Roman

Gabriele Kögl, Mutterseele

h.schoenauer - 14.11.2005

k%C3%B6gl_mutterseele.jpgDas Leben der Erzählerin, einer Mutter von drei Kindern, ist gelaufen, viele Dinge sind abgelaufen wie die sprichwörtliche Sanduhr ihre Körner ablaufen lässt, und letztlich sind auch noch die Wünsche davongelaufen. Die Frau geistert mit sich selbst durch das steirische Hinterland, nicht einmal nach Graz wird sie noch kommen, weil man ja ein gutes Bezirkskrankenhaus ins Land gebaut hat, und da wird die Mutterseele wohl auch eines Tages sterben.

Die Gedanken gehen in losem Zickzack nach vorne und nach hinten, vom Blumenschmuck am eigenen Grab ausgehend geht es zurück in die Jugend, wo einst der Haustyrann gestorben ist, nachdem er alle im Haus schikaniert hat. Die Nachbarn beargwöhnen diesen Tod und sind neidig, dass dieser Tyrann gestorben ist, während sie den ihrigen noch pflegen müssen.

Hans Perting, Im Sechsten Arm

h.schoenauer - 07.11.2005

Buch-CoverEs gibt Jahre, die dicht sind. Und es gibt Jahre, die durchlässig sind. Immer wieder läutet diese Weisheit der Chronisten ein neues Kapitel in der Lebensgeschichte eines zum Katholizismus konvertierten Vinschgers ein.

Salomon Glauber hat in der Identitätsleere Südtirols nach 1918, als das Land zwischen Koma, Saint Germain, Italien und verblichener Habsburger Monarchie zu verschwinden droht, seine Konfession gewechselt, der Liebe willen. Als Jude ist er Katholik geworden, obwohl das irgendwie nicht geht, und auch Südtirol ist italienisch geworden, was scheinbar auch nicht geht.

Jonathan Safran Foer, Extrem laut und unglaublich nah

h.schoenauer - 18.10.2005

Buch-CoverNeunjährige ticken anders, auch wenn sie frühreife Genies sind. In Jonathan Safran Foers Roman gibt es daher viele leere Seiten, Seiten mit nur einem Satz drauf, und Bilder, die auf den ersten Blick ziemlich verworren sind.

Extrem laut und unglaublich nah ist die Kurzbeschreibung für die generelle Wahrnehmung des neunjährigen Oskar Schell. Er trommelt sich wie in Günter Grass Roman als Oskar mit seiner Blechtrommel durch New York und sucht seinen Vater.

Walter Kappacher, Selina oder das andere Leben

h.schoenauer - 16.10.2005

Buch-CoverEs gibt diese Romane, die sind heruntergefahren wie Murmeltiere im Winterschlaf und gerade deshalb knistrig heiß und aufregend. Walter Kappacher, der Meister des erzählten Stillstands, schickt in seinem Selina-Roman einen Lehrer in die Auszeit, um das andere Leben zu entdecken.

Irgendwie ergibt es sich, dass ein Häuschen in der Toskana frei steht und der belesene Hausbesitzer Heinrich überlässt daher die Daseinsexklave dem Lehrer Stefan mit der Aufgabe, das Haus in purem Nichtstun zu bewohnen.

Ludwig Thalheimer, Undercover

h.schoenauer - 04.10.2005

Buch-CoverAus dem Agentenmilieu kennen wir das Undercover-Syndrom, es geht um verdeckte Ermittlungen, verdeckte Recherchen, verdeckte Fahndungen. Ludwig Thalheimer fotografiert in Undercovermanier.

Auf dem ersten Bild sieht man jeweils "bloß" die Augen und schaut ins intime Innere eines nicht vorhandenen Menschen. Blättert man dann um, sieht man den Menschen, dem man bereits in die Augen geblickt hat. Aber jetzt sind die Augen abgedeckt wie auf einem Pressefoto, worin man eine Person inkognito machen will.

