Beziehung

Kurt Palm, Strandbadrevolution

h.schoenauer - 26.10.2018

Kurt palm, strandbadrevolutionHätte er sich 1972 nicht umgebracht, hätte er 2022 eines natürlichen Todes sterben können.

Kurt Palm schenkt seinen Helden aus dem Jahre 1972 nichts. Dieses Jahr ist für eine ganze Generation ein gewisser Höhepunkt, was Musik, Literatur und politische Kampfkultur gegen den Vietnamkrieg betrifft. Wer damals den Absprung nicht schafft, muss seither ein Leben lang in Verdruss, Mittelmaß und dem Nachweinen alter Zeiten verbringen.

Birgit Müller-Wieland, Flugschnee

h.schoenauer - 24.10.2018

birgit müller-wieland, flugschneeDiese weiße Masse, die ständig in der Luft die Richtung wechselt, in alle Ritzen dringt und im Wind die unmöglichsten Skulpturen aufhäuft, ist auch für Psychologen ein metaphorisch höchst aufgeladener Stoff.

Birgit Müller-Wieland setzt gleich zu Beginn die Heldin Lucy dieser Flugschnee-Masse aus. In einem Berliner Garten spielt das Wetter im Dezember verrückt, in der amorphen Wetter-Masse geht jegliche Sicht verloren, und Lucy ist in einen Erinnerungssturm eingetaucht, zumal sie unter Schock steht, weil ihr Bruder Simon verschwunden ist.

Thomas Ballhausen, Mit verstellter Stimme

andreas.markt-huter - 10.10.2018

thomas ballhausen, mit verstellter stimmeWenn in der Lyrik ein Titel scheinbar klar ist, ist Vorsicht geboten, diese Klarheit ist bloß ein erster Schutzschild, mit dem sich die Poesie gegen zu schnelle Vereinnahmung durch die Leser wehrt.

Thomas Ballhausen bietet seine Lyrik „mit verstellter Stimme“ an, aber schon im Untertitel warnt er, dass es sich dabei um halb kriminelles, verschollenes und mystisch-forensisches Material handeln könnte. So lassen sich die Gedichte auch aus verschiedenen Blickwinkeln lesen, mal als Protokoll zu einem Naturereignis, als Mitschrift einer psychiatrischen Behandlung oder als verschlüsselte Tagbuchnotizen eines lyrischen Ichs.

Siegfried Nitz, Aber wir hatten dich doch alle so lieb

andreas.markt-huter - 05.10.2018

siegfried nitz, aber wir hatten dich doch alle so liebSeit Kafka wissen wir, ein echtes Gerichtsverfahren dauert ein Leben lang und endet in einem Steinbruch oder als offene Ratlosigkeit.

Siegfried Nitz schickt eine Heldin in ein jahrzehntelanges Gerichtsverfahren, die alle Kafka-Zutaten mitbringt, die Protagonistin Margreth wird plötzlich Alleinerbin, ihr Konkurrent Helmuth büßt eine langjährige Haftstrafe ab, dann kommt er raus und will sein Erbe. Margreth hat neben Liegenschaften und Kohle ein verschnürtes Papierbündel geerbt, das sie nur im Notfall öffnen soll.

Andrej Kurkow, Die Welt des Herrn Bickford

andreas.markt-huter - 03.10.2018

andrej kurkow, die welt des herrn bickfordWenn ein historischer Roman wahrhaftig angelegt ist, hält sich sogar die künftige Geschichte daran, aus einer Aufarbeitung der Geschichte wird eine Gebrauchsanweisung für die Zukunft.

Andrej Kurkow hat seinen ersten historio-grotesken Roman 1993 in Kiew verfasst und im kleinen Kreis im Untergrund verbreitet. Die frühen 1990er Jahre gelten in den GUS-Staaten mittlerweile als die Jahre von wirtschaftlichem Chaos aber intellektuellem Glanz. Alles gilt als aufgelöst und die neuen politischen Strukturen sind höchstens als Groteske zu erkennen.

