Klaus Kordon, Krokodil im Nacken
„Die Familie Lenz, die so dicht an der Grenze nach WestBerlin wohnte, dass der eine oder andere westliche Schornstein zum Greifen nah erschien, trat eine Reise durchhalb Europa an – nur um auf die andere Seite dieser Grenze zu gelangen? Ein Umweg, über den sie sich zuvor oft lustig gemacht hatten, der ihnen aber nun ein wenig unheimlich vorkam. Immer wieder mussten sie einander Mut machend zulächeln.“ (S. 21)
Manfred Lenz will mit seiner Frau Hannah und seinen beiden Kindern Michael und Silke im Sommer 1972 über Bulgarien aus der DDR flüchten. Als sie dabei erwischt werden, kommen sie zunächst für einige Wochen in Bulgarien in Haft, bevor sie nach Ostberlin zurückgebracht werden, wo Manfred ein Jahr lang in Stasi-Haft verbringen muss.
„Hazel Sinnett träumte von Fingern. Hageren, spindeldürren Fingern mit Knöcheln so knubbelig, wie Walnüsse und graugrünem Fleisch, das sich in dünnen Streifen von ihnen abschälte. Manchmal waren die Finger gar nicht Teil einer Hand, sondern lebendige Wesen, die auf einem flachen Tisch wie Insektenbeine zuckten.“ (S. 24)
„»Sie wird mich retten oder zerstören. Hassen oder lieben«, spreche ich die Wahrheit aus. Navien ist mein Pendant. Meine Antithese. Jeder Engel besitzt ein solches Wesen und spürt es bereits bei der Geburt. Nur dass es noch nie ein Dämon war. Es gab Fälle, in denen das Pendant eines Engels ein Mensch war. Aber eine Heroe … Das könnte mich umbringen.“ (S. 37)
„Da begann ich mich zu fragen, ob hier nicht etwas grundlegend falsch lief in unserer Stadt. War das das die >Demokratie<, die immer so gelobt wurde, wenn mein Vater und seine Freunde sich so einfach durchsetzen konnten, weil sie gute Verbindungen hatten. Die Sozialhilfeempfänger hatten wenige Aussichten, sich gegen diese Entscheidung zu wehren, Ihre Stimme würde kaum wahrgenommen werden. Hatte mein Vater mehr Macht verdient als andere?“ (S. 21)
„Ich erzähle die Geschichte einer Familie, die mehr Grund zur Sorge hatte als viele andere. Sie hieß Kleinmann. Gustav und seine Frau Tini hatten vier Kinder: zwei Mädchen und zwei Jungen – Edith und Herta, Fritz und Kurt. Sie lebten in Wien, der schönen alten Hauptstadt von Österreich. (S. 16)
„Heutzutage nennen viele meinen Bruder ein Ungeheuer. Seine Taten, die schrecklichen wie die wundersamen, sind für sie das Werk eines übernatürlichen Wesens, das die Gestalt eines Menschen annahm, um furchtbares Unheil über uns alle zu bringen. In den dunklen und elenden Ecken der Welt wird er von manchen noch als Gott bezeichnet, aber das nur in furchtsamem Flüsterton. Interessanterweise sprechen weder Erstere noch Letztere seinen wahren Namen aus, dabei kennen sie ihn so gut wie ich.“ (S. 15)
„Du wirst mutig sein. Du wirst dein Bestes geben. Du wirst einen weiten Weg zurücklegen müssen. Doch die Reise dorthin ist kurz. Du wirst große Verluste erleiden. Deine Sterne sagen, dass du scheitern wirst. Paisly Fitzwilliam, noch vor dem Ablauf deiner vierzehnten Wende wird dein Rädchen zum Stehen kommen. Dein Weg wird enden und du wirst sterben.“ (S. 18)
„Um meine Mutter ranken sich zahlreiche Legenden. Manchen zufolge hat sie ihren Ehemann, einen großen sterblichen Krieger, hintergangen und ihm das Elixier der Unsterblichkeit gestohlen, um Göttin zu werden. Andere stellen sie als unschuldiges Opfer dar und behaupten, sie habe das Elixier nur getrunken, damit es nicht Räubern in die Hände fällt. Welche Geschichte man auch glaubt, fest steht, dass meine Mutter, Chang’e, unsterblich wurde. Und ich mit ihr.“ (S. 9)
„Wie Lord Almont oder ihre Mutter reagieren würden, wenn sie von der Annonce in ihrer Tasche wüssten, mochte sich Hazel nicht einmal vorstellen. Es handelte sich dabei um die Ankündigung einer Anatomievorführung des berühmten Dr. Beecham III., Enkel einer großen Legende. Er war mit Sicherheit der bekannteste lebende Chirurg Edinburghs, wenn nicht sogar des gesamten Königreichs. Hazel bebte förmlich vor Aufregung, wenn sie nur daran dachte.“ (S. 32)
„In diesem Buch habe ich versucht, den Geist einer Idee herbeizurufen, und dieser Geist soll meine Leserinnen und Leser nicht verstimmen und nicht aufbringen, nicht gegeneinander, nicht sich selbst gegenüber, nicht dem Weihnachtsfest gegenüber und mir gegenüber schon gar nicht. Möge er auf freundliche Weise in ihren Häusern spuken und möge niemand ihn vertreiben wollen. Euer aller getreuer Freund und Diener, C. D. Dezember 1841“ (S. 7)