Beziehung

Bernhard Strobel, Sackgasse

andreas.markt-huter - 07.10.2007

Buch-CoverWenn man so Einfamilienhäuser verloren in ihren Siedlungen liegend betrachtet, fragt man sich oft, wozu diese Dinger gut sein könnten. Bernhard Strobel lässt darin frech seine Sackgassen-Erzählungen spielen, und der Sound kaputter Wüstenrothäuschen entwickelt sich sofort zu einem beeindruckenden Ereignis.

Jemand kann nicht schlafen, die Nacht ist unendlich lang und wird vor allem nach hinten hin zu einer unerträglichen Sackgasse des Empfindens. Da führen Johannes und seine Schwester ein Gespräch voller Trash und Langeweile, um die Zeit totzuschlagen.

Andreas Renoldner, Unter die Haut

andreas.markt-huter - 07.10.2007

Buch-CoverWas für ein sinnlich gruseliger Titel! - Unter die Haut geht bekanntlich alles, was man an Schrecken und Gefühlsexplosion als Inhaber eines Körpers noch nicht richtig einem Sinnesorgan zuordnen kann, und unter die Haut wird im medizinischen oder Junkie-Bereich alles gespritzt, was nicht in die Venen gehört.

Andreas Renoldner bringt für seine verspielt kühle Liebesgeschichte einen Erzähler in Stellung, der immer wieder ins lyrische Du hinüberwechselt, aber dann doch recht ernüchtert unter seine eigene Haut schlüpft, in der er manchmal gar nicht stecken will.

Margit Schreiner, Haus, Friedens, Bruch

andreas.markt-huter - 02.10.2007

Buch-Cover

Wenn es im Leben drunter und drüber geht, hilft ein geradliniges Buch gar nichts, da muss eine Texttrommel her, die die Lebensgeschichte ordentlich durch wirbelt.

Margit Schreiners Konvolut mit dem aufgesplitteten Titel "Hausfriedensbruch" zerlegt eine komplizierte Lebenssituation in die scheinbar so harmlosen Wörter Haus, Frieden und Bruch. Die Ich-Erzählerin ist Schriftstellerin, Alleinerzieherin, Wechseljahrgang und Wohnungsbewohnerin. Aus diesen Zuständen ergibt sich ein rasantes Leben, das mit Überdruck durch die eigenen Adern schießt.

Linda Stift, Stierhunger

andreas.markt-huter - 02.10.2007

Buch-CoverDer Gugelhupf gilt nicht nur als der König der österreichischen Kaffeejause, unter Gugelhupf versteht man auch eine psychiatrische Anstalt mit mehr oder weniger ringförmigem Auslauf.

Der Roman Stierhunger beginnt wie eine Vorabendserie. Eine unbekannte Frau bittet die Ich-Erzählerin, ihr doch den halben Gugelhupf abzunehmen, da ihr ein ganzer zu viel ist. Über den Gugelhupf kommen bekanntlich die skurrilsten Leute zusammen, die Erzählerin ist bald einmal bei der Gugelhupffrau zu Gast und erlebt einen Transfer in eine andere Zeit.

Helene Flöss, Der Hungermaler

andreas.markt-huter - 26.09.2007

Buch-CoverSogenannte echte Künstler erleben nicht nur die Welt manchmal als unerträglich, auch die Erotik flippt öfter einmal in seltsame Seitengassen der Empfindung aus, wenn sie von Künstlern ins Spiel gebracht wird.

Helene Flöss stellt in ihrer Erzählung Der Hungermaler zwei erotisch extravagante Typen vor. Sie ist eine perfekte Weberin, die vor allem im sakralen Bereich hinreißende an der Schöpfung angelehnte Altartücher und andere gewebte Devotionalien kreiert, er ist ein Hungermaler, weil er nichts zu beißen hat und auch selten über die Phase der Entwürfe hinauskommt.

Kurt Lanthaler, Das Delta

andreas.markt-huter - 21.09.2007

Buch-CoverIm Zeitalter durchgehender Terrorangst darf man nirgendwo auf der Welt einen Koffer abstellen, ohne dass dieser nicht sofort gesprengt würde.

Diese Erfahrung macht auch der Lebenskünstler Fedele Conte Mamai - wörtlich übersetzt der treue Graf Niemals (S. 78) -, als er nach Jahrzehnten wieder in das Po-Delta zurückkehrt. Irgendwie verliert er den Koffer aus den Augen und ist schon dran. Carabinieri wollen alles wissen, wer warum weshalb, und genau auf diese Fragen weiß der treue Graf keine Antwort.

Gabriele Bösch, Der geometrische Himmel

andreas.markt-huter - 18.09.2007

Buch-CoverNirgendwo lässt sich die Geschichte so genau beschreiben wie im Familienkreis. Selbst die großen weltbewegenden Vorgänge wirken manchmal wie ein Durchblättern eines Familienalbums.

In Gabriele Böschs Erzählung stellt eine so genannte Dutzendfamilie die Zeitgeschichte der Sechziger- und Siebzigerjahre dar. Magische Jahreszahlen tauchen als Kapitelüberschriften auf, 1948, 1958, 1979 etwa, und man merkt gleich, dass diese herausgepickten Jahre nicht immer mit den großen Ereignissen in der Welt etwas zu tun haben. Es sind persönliche Fransen, wo ein Familienmitglied vielleicht etwas Poetisches, Elementares oder auch nur bemerkenswert Alltägliches erlebt hat.

Hans Salcher, Vater

andreas.markt-huter - 18.09.2007

Buch-CoverDein Bild ist gemalt / wir bewundern es jeden Tag! – Bereits diese Präambel, die wie ein Grabstein vor die Erzählung gemeißelt ist, lässt erahnen, mit welcher Inbrunst hier ein Vaterbild an die Wand der Erinnerung gehängt wird.

Die strengen Züge des Vaters werden Absatz für Absatz entstrafft, bis allmählich ein gutmütiges, wohlwollenden und trauriges Erinnerungsbild übrig bleibt.

Wolfgang Pollanz, Das Seufzen meiner Mutter

andreas.markt-huter - 04.07.2007

Buch-CoverEin aufregendes Leben beginnt üblicherweise mit einer Sturzgeburt, während die Mutter seufzt.

Wolfgang Pollanz nimmt die Kunst der literarisch aufgeblasenen Selbstbiographie äußerst wörtlich und stellt in sechs Episoden ausgewiesene Helden vor, die als Icherzähler letztlich alle vom Zeitgeist erzählen, der durch die Republik Österreich weht.

Udo Kawasser, Einbruch der Landschaft

andreas.markt-huter - 04.07.2007

Buch-CoverEinbruch ist so ungefähr das aufregendste Wort, das in der Literatur auftauchen kann. Da gibt es den Klassiker im Krimibereich, wo einfach ein Einbruch geschieht, im Sport erleiden Helden oft knapp vor dem Ziel ihren totalen Einbruch und auch der psychische Einbruch ist nicht ohne.

Wenn nun plötzlich die Landschaft einbricht, steckt vermutlich ein geographisch psychologisches Urereignis im Hintergrund.