Judith W. Taschler, David
In der Literatur tritt das Unwahrscheinliche völlig selbstverständlich auf. Eine Frau kracht mit dem Auto gegen einen Baum und ist tot, sie wird von einem Jungen gefunden, der nicht weiß, dass er gerade die leibliche Mutter birgt.
Judith Taschler erzählt in ihrem Roman David von einer Art literarischer Familienaufstellung. Jede Figur hat darin eine wohl-komponierte Aufgabe, und wenn eine fehlt, wird der Roman sofort unruhig und unrund. Schon beim Eintritt in das Buch stößt der Leser auf der Umschlaginnenseite auf einen seltsamen Stammbaum. Er ist wie üblich über mindestens drei Generationen angelegt, aber nur die Felder der Heldinnen sind ausgeschrieben, die Felder der Zugeheirateten bleiben leer. Erste Lehre aus dem Roman: Wir lesen Stammbäume immer pragmatisch, was wir nicht brauchen können, lassen wir weg.
Ein utopischer Roman kann zeitlich und räumlich Lichtjahre entfernt sein, es wird in ihm doch die irdische Gegenwart erzählt, weil Autor und Leser nicht aus ihrer Haut können.
Als Information über ein Land sind Krimis nur eingeschränkt nützlich. Üblicherweise haben Krimi-Autoren nämlich kaum Arbeit mit der Recherche, sie googeln grob ein paar Ortschaften herunter und geben dem Helden ein paar sinnlose Aufgaben.
Unverwechselbare Erzählerinnen liefern nicht nur Stoffe und Plots, sondern kümmern sich auch um jenen Tick, der diese Stoffe dann zu einer „Erzähl-Marke“ macht.
Die erotische Freizügigkeit wird oft als linearer Vorgang missverstanden, wonach die Gesellschaften jedes Jahr frecher werden müssten. In Wirklichkeit ist die Gegenwart oft ganz schön verklemmt, wenn man sie an wilden Epochen misst.
Der Weltuntergang muss nicht schrecklich sein, er kann Erleichterung und Sinn verschaffen, wenn zuvor alles schiefgeht.
Echte Provinzromane stellen die wichtigen Fragen in regelmäßigen Abständen. „Aber wie war sie um Himmels willen nun hier gelandet?! Müde, abgearbeitet und fett, fett, fett!“ (10)
Das Weltall und die Geschichte haben, zumindest wenn es nach dem Volksmund geht, eins gemeinsam: Die dunkle Materie in Gestalt von dunklen Löchern!
Wenn die Aufklärung nicht einmal in Zeiten der Globalisierung die Menschen erreicht, wie schlimm muss es erst in Zeiten gewesen sein, wenn alle noch in Tabus und totalitäre Staatsgefüge verstrickt sind?
Manche Orte sind so kalt, düster, aufgewühlt und abgehängt, dass ihnen nur noch ein Krimi beikommen kann. Ein Musterort für Krawall, Entgleisung, Mord und Totschlag ist der Brenner.