bald einmal der Roman nach vorne und nach hinten auf.

Ronald Pohl, Die algerische Verblendung

andreas.markt-huter - 22.02.2007

Buch-CoverJeder Roman hat ja einen höheren Sinn, vielleicht ist der Sinn der „algerischen Verblendung folgender: Albert Camus wollte einst mit dem „Fremden“ einen grellen Algerienroman der Kolonialzeit schreiben.

Herausgekommen ist das Schicksal eines mysteriösen, fast mythisch verschlossenen Fremden, der am Höhepunkt des Romans einen Araber erschießt, damit wenigstens etwas geschieht.

Helwig Brunner, Nachspiel

andreas.markt-huter - 19.02.2007

Buch-CoverIm Fußball ist das Nachspiel jenes Fünfminutengeschenk, das der Schiedsrichter den Mannschaften und dem Publikum als Ersatz für vertrödeltes Spiel macht. In der Erziehung ist das Nachspiel eine Drohung: Das wird noch ein Nachspiel haben! Im Sex hingegen kommt das Nachspiel nur sehr selten vor und tritt als Mischung von schlechtem Gewissen und vertrödelten Chancen zutage.

Helwig Brunner legt in seinem Nachspiel fünf Personen ins Krankenhaus und lässt sie in Monologen nicht miteinander kommunizieren.

Marge Piercy, Sehnsüchte

andreas.markt-huter - 09.02.2007

Buch-Cover"Die Sehnsüchte von Frauen:/ Flügelschlag von Faltern gegen / Decken, die blaubemalt wie Himmel sind …". –Dieser wunderschöne Vers über Sehnsucht, Freiheit, Illusion, Himmel und Zimmerdecke ist einem gigantischen Kosmos vorgespannt, der sich über siebenhundert Seiten schwer als psychisches Soufflé vor der Leserschaft ausbreitet.

Aus drei Frauenfiguren flicht Marge Piercy einen Zopf, der immer strenger und unauflösbarer wird. Die Sehnsüchte der Frauen werden unter diesem strengen Zug der gesellschaftlichen Verstrickungen rigide abgewürgt, bis die Heldinnen dann verstört zur Erkenntnis kommen, ok, das wird es wohl gewesen sein.

Richard Wall, Rom

andreas.markt-huter - 08.02.2007

Buch-CoverGanz Rom ist ein Palimpsest, Geschichten, Gebäude, Kulturen und Wetterlagen sind dermaßen in einander verschachtelt, dass man nie die einzelnen Schichten als Ganzes los lösen kann. Wie wenn man ein Stück Wurzel aus der Erde zieht, ist immer noch etwas von früher und von woanders dran.

In der Kultur- und Literaturtheorie ist ein Palimpsest ein Text, in welchen aus pragmatischen Gründen ein anderer hineingeschrieben worden ist. Das berühmteste Palimpsest der Literaturgeschichte gibt es bei Thomas Pynchon, wo Agenten unter dem Schnauzer die geheime Botschaft eingeschrieben haben, sichtbar nur für jenen, der die richtige Rasur kennt.