Erzählung

Arnold Mario Dall’O, Mein Handatlas

h.schoenauer - 07.11.2022

arnold dall'o, mein handatlasÄhnlich dem Rechenschieber und dem Schwindel-Wörterbuch für die Schularbeit ist der Atlas ein didaktisches Erinnerungsstück, das von einer Welt berichtet, als die Dinge noch zum Angreifen waren, so weit weg sie auch sein mochten.

Arnold Mario Dall’O hat als Graphik-Künstler Zugang zu den bedeutendsten Atlanten der Welt, ein paar hat er in seiner Selchkammer für Piktogramme gelagert. Manchmal blättert er in den Schätzen, manchmal riecht er auch nur daran. Jedenfalls entsteht schon beim leisesten Öffnen eines Atlas vollkommene Inspiration.

Peter Giacomuzzi, Briefe an Mimi 1938 – 1944

andreas.markt-huter - 17.10.2022

peter giacomuzzi, briefe an mimiDas Wohnzimmer der Literatur ist die Kiste, da fühlt sie sich wohl und beschützt und wartet mit dem Kistenbesitzer tapfer auf das Ende der Welt. Peter Giacomuzzi ist von Kindheit an von dieser Literatur in der Kiste inspiriert. Bei ihm hat diese Verzauberung die Ausmaße einer Schuhschachtel und steht im Regal seiner Tante, die ihn durchs Studium füttert. In der Schachtel sind Briefe eines gewissen Toni, der als Bild neben dem Fernseher steht.

Später ist die Tante gestorben und der Erzähler erwachsen geworden. Mit größter Ehrfurcht sichtet er die Briefe und beschließt nach Jahrzehnten, sie im gefühlten Einklang mit der Tante diskret zu edieren.

Jan David Zimmermann, Den Schatten im Rücken

h.schoenauer - 23.09.2022

jan david zimmermann, den schatten im rückenEine Neuigkeit, bei deren Lektüre es einem wie Schuppen von den Augen fällt, ist der ideale Stoff für eine Novelle. Dieses Genre erweist sich meist als hartnäckiger als die Gegenwart und lässt den Schluss zu, dass etwas erst dann über den Alltag hinaus von Bedeutung ist, wenn es in einer Novelle Platz genommen hat.

Jan David Zimmermann nennt seine Novelle bedrohlich „Den Schatten im Rücken“. Dort wo den Helden oft eine Waffe an den Rücken gesetzt wird, ist es hier der pure Schatten, der auf den Helden zusteuert. Gleich zu Beginn wird der zitierte Plot vorgestellt: Der „Blaubart-Mythos“ ist zu einer gesellschaftskritischen Studie ausgebaut.

Alexandra Millner (Hg.), Extended Rosei

h.schoenauer - 16.09.2022

alexandra millner, extended roseiWarum ist die eine Literatur groß und die andere bleibt unsichtbar? – Weil die eine mit viel Sekundärliteratur unterlegt ist und die andere als zu dünnhäutig nicht mit dem vorhandenen Besteck seziert werden kann. Sekundärliteratur ist das Schmiermittel einer bestimmten Sorte von Literaturmarkt und macht mit der Zeit aus jedem Text eine große Sache.

Sekundärliteratur ist zwar eine Gebrauchsliteratur, die in der Hauptsache das germanistische Treiben zwischen Kongressen, Archiven und Feierlichkeiten abbilden soll, für den lesenden Endverbraucher können solche Reader aber von gutem Nutzen sein, zeigen sie doch im Idealfall schon durch die bloße Aufgliederung eines Themas, wie man einer „großen“ literarischen Persönlichkeit begegnen könnte.

Friedrich Hahn, Die späte Frau und andere Romangeschichten

h.schoenauer - 14.09.2022

friedrich hahn, die späte frauWie an einer Schleuse treffen Autor und Leser jäh aufeinander und müssen ihre Erfahrungslevel aufeinander abstimmen, damit der Text passieren kann. Eine elementare Bedeutung kommt dabei der Außenhaut des Textes zu, die diesen vor zu hartem Aufeinandertreffen mit dem Leser und seiner Realität schützt.

Friedrich Hahn gibt dieser „Außenhaut“ in seinen Romanen viel Platz. Zum einen installiert er raffinierte Rahmenhandlungen, in die er die