Roman

Jonathan Safran Foer, Extrem laut und unglaublich nah

h.schoenauer - 18.10.2005

Buch-CoverNeunjährige ticken anders, auch wenn sie frühreife Genies sind. In Jonathan Safran Foers Roman gibt es daher viele leere Seiten, Seiten mit nur einem Satz drauf, und Bilder, die auf den ersten Blick ziemlich verworren sind.

Extrem laut und unglaublich nah ist die Kurzbeschreibung für die generelle Wahrnehmung des neunjährigen Oskar Schell. Er trommelt sich wie in Günter Grass Roman als Oskar mit seiner Blechtrommel durch New York und sucht seinen Vater.

Walter Kappacher, Selina oder das andere Leben

h.schoenauer - 16.10.2005

Buch-CoverEs gibt diese Romane, die sind heruntergefahren wie Murmeltiere im Winterschlaf und gerade deshalb knistrig heiß und aufregend. Walter Kappacher, der Meister des erzählten Stillstands, schickt in seinem Selina-Roman einen Lehrer in die Auszeit, um das andere Leben zu entdecken.

Irgendwie ergibt es sich, dass ein Häuschen in der Toskana frei steht und der belesene Hausbesitzer Heinrich überlässt daher die Daseinsexklave dem Lehrer Stefan mit der Aufgabe, das Haus in purem Nichtstun zu bewohnen.

Ludwig Thalheimer, Undercover

h.schoenauer - 04.10.2005

Buch-CoverAus dem Agentenmilieu kennen wir das Undercover-Syndrom, es geht um verdeckte Ermittlungen, verdeckte Recherchen, verdeckte Fahndungen. Ludwig Thalheimer fotografiert in Undercovermanier.

Auf dem ersten Bild sieht man jeweils "bloß" die Augen und schaut ins intime Innere eines nicht vorhandenen Menschen. Blättert man dann um, sieht man den Menschen, dem man bereits in die Augen geblickt hat. Aber jetzt sind die Augen abgedeckt wie auf einem Pressefoto, worin man eine Person inkognito machen will.

Stanislav Struhar, Eine Suche nach Glück Roman

h.schoenauer - 26.09.2005

Buch-Cover

Im Schloss von Franz Kafka treten ab und zu zwei Trottel auf, die den Landvermesser in seiner Suche nach dem Glück im Schloss stören. An diese zwei Deppen muss man denken, wenn in Stanislav Struhars Roman zwei ausgerastete Männer aus dem Verlagswesen eine Frau belästigen, die gerade auf offener Straße geistig ein wertvolles Buch lektoriert.

An dieser Stelle wird es für den Ich-Erzähler Zeit, einzugreifen. Er rettet die Frau vor der Belästigung und bringt sich selbst ins Spiel, indem er sich zwei Finger bricht.

Helene Flöss, Brüchige Ufer

h.schoenauer - 19.09.2005

Buch-CoverDie Geschichte als rauschender Fluss, der immer wieder das Ufer annagt, und wer zu knapp am brüchigen Ufer steht, wird mitgerissen oder überschwemmt!

Helene Flöss erzählt irgendwie die Burgenländische Landesgeschichte anhand einer Dummy-Familie, die zwischen 1900 und der Gegenwart quasi Crash-Tests mit der Geschichte durchführt. Fixpunkte sind jeweils Begräbnisse, jemand wird begraben, und während der Sarg in die Tiefe rasselt, setzt seine Story ein.

Elias Schneitter, Frühstück mit Sonnenbrille

h.schoenauer - 16.09.2005

Buch-CoverHinter den Prospekten vom schönen Dorf gibt es jene sozialen Everglades, in denen einsame Jäger ihre Dosenbiere trinken und den Alligatoren beim Dösen zusehen.

