Martin Widmark, Linas Reise ins Land Glück
„»Bitte …«, bettelt er. »Eine noch.« Lina sieht ihn an und lächelt. »Aber dann wird geschlafen, ja?« Daniel nickt. Er zieht die Decke hoch bis an sein Kinn. Lina setzt sich auf die Bettkante und schaut nachdenklich auf ihre Hände. An einem ihrer Finger steckt ein Ring mit einer schillernden Perle. Wunderschön sieht die aus. Und dann beginnt Lina zu erzählen: »Vor langer Zeit, als ich noch ein kleines Mädchen war, verschwand eines Tages mein großer
Bruder Leon.«
Daniels Eltern haben Nachtschicht im Krankenhaus, während sich Lina als Kindermädchen um ihn kümmert und zu Bett bringt. Als Gutenachtgeschichte erzählt sie ihm, wie ihr geliebter großer Bruder eines Tages plötzlich verschwunden ist und trotz aller Suche nicht mehr zu finden war.
„Ich treibe mich ja gern bei euch Menschen herum. Natürlich nicht in meiner wahren Gestalt, das würde zu viel Aufsehen erregen. Manchmal verwandle ich mich in einen alten Mann oder in ein junges Mädchen, um mich bei euch ein wenig umzusehen. Und um euch Menschen in Gespräche zu verwickeln. Dabei fällt mir eine Sache immer wieder auf: Kaum ein Mensch kennt noch meine wunderbaren Heldentaten! Unglaublich, nicht wahr? (S. 5)
„Vor gar nicht allzu langer Zeit gab es einen Winter, so einen Winter hat es noch nie gegeben. Er fing ganz normal an, schlich sich in den Frühling und stürmte dann durch den Sommer, bevor er mit Schneefall den Herbst bedeckte und von da an zum längsten Winter wurde, den man sich vorstellen kann.“ (S. 11)
„Die anderen Ritter behaupten doch allen Ernstes, es gäbe keine Drachen. »Aber gewiss doch«, kann ich nur sagen, »UND OB es sie gibt!« Ich werde einen finden. UND gegen ihn kämpfen. Und damit basta.“
„Am Bahnhof von Bright River, einem kleinen Ort in Kanada, saß heute ein Mädchen und wartete. Ihr Name war Anne. Sie hockte auf einem Kiesberg und spielte mit ein paar Steinen. Zu ihren Füßen stand eine große Reisetasche. Anne war aufgeregt, denn in wenigen Minuten würde der alte Matthew kommen. Sie freute sich darauf, von nun an bei ihm und seiner Schwester Marilla zu wohnen.“ (S. 9)
„An einem hellen Wintermorgen hatte Mama eine köstliche Rüblitorte gebacken. »Mhmmm – du bist die beste Bäckerin der Welt!«, schwärmten die Kaninchenkinder Pauli, Mia, Manni, Max und Lina. »Das habe ich von eurer Großmutter gelernt«, lächelte Mama. »Schade, dass sie diese Torte nicht kosten kann …«“
„Wer Österreich so richtig kennenlernen will, tut gut daran, seine Sagen zu lesen. Besser als jede psychologische Untersuchung veranschaulichen Sagen die Mentalität eines Landes und seiner Bewohnerinnen und Bewohner. Anschaulich zeigen sie, welche Gedanken sich die Menschen zu historischen Ereignissen und landschaftlichen Gegebenheiten gemacht haben – und wohl immer noch machen.“ (S. 9)
„Schöner kann die Welt nicht aussehen. Schneeflocken kreiseln durch die Luft, und langsam legt sich auch eine weiße Decke über die Kirchturmspitze, die Dächer und die Bäume. Aber Schipps sieht das gar nicht. Ich bin ganz allein, denkt er und seufzt. Einen struppigen Hund mit schiefen Ohren – den will keiner.“
„Das Mädchen, aus dem eines Tages Die Größte werden sollte, stolperte über einen herumstehenden Hocker. Das Tablett glitt ihr aus den Händen und die Schalen flogen in hohem Bogen durch den Raum. Ein Regen aus Haifischflossen ergoss sich auf die Gäste, die schreiend versuchten, dem kochend heißen Suppenschwall auszuweichen.“ (S. 6)
„Wenn man Paul so zuhört, könnte man glauben, dass er der Beste in allem ist. Natürlich glaubt das keiner, aber das ist Paul egal. Er ist eigentlich in nichts besonders gut – weder beim Fußball noch in Mathe, Zeichnen oder Singen. Es gibt nur eine Sache, in der er der Beste ist – und das wissen auch alle. Angeben. Paul ist der beste Angeber der Schule.“ (S. 5f)