Friedrich Hahn, Komme, was wolle

andreas.markt-huter - 28.09.2018

friedrich hahn, komme, was wolleWie liest ein Nichtraucher einen Raucher-Roman? – Schnell, damit er keine braunen Finger kriegt. Und wie soll ein Zuckerbergverweigerer einen facebook-Roman lesen?

Friedrich Hahn lässt seinen hilflosen Helden dieses Mal im Facebook untergehen. Das tut nicht weh, ist sinnlos, und vergeht, wie es gekommen ist. Der Held heißt Erich Fröschl, ist 58 und von der Bank gerade golden beshaked worden. Jetzt ist er in der Ich-Perspektive, frustriert, einsam, vielleicht sollte er die Gefühle noch einmal auspacken oder zumindest die erotisch brauchbaren Teile davon.

Walter Grond, Drei Lieben

andreas.markt-huter - 21.09.2018

Titelbild: Walter Grond, Drei LiebenEine halbwegs sensible Seele vermag durchaus aus der eigenen Familie eine Universalgeschichte herauszulesen. In großen Cinemascope-Träumen geht dann die Geschichte Europas in eine Familiengeschichte über.

Walter Grond stellt in seinem Roman drei Lieben vor, die anhand eines Routenplaners der Gefühle vom Dorf nach Wien, ins Baku des ersten Weltkrieges, nach Paris und kurz zurück ins Schüsselsche Österreich führen. Die drei Lieben sind an drei Frauen festgemacht, über die der forschende und erzählende Enkel die höheren Zusammenhänge erfährt. Dabei hat die offizielle Geschichtserzählung nur sporadisch mit dem Lebensfluss zu tun, der unter der Hülle von Ehen und Beziehungen dahinrauscht.

Peter Wurm, Sinnlos

h.schoenauer - 19.09.2018

Titelbild: Peter wurm, sinnlosWenn etwas nicht mehr weitergeht, seufzt meist jemand „sinnlos!“, und die Sache ist vorläufig vertagt.

Peter Wurm winkt dieses „sinnlos“ von Anfang an durch die Zeilen, die Erzählung ist so überdrüssig angelegt, dass sie jeder Zeit unterbrochen oder beiseitegelegt werden könnte. Und der Stoff ist bei näherem Hinsehen ebenfalls sinnlos, wiewohl er sich an historische und zeitgenössische Fakten hält.

Radek Knapp, Der Mann, der Luft zum Frühstück aß

h.schoenauer - 07.09.2018

Titelbild: Radek Knapp, Der Mann, der Luft zum Frühstück aßWenn etwas an der Oberfläche glatt und verlogen ist, muss man das Botox eben unterirdisch spritzen in Gestalt von Groteske und Anarchie.

Radek Knapp schickt seinen Ich-Erzähler zu einer Rosskur nach Österreich. Der zwölfjährige Walerian wird von seiner Mutter in ein Migrationsprogramm gesteckt. Sie reisen von Warschau an und landen an einem Feld hinter einem Schranken, das da drüben ist Österreich.

Joey Comeau, Überqualifiziert

h.schoenauer - 29.08.2018

titelbild: Joey Comeau, ÜberqualifiziertÜberqualifiziert ist in der Arbeitswelt eine elegante Umschreibung für Kotzen. Wenn jemand keinen Zugang zur Arbeit findet, beschreibt man ihn beschönigend als überqualifiziert, damit er nicht gleich alles hinschmeißt, sondern sinnlos weitersucht.

Joey Comeau beschreibt diesen quälenden Zustand „überqualifiziert“ mit einem Briefroman. Jemand mit der Unterschriftskraft des Autors verfasst ununterbrochen Bewerbungsschreiben und entdeckt dabei, dass sich so der Sinn des Lebens und der Unsinn der Arbeit brauchbar darstellen lassen.