Stanislav Struhar, Eine Suche nach Glück Roman

h.schoenauer - 26.09.2005

Buch-Cover

Im Schloss von Franz Kafka treten ab und zu zwei Trottel auf, die den Landvermesser in seiner Suche nach dem Glück im Schloss stören. An diese zwei Deppen muss man denken, wenn in Stanislav Struhars Roman zwei ausgerastete Männer aus dem Verlagswesen eine Frau belästigen, die gerade auf offener Straße geistig ein wertvolles Buch lektoriert.

An dieser Stelle wird es für den Ich-Erzähler Zeit, einzugreifen. Er rettet die Frau vor der Belästigung und bringt sich selbst ins Spiel, indem er sich zwei Finger bricht.

Helene Flöss, Brüchige Ufer

h.schoenauer - 19.09.2005

Buch-CoverDie Geschichte als rauschender Fluss, der immer wieder das Ufer annagt, und wer zu knapp am brüchigen Ufer steht, wird mitgerissen oder überschwemmt!

Helene Flöss erzählt irgendwie die Burgenländische Landesgeschichte anhand einer Dummy-Familie, die zwischen 1900 und der Gegenwart quasi Crash-Tests mit der Geschichte durchführt. Fixpunkte sind jeweils Begräbnisse, jemand wird begraben, und während der Sarg in die Tiefe rasselt, setzt seine Story ein.

Elias Schneitter, Frühstück mit Sonnenbrille

h.schoenauer - 16.09.2005

Buch-CoverHinter den Prospekten vom schönen Dorf gibt es jene sozialen Everglades, in denen einsame Jäger ihre Dosenbiere trinken und den Alligatoren beim Dösen zusehen.

In Elias Schneitters skurrilem Roman sitzen ein paar Figuren am Rande des Dorfes und zerkugeln sich vor Lachen. Nicht umsonst heißt ihr Headquarter für geistige Getränke "Kugellagerbar", eine Bar, von der die kreisförmigsten Gedanken ausgehen. Heißt sie jetzt so, weil einmal ein Mechaniker mit Kugellagern darin gearbeitet hat, oder weil sich alles wie geschmiert im Kreis dreht, oder weil man sich wirklich zerkugelt?

Jochen Jung, Venezuela

h.schoenauer - 13.09.2005

Buch-CoverMein Vater war ein Nazi! - So beginnen mittlerweile tausende Aufarbeitungsromane und dieser Satz ist längst zum schönsten in der deutschen Gegenwartsliteratur gekrönt worden. Aber Jochen Jung gehört dieses mal nicht zu den üblichen Autoren, die sich die Vergangenheit vom Leib schreiben, er nimmt diese literarischen Aufarbeitungsmythen selbst zum Thema für eine Groteske.

Im kleinen Venezuela-Roman wird das Groteske doppelt behandelt, einmal als Thema und dann in der Vorführweise. Die Geschichte wird nämlich nicht erzählt sondern am Nasenring vorgeführt.

Manfred Wieninger, Der Engel der letzten Stunde

h.schoenauer - 11.09.2005

Buch-CoverDer Überkrimi schert sich nicht um Plot oder Leichen, sondern saugt wie ein überdimensioniertes Argusauge die Stimmung aus den letzten Winkeln einer Gegend. Der Kommissar oder Privatdetektiv dient in solchen Romanen als Ansaugdüse, um Dreck, schlechte Stimmung und Ödnis aufzustöbern.

Marek Miert lebt in der Tristesse Ostösterreichs, sein Empfindungszustand lässt sich am besten mit seinen eigenen Worten beschreiben: "Ich hatte prähistorische, holländische Glashaus-Oliven gefrühstückt, einen Rest bulgarischen Knäckebrotes aus dem Sonderangebot und schlechte Laune, denn ich hatte während der angeblich wichtigsten Mahlzeit des Tages meine Kontoauszüge studiert." (6)