Beziehung

Brita Steinwendtner, Im Bernstein

h.schoenauer - 15.05.2005

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"So schnell ließe sich ein Leben erzählen." (11) Tatsächlich geht es in Brita Steinwendtners Roman im Vorspann vorerst einmal ruckezucke zu.

Isa sucht wieder einmal einen Neubeginn, der Vater ist im Krieg gefallen, die Mutter stirbt, als sie vierzehn ist, nach der Hauptschule gibt es eine Schneiderlehre, dann etwas Studium, Au-pair-Mädchen in Paris und Los Angeles, mit 25 in Wien eine Stelle bei einer Tageszeitung, Heirat und Scheidung, irgendwann kehrt Isa nach Linz zurück und gründet ein eigenes Büro.

Jason Starr, Twisted City

h.schoenauer - 29.04.2005

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Nach zwei, drei Leichen ist auch der härteste Typ irgendwie angeschlagen. Andererseits braucht es in der thrillernden Gegenwartsliteratur einfach diese Leichen, um ans Innere des Helden ran zu kommen.

Jason Starr erzählt von der grandiosen Stadt New York, die offensichtlich an jener dünnen Linie am aufregendsten ist, an der die Welt des Erfolges in Misserfolg übergeht. Nicht umsonst heißt der Romantitel wörtlich übersetzt ?verdrehte Stadt?.

Patrick Hamilton, Hangover Square

h.schoenauer - 16.04.2005

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Hangover ist jener Zustand, den man in den Alpen akademisch mit Spätfetzen oder Post-Sud bezeichnet. Der Hangover Square ist also ein Bermuda-Dreieck des Alkohols, worin Helden schon zu Lebzeiten immerwährend versickern können.

Von Patrick Hamilton wird daher in der Literaturgeschichte mit Süffisanz erzählt, dass er nach einem Autounfall für das Leben entstellt und die Literatur ideal eingestellt gewesen ist. Als krönender Abschluss solcher Dichterbiographien gilt dabei ein Tod infolge von Leberzirrhose.

Eva Menasse, Vienna

h.schoenauer - 16.04.2005

Buch-CoverEin guter Roman steht und fällt mit dem ersten Satz. Eva Menasses Roman "Vienna" ist daher ex kathedra gesprochen ein guter Roman, denn der Anfangssatz wird den Lesern noch in Erinnerung sein, da mag der Roman schon längst auf der Halde der Antiquariate liegen. "Mein Vater war eine Sturzgeburt." (9) Wuff, nach so einem Satz gibt es nur noch eines: Weiterlesen!

Da raunzen sich auf vierhundert Seiten Figuren durch den Kosmos und schaffen durch Sprachstil, Ironie und perverses Abschweifen vom gerade ausgegebenen Thema jenen Kosmos, der sich durchaus Vienna nennen lässt. Der international gehaltene Namen dieser verrückten Stadt Wien deutet darauf hin, dass die Figuren auch eine Außensicht auf die Stadt haben, wenn auch nicht freiwillig.

Martin Pichler, Nachtreise

h.schoenauer - 11.04.2005

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Jeder hat in seinem Kleiderschrank der Lektüre ein paar Sterbeklamotten hängen. Bei den germanistisch getunten Lesern ist das Hermann Brochs Roman "Der Tod des Vergil", worin es der antike Autor Vergil einfach nicht "derstirbt" und so noch bis zur Ermattung des Lesers das Abendland rettet.

Für Amerikanisten ist es William Faulkners "Als ich im Sterben lag". Darin berichtet einzigartig in der Literatur das erzählende Ich, wie es so beim Sterben zugeht. Und die österreichischen Patrioten haben natürlich Peter Handkes "Wunschloses Unglück" ganz vorne auf der Sterbestange hängen. Während der Sohn die Erinnerungsstücke an die verstorbene Mutter zusammenklaubt, entsteht dieses gepresste Panorama einer hyperharmonischen dörflichen Nachkriegsidylle.

Martin Suter, Huber spannt aus

h.schoenauer - 27.03.2005

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Irgendwie ticken sie nicht richtig, diese Business-Menschen. Unter einander haben sie ein undurchschaubares Regelwerk der Kommunikation installiert, nach außen hin fungieren sie abgeschottet und quasi nicht von dieser Welt.

Martin Suter veröffentlicht seit Jahren satirische Miniknigges aus dem Dschungel der Business-Welt, dabei blicken dynamische Akteure plötzlich gelähmt auf ihr eigenes "Wurstelwerk" von Nonsens, während die von der Wirtschaft bereits still gelegten Menschen schadenfroh nicken: "Na macht nur mal!"

Sibylle Mulot, Die Fabrikanten

h.schoenauer - 27.03.2005

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Manchmal kann ein Stau im Geldfluss eine neue Sicht auf die Welt eröffnen.

In Sibylle Mulots Roman "Die Fabrikanten" ruft die Studentin Lis Kahn von Oslo aus zu Hause im Schwarzwald an, die Telefonmünze klemmt, das Gespräch mit der Mutter wird zeitlich unbegrenzt und es tut sich ein Abgrund auf. Die Familie ist bankrott, Lis muss sofort nach Hause fahren, das Studium abbrechen, Buchhändlerin werden und ihr Leben als Bürgschaft an die Bank verpfänden.

Jürgen Lagger, Öffnungen

h.schoenauer - 24.02.2005

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In Politik und öffentlichem Ansprachenverkehr gibt es kaum ein Wort, das so innig verwendet wird wie Öffnungen.

Ob es sich nun um Ostöffnungen, Öffnungen am Arbeitsmarkt oder kulturelle Öffnungen handelt, immer soll dieses Wort auch einen leichten Durchzug verströmen, als ob es selbst eben eine Öffnung entfahren wäre.

Zvi Jagendorf, Die fabelhaften Strudelbakers

h.schoenauer - 15.02.2005

Buch-CoverManchmal ist der Beginn einer Geschichte so unglaublich, dass selbst die Figuren der Geschichte darüber den Kopf schütteln und sich fragen, ob es so etwas in der Literatur geben kann.

Im Roman von den fabelhaften Strudelbakers fährt ein Onkel des Protagonisten Wolfy als Toter mit der Straßenbahn durch Wien, es ist genau 1937 und ein Samstagabend. Die Reise des Toten ist symptomatisch für die Geschichte des Kontinents am Vorabend der Judenvernichtung durch die Nazis. Die Verwandten von Onkel Kalmann flüchten von Wien nach London und gelten dort als "Flichtlinge", dieser spöttische Ausdruck sagt es genau, was sie erwartet: Unwillkommenheit! Man tut zwar verbal sehr human, in Wirklichkeit aber ist hier niemand willkommen.

Klaus Merz, Los

h.schoenauer - 01.02.2005

Buch-CoverDie kürzesten Wörter lösen oft die größten Geschichten aus. In diesem kleinen "LOS? ist alles drin: Schicksal, Befehl, Abzählreim, Tombola oder schlicht - was ist los?

Klaus Merz hat die Erzählung dann noch kürzer und straffer gehalten, als es dieses kleine Wort ohnehin suggeriert. Im klassischen Duktus einer Grenzgeschichte bricht Mister Thaler zu einer Bergtour auf, stürzt ab und ist sein Leben los. Von hinten her, als Thaler schon verschollen und gestorben ist, rollt sich sein Leben in flockig leichten aber spitzkantigen Sätzen auf.