Beziehung

Manfred Mixner, Geschichten von Anderen

h.schoenauer - 11.03.2020

Geschichten von AnderenWenn man lange genug magisch auf eine Gegend schaut, entsteht dabei die Literatur wie von selbst. Der schwedische Wald hat, wie übrigens auch der Innsbrucker Mitterweg, die Kraft, täglich neue Geschichten wachsen zu lassen.

Der Grazer Literaturverwalter und Schriftsteller Manfred Mixner sitzt schon seit Jahren im schwedischen Wald und blättert in alten Aufzeichnungen, sortiert die Geschichten neu und holt Höhepunkte der Literaturvermittlung als Rundfunkmacher und Literaturhausbetreiber aus den Mappen.

Christos Chryssopoulos, Parthenon

h.schoenauer - 06.03.2020

parthenonKann etwas durch Zerstören entstehen? Kann ein Kunstwerk ohne Zerstörung vollkommen sein? Kann im Terror ein Sinn innewohnen?

In Christos Chryssopoulos Roman wird das Parthenon in Athen gesprengt und ein mutmaßlicher Attentäter wird stracks hingerichtet. Im Original ist von der Zerstörung oder Dekonstruktion des Parthenon die Rede. In der durch die Romantik schön gefärbten Griechenwelt der Deutschen tritt nur mehr das Parthenon selbst im Titel auf, seine fiktive Zerstörung will man der deutschen Touristenseele nicht zumuten.

Hans Platzgumer, Drei Sekunden Jetzt

h.schoenauer - 28.02.2020

hans platzgumer, drei sekunden jetztUm sein wahres Leben zu begreifen, muss man sich zwischendurch aus dem Leben hinausträumen. Die Satten träumen dabei vom Abenteuer-Hunger, die Hungrigen vom Abenteuer satt zu sein.

Hans Platzgumer steckt seinen Helden Francois in Marseille in den Status eines Findelkindes. Dadurch ist jede Herkunft möglich und was immer auch geschieht, es ist adoptiertes Verhalten, denn die genetischen Spuren liegen im Dunkeln. Der Ich-Erzähler wird von seiner leiblichen Mutter in einem Einkaufswagen in einem Einkaufszentrum abgestellt, wie in der Videoüberwachung zu sehen ist. Der Held wird der Konsumgesellschaft zur Verfügung gestellt.

Jean-Marc Ceci, Herr Origami

h.schoenauer - 24.02.2020

jena-mar ceci, herr origamiEin Roman gilt üblicherweise als Podium für Üppigkeit von Figuren und Ausstattung, Verknotung von Handlungen, Spiegelung von winkeligen Seelensträngen. Das Gegenteil müsste so etwas wie der Zen-Roman sein, ein Text voller Reduktion bis hin zur Auflösung jeglicher Konsistenz.

Jean-Marc Ceci hält wie ein Zen-Meister seine eigene Biographie klein bis zur Unscheinbarkeit. Er gibt nur zu, auf einer Universität zu unterrichten und in Südbelgien zu leben. Offensichtlich hat er sich die eigene Biographie von seinem Helden abgeschaut, der als Zwanzigjähriger aus Japan nach Italien fährt, um sich zu verlieben. Als Sechzigjähriger ist er dann Meister der Papierkunst und wird Herr Origami genannt. Seine Liebe ist in unzählige Papierfaltungen eingeflossen und verdunstet.

Isabella Breier, DesertLotusNest

h.schoenauer - 19.02.2020

isabella breier, desert lotus nestIm idealen Roman steigt man als Leser nicht nur ein bisschen aus, sondern vollkommen. Der ideale Roman liefert neben den Heldinnen und der Handlung daher gleich auch das Wertesystem mit, mit dem man der fiktionalen Fliehkraft begegnen kann.

Isabella Breiers Roman tritt in Gestalt eines wissenschaftlichen Handbuches auf. Der Titel deutet auf eine Rarität hin, die gerade entdeckt und erforscht worden ist, die Anmerkungen zur Poetik des Phönix zeigen unbekannte Studien, und ein Fußnotenapparat zitiert ein Werk der Autorin, das erst in ein paar Jahren erschienen sein wird.

Sophie Reyer, Tausendundein Tag

h.schoenauer - 17.02.2020

sophie reyer, tausendundein tagGeschichten sind oft Destillate aus einem gewissen Zeitabschnitt, die Märchen hingegen mischen mit ihrer Zeitlosigkeit die jeweilige Epoche auf. Wenn man nun die Geschichten in die Zeit streut, kann man vielleicht sogar die Zeit verändern.