In Elias Schneitters skurrilem Roman sitzen ein paar Figuren am Rande des Dorfes und zerkugeln sich vor Lachen. Nicht umsonst heißt ihr Headquarter für geistige Getränke "Kugellagerbar", eine Bar, von der die kreisförmigsten Gedanken ausgehen. Heißt sie jetzt so, weil einmal ein Mechaniker mit Kugellagern darin gearbeitet hat, oder weil sich alles wie geschmiert im Kreis dreht, oder weil man sich wirklich zerkugelt?

Jochen Jung, Venezuela

h.schoenauer - 13.09.2005

Buch-CoverMein Vater war ein Nazi! - So beginnen mittlerweile tausende Aufarbeitungsromane und dieser Satz ist längst zum schönsten in der deutschen Gegenwartsliteratur gekrönt worden. Aber Jochen Jung gehört dieses mal nicht zu den üblichen Autoren, die sich die Vergangenheit vom Leib schreiben, er nimmt diese literarischen Aufarbeitungsmythen selbst zum Thema für eine Groteske.

Im kleinen Venezuela-Roman wird das Groteske doppelt behandelt, einmal als Thema und dann in der Vorführweise. Die Geschichte wird nämlich nicht erzählt sondern am Nasenring vorgeführt.

Manfred Wieninger, Der Engel der letzten Stunde

h.schoenauer - 11.09.2005

Buch-CoverDer Überkrimi schert sich nicht um Plot oder Leichen, sondern saugt wie ein überdimensioniertes Argusauge die Stimmung aus den letzten Winkeln einer Gegend. Der Kommissar oder Privatdetektiv dient in solchen Romanen als Ansaugdüse, um Dreck, schlechte Stimmung und Ödnis aufzustöbern.

Marek Miert lebt in der Tristesse Ostösterreichs, sein Empfindungszustand lässt sich am besten mit seinen eigenen Worten beschreiben: "Ich hatte prähistorische, holländische Glashaus-Oliven gefrühstückt, einen Rest bulgarischen Knäckebrotes aus dem Sonderangebot und schlechte Laune, denn ich hatte während der angeblich wichtigsten Mahlzeit des Tages meine Kontoauszüge studiert." (6)

Alfred Komarek, Die Schattenuhr

h.schoenauer - 29.08.2005

Buch-CoverWenn in der Literatur etwas schier unerträglich schön ist, spricht man von einem Locus amoenus. Alfred Komarek hat den Lokus-Roman als Literaturgattung erfunden. In diesen Romanen tauchen die Helden in einer schönen Gegend auf und arbeiten sich durch den Fremdenverkehrsprospekt.

Im neuen "Käfer"-Roman geistert Daniel Käfer wieder durch das Ausseer Land, dem Roman ist als Lesezeichen eine himmelschreiend schöne Postkarte des Tourismusverbandes Salzkammergut-Ausseerland eingelegt und die Handlung ist bald einmal erzählt.

Ludwig Laher, Folgen

h.schoenauer - 25.08.2005

laher_folgen.jpgFolgen hat dabei mindestens drei Bedeutungen: Einmal ist es das pädagogische Gehorchen, das in jeder Kindheit steckt. Dann sind sicher im Sinne des Fortsetzungsromans die einzelnen Abschnitte gemeint, die sich zu einer Abfolge als Leben zusammenschließen. Und schließlich geht es um die Idee der Konsequenz, alles, was wir tun, ist die Folge von etwas Vorausgegangenem.

Die dargestellte Kindheit ist auf den ersten Blick gewöhnlich wie alle österreichischen Kindheiten von Menschen, die anläßlich des österreichischen Staatsvertrags geboren sind. Das Besondere an der Laherschen Erzählweise ist die Konstellation, in der diese Geschichte aufgespannt ist. Der Erzähler ist genauso alt wie der Vater, als dieser starb. Gleichzeitig handelt ein wichtiges Buch des Erzählers von einem Sohn, der knapp vor fünfzig die Aufzeichnungen seines Vaters gelesen hat, der ein Nazi gewesen ist.