Roman

Petros Markaris, Der Großaktionär

andreas.markt-huter - 26.05.2007

Buch-CoverKann ein wilder, spurenheißer Kommissar Gefühle haben? – Bin ich Bulle oder Vater, fragt sich mit Recht der griechische Kommissar Kostas Charitos, als seine Tochter auf einer Urlauber-Fähre entführt wird.

Griechenland: leicht korruptionsanfällig, etwas unglücklich agierend mit den türkischen Nachbarn, mehr in die EU gestolpert als getrippelt, von der großartigen Vergangenheit ununterbrochen zitiert, voll von hautbraun-geilen unpolitischen Touristen!

Barbara Vine ( = Ruth Rendell), Aus der Welt

andreas.markt-huter - 25.05.2007

Buch-CoverVielleicht besteht der Ur-Krimi darin, dass jemand den Ort oder die Zeit wechselt. Barbara Vines Krimi „Aus der Welt“ handelt von einem Orts-, Kultur- und Zeitwechsel der romantischen Art.

Irgendwie denken wir bei englischen Romanen ja alle an diese Gothics, die verschroben schrill auf alten Gütern spielen und die Figuren wohl gedrechselt und stofflich drapiert wie in einem Puppenspiel vor uns auftreten lassen. „Kleidsam erröten“ ist vielleicht eine Fügung, die voller Ironie auf jene Welt hinweist, die wir uns in erster Linie erlesen haben, die aber doch in Löchern der Fiktion die Realität durchschimmern lässt.

Gianrico Carofiglio, In freiem Fall

andreas.markt-huter - 25.05.2007

Buch-CoverNiemand hört wirklich zu rauchen auf. – Mit diesem Satz ist das ganze Konzept dieser Welt erklärt, wir alle sind irgendwo abhängig und kommen niemals los davon.

Avvocato Guido Guerrieri wird mit diesem ersten Satz sofort sympathisch. Da probiert also wieder einmal jemand, von seiner Sucht los zu kommen, aber es wird ihm nicht gelingen.

Ludwig Roman Fleischer, Die Enterbung

andreas.markt-huter - 07.05.2007

Buch-CoverWer glaubt, er ist, was er ist, täuscht sich gewaltig. Im Zeitalter der genetischen Nachverfolgung der Vorfahren entpuppt sich so mancher Stammbaumhalter als formidables Kuckuckskind.

So erwischt auch den Kulturjournalisten Michael Zbornik am Ende seiner Tage noch das große Reinemachen. Mit dem zittrigen Fieber Marke "subfebril" wird er ins Krankenhaus eingeliefert und kriegt von seinem befreundeten Leibarzt die niederschmetternde Prognose, dass er nicht mehr lange zu leben hat.

Colum McCann, Zoli

andreas.markt-huter - 26.04.2007

Buch-CoverKann man das Schicksal der Roma etwa gar mit dem bürgerlichen Erzählmittel der Buddenbrooks darstellen? Colum McCann scheint tatsächlich so etwas vorzuhaben, und es funktioniert auf der Oberfläche der Lektüre sogar.

Zoli ist eine Zigeuner-Dichterin aus der Gegend um Bratislava, die das geheimnisvolle Insiderwissen ihres Volkes ehrfurchtsvoll besingt, und dabei immer mit dem eigenen Leben und der politischen Lage in Verbindung bringt.

Ludwig Laher, Und nehmen was kommt

andreas.markt-huter - 11.04.2007

Buch-CoverManchmal knüpft der erste Absatz eines Romans bereits einen dermaßen vertrauenswürdigen Knoten mit dem Leser, dass man von der ersten Zeile an weiß, man ist in guten Erzähl-Händen.

Ludwig Laher ist für eingeweihte Leser ein Paradoxon, er erzählt nämlich die schmerzhaftesten Biographien mit einer mitreißenden Diskretion. Natürlich verheißt dieses verwucherte Gartenstück am Beginn dieses Romans nichts Gutes.

Jürgen Benvenuti, Big Deal

andreas.markt-huter - 11.04.2007

Buch-CoverAuch in der Krimiwelt gibt es längst globalisierte Verhältnisse. Da brechen im Drogenparadies Kolumbien unter Bossen Zoff und Verrat aus, und der alte Kontinent Europa muss einspringen, um Kronzeugen und Verrätern Unterschlupf zu gewähren.

Die Organisation DEA hat nichts mit Digitalisierung von Texten zu tun, sie ist die amerikanische Drogenbekämpfungsbehörde, welche mit allen rechten und unrechten Mitteln einen so genannten sauberen Kampf gegen das Böse führt.

Angelika Reitzer, Taghelle Gegend

andreas.markt-huter - 05.04.2007

Buch-CoverEs gibt wirklich diese lichten Romane, die vom Titel weg bis zur letzten Zeile etwas Speedig-Helles ausstrahlen.

In Angelika Reitzers Roman wird es schon auf der ersten Seite in einem Innenhof hell, die Bäume sind zwar für diese Saison am Ende der Blüte, aber zu ihren Füssen steht in einer Sandkiste bereits das Spielzeug bereit, um bei Bedarf jederzeit ein Stück Kindheit in den Sand zu spielen. Und diese Kindheit kann überall aus der Hüfte heraus einsetzen und bringt die Protagonistin in eine optimistische Stimmung.

Clemens Berger, Die Wettesser

andreas.markt-huter - 01.04.2007

Buch-CoverBei einem echten Leser ist das Auge immer schneller als der rezipierte Begriff, der skurrile Titel „Wettesser“ verleitet zu optischen Abgleitungen, Wettleser, Wettmesser, Wet-desert, alles schwingt mit, ehe es klar ist: Hier geht es um das Fressen.

Clemens Berger hat seine skurrile Fabel von der Sinnlosigkeit aller Wettbewerbe an einem perversen Plot festgemacht. Zwei Japaner und zwei Amerikaner haben die Weltvormachtsstellung im Wett-Fressen inne, im entscheidenden Fress-Down siegt ein eher zierlicher Japaner mit kulturellen Schraffuren vor einem Ami-Ekel und Weltherrschaftsfettwanst par excellence.

Uwe Bolius, Der lange Gang

andreas.markt-huter - 25.03.2007

Buch-CoverDie so genannte „00-Nummer“ eines neuen Verlages ist immer aufschlussreich, gibt doch das erste Buch so etwas wie ein Programm vor.

Und für ein aufklärend essayistisches Programm, wie es der Innsbrucker Limbus Verlag in Zukunft betreuen will, bietet sich der Roman „Der lange Gang“ von Uwe Bolius geradezu von selbst an.