Sophie Reyer nennt ihre Sammlung ganz nach Märchentradition Tausendundein Tag, dabei verlieren die Erzählungen offensichtlich das Magisch-Erotische der Nacht und durchsetzen das Tagwerk mit einer Überlebensmagie. Der Ausgangspunkt für diese Märchen-Geschichten ist nämlich ein Bunker, in den sich Menschen zum Überleben geflüchtet haben. In diesem Bunker werden aber auch die Geschichten der Überlebenden erzählt, vielleicht werden Teile davon sogar wie aus einem Untergrund-Sender in die Umgebungen gestrahlt.

Catherine Lowell, Die Kapitel meines Herzens

h.schoenauer - 14.02.2020

catherine lowell, die kapitel meines HerzensWenn es tausend Gründe gibt, weshalb man einen Roman lesen kann, dann wird wohl auch einer dabei sein für den Roman „Die Kapitel meines Herzens“, der sehr stromlinienförmig daherkommt. Wie alle Produkte aus der Welt des „Kreative Writing“ ist der Roman ein Produkt und kein Kunstwerk. Als Produkt macht er vieles richtig.

Catherine Lowell hat diesen Roman quasi als Masterarbeit für Fiktion geschrieben. Der Stoff ist höchst anspruchsvoll, es handelt sich wieder einmal um die Geschwister Bronte, die die literarische Welt seit den 1840er Jahren aufmischen. Das Schicksal der Heldin Samantha ist ein sehr hohes und gebildetes, sie ist nämlich die letzte Nachfahrin der Bronte-Dynastie.

Carlo Bonini, ACAB - All Cops Are Bastards

h.schoenauer - 12.02.2020

carlo bonini, acabGraffitis und Wandmarkierungen lassen bei Tageslicht nur dämmrig erahnen, was sich vielleicht in den Nächten davor abgespielt hat. Der Kampfruf, „All Cops Are Bastards“, bringt die Wut auf den Staat zum Ausdruck, wenn man die entsprechenden Geschichten hört und die einschlägigen Protokolle liest.

Der Jurist und Investigativ-Journalist Carlo Bonini geht in seinem Thriller den Spuren der italienischen Gewalt nach, die mittlerweile staatstragend geworden ist. Im Mittelpunkt stehen dabei die von der Behörde organisierten Exzesse beim G-8-Gipfel in Genua. Damals 2001 haben Spezialtruppen Schlägereien provoziert, Menschen willkürlich verhaftet und in einem Auffanglager gefoltert. Der Student Carlo Giuliani ist zu Tode gekommen, die Aufarbeitung durch die Justiz hat bis in die Gegenwart gedauert.

Herbert J. Wimmer, Interfer

h.schoenauer - 07.02.2020

herbert wimmer, interferTollkühn lässt sich der Zustand „interfer“ als „ungefähr“ übersetzen. Interfer ist ein Zustand, welcher Interferenzen auslöst oder umgibt, und Interferenzen sind je nach Fachgebiet Überlagerungen von Schwingungen, Übertragungen zwischen zwei Sprachen oder Wechselwirkungen von Medikamenten. Jeder Mensch hat also die Gnade, in den Sog von Interferenzen zu kommen und dabei selbst interfer zu werden.

Herbert J. Wimmer arbeitet in seinem Roman Situationen heraus, worin es wenn nicht zu Störungen, so zumindest zu Überlagerungen kommt. Das Eingangskapitel bietet logisch nummeriert 89 Interferenzen, die sicherheitshalber auch noch nach Datum geordnet sind, vom 6. November bis zu 2. Februar. Diese Ordnungsprinzipien geben den einzelnen Begebenheiten Halt und fügen sie zu einem Erlebnisnetz zusammen, wie es in drei Monaten tatsächlich ausgeworfen sein könnte.

Norbert Gstrein, Die kommenden Jahre

h.schoenauer - 03.02.2020

norbert gstrein, die kommenden jahreEinem Weltroman gelingt es mit ein paar Anstichen, Atmosphäre, Zeitgeist und politischen Status einer Jahresgegenwart darzustellen. So ein Roman wird dann zu einem Referenztext, der wie ein Ohrwurm der Beatles eine Gefühlslage flächendeckend beschreiben kann.

Norbert Gstrein hat um die Allerweltsfloskel „die kommenden Jahre“ einen stillen Roman verfasst, bei dem es gar nicht so einfach ist, ihn durch eine Handlung zu begreifen. Es geht um Vieles, um Oberflächliches wie die Öffentlichkeit, und Intimes wie die Ehe. Über einen vagen Erlebnisstrom sind die Koordinaten von zwei Welten gelegt, der Bücherwelt und der Gletscherwelt.