Beziehung

Miroslav Krleza, Die Fahnen

h.schoenauer - 20.08.2019

miroslav krleza, die fahnenDie wirklich wahnsinnigen Bücher dieser Welt kann man nicht rezensieren. Man kann nur eine Art Notizzettel der Ermunterung abliefern, dass sich die Sicht auf das eigene Leben verändert, wenn man so ein Buch liest.

„Die Fahnen“ von Miroslav Krleža lassen sich im doppelten Sinn des Wortes verstehen. Einmal sind es die patriotischen Tücher, die je nach Regierung und Regime ausgetauscht und frisch aufgehängt werden müssen, andererseits sind sie eine Vorstufe zu einem Roman, diese Fahnen weisen auf die Vorläufigkeit und Reparaturbedürftigkeit der Darstellung hin.

Gertraud Klemm, Erbsenzählen

h.schoenauer - 15.08.2019

Gertraud klemm, erbsenzählenIm Märchen liegt die Prinzessin mit Eigenwillen auf der Erbse, und scannt mit dem Hintern die Unebenheiten ab. Wenn hingegen eine selbstbewusste Frau der Gegenwart die Unebenheiten der Gesellschaft mit offenen Sinnesorganen scannt, wird ihr das als „Erbsenzählerei“ ausgelegt.

Gertraud Klemm schickt die Heldin Annika in das Zwischenreich der Gesellschaftsschichten. Die dreißigjährige Icherzählerin lebt gerade mit dem humanistisch gebildeten alten Sack Alfred und dessen Sohn Elias lose zusammen. Sie begleitet diesen Elias auf den Fußballplatz und merkt, dass alles außer dem Ball unrund ist. Sie selbst wird als Stieftussi angesprochen und hat außer Transportdienste nichts beim Kind verloren.

Bernhard Hüttenegger, Beichte eines alten Narren

h.schoenauer - 10.08.2019

bernhard hüttenegger, beichte eines alten narrenBei autobiographischen Texten stellt sich dem Leser immer die brisante Frage: Wie zufrieden und bescheiden ist der Autor trotz seines gewaltigen Lebens geblieben? Denn machen wir uns nichts vor, jedes Leben wird überdimensioniert wichtig, sobald es aufgeschrieben wird.

Bernhard Hüttenegger rüstet sich klug gegen den Größenwahn beim Rückblick auf das Leben. Das fängt schon damit an, dass er die Romanform wählt, worin bekanntlich alles augenzwinkernd-verschrägt dargestellt ist, und setzt sich fort mit der die Figur des alten Narren, der die Dinge zuerst in Echtzeit zurechtklopft und später als Chronik.

Julien Gracq, Das Abendreich

h.schoenauer - 06.08.2019

julien gracq, das abendreichMagische Bücher, die uns ungefragt in den haptischen Textkorpus hineinziehen, haben meist selbst ein außergewöhnliches Schicksal.

Als Julien Gracq in den Sommerferien 1953 mit der Niederschrift des „Abendreichs“ beginnt, weiß er noch nicht, dass er den Roman nicht vollenden wird. Er ist Lehrer für Geographie und kann es kaum noch erwarten, im Herbst wieder zu unterrichten.

Irene Diwiak, Liebwies

h.schoenauer - 13.07.2019

irene diwiak, liebweisOpernfiguren brauchen vor allem eines: Viel Luft rund um sich, damit sie sich stimmlich ausbreiten und ihre Persönlichkeit entfalten können.

Irene Diwiak kümmert sich in ihrem grotesken Anti-Künstler Roman um diese viele Luft, die die Helden auf ihren Wegen an der Peripherie der Gesellschaft umgibt. Als Höhepunkt kommt es zu einer Aufführung des unheimlich kasteiten und kastrierten Werkes „Die Gräfin der Stille“.

Grégoire Delacourt, Der Dichter der Familie

h.schoenauer - 05.07.2019

gregoire delacourt, die dichter der familieÜblicherweise muss ein Dichter von Kindesbeinen an gegen eine feindliche Umwelt kämpfen und alle seriösen Berufsangebote ausschlagen, damit er sein Leben der Literatur opfern kann. werden kann.

Grégoire Delacourt zeigt ironisch bitter, wohin es führt, wenn ein zarter Knabe zum „Dichter der Familie“ ausgerufen wird. Der Ich-Erzähler lässt schon mit sieben, kaum, dass er das Schreibgerät halten kann, die ersten Reime heraus.

Tina Pruschmann, Lostage

h.schoenauer - 03.07.2019

tina pruschmann, lostageWem die Natur zu wenig dramatisch ist, der baut in der Landwirtschaft gerne sogenannte Lostage darin ein. Lostage verstärken einen Zustand ins Unermessliche und wirken wie eine Zauberkraft. Wer an Lostagen alles richtigmacht, kann die Natur vielleicht überlisten. So sind Lostage Wünsche und augenzwinkernde Logik in einem.

Tina Pruschmann nimmt diese geheimnisvollen Lostage zum Anlass, um das gewöhnliche Leben aufzuschlüsseln. Jeder von uns erinnert sich an sogenannte Schlüsseltage, an denen sich das Leben entscheidend verändert hat. Wenn man nun Macht über diese besonderen Tage hätte, hätte man auch Macht über das Leben. Der Witz ist nur, dass sich oft erst lange hintennach entscheidet, ob ein Ereignis damals ein Lostag gewesen ist.

Kat Kaufmann, Die Nacht ist laut, der Tag ist finster

h.schoenauer - 28.06.2019

kat kaufmann, Die Nacht ist laut, der Tag ist finsterGigantische Begriffe wie laut und finster lassen sich nur schwer beschreiben, denn jede einzeln beschriebene Teilmenge daraus dämpft ja die Lautstärke oder die Finsternis.

In Kat Kaufmanns Roman geht es chaotisch zu. Als Leser hat man beide Hände voll zu tun, den Text im Zaum und auf dem Display oder Papier zu halten, die Sätze sind flüchtig und hauen sofort in die Lese-Umgebung ab, wenn man eine Seite aufschlägt.

Paulus Hochgatterer, Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war

h.schoenauer - 26.06.2019

paulus hochgatterer, Der Tag, an dem mein Großvater ein Held warIn Ausnahmezeiten zeigen sich die tiefsten Schichten der Persönlichkeit auf der Außenseite der Helden, während das übliche Gehabe oft in der Tiefe verschwindet. Wendezeiten wenden Innenwelt und Außenwelt des Individuums.

Paulus Hochgatterer erzählt im Stile jener Gutachten, die er oft über die Psyche von irritierten Kindern verfassen muss, von Menschen im Ausnahmezustand in den letzten Kriegswochen. Auf einem Bauernhof im Gelände zwischen Linz, St. Valentin und Amstetten taucht ein verstörtes Mädchen auf, das ein paar Brocken einer verschütteten Biographie ausspuckt. Aus der Innensicht erfahren wir, wie es über das Sprechen der anderen, über Seitenbemerkungen und Brocken der Erinnerung zu einer schlüssigen Identität findet. Man nennt es Nelli, es ist bei einem Bombenangriff auf die Nibelungenwerke übriggeblieben und angeblich Donauschwabe.

Gerhard Henschel, Arbeiterroman

h.schoenauer - 24.06.2019

gerhard henschel, arbeiterromanWenn ein Held lange auf Sendung bleiben soll, muss er sich zwischendurch immer wieder häuten und neu erfinden. Martin Schlosser, der Held von Kindheits-, Abenteuer- Bildungs- oder Künstlerroman, wird im siebten Roman Arbeiter.

Gerhard Henschel zieht im „Abenteuerroman“ wieder alle Register, um eine Art zeitgenössische Alltagschronik der späten 1980er Jahre auf die Beine zu stellen. Martin Schlosser, der schon längere Zeit in einer Spedition arbeitet, zieht eines Tages die Reißleine und verändert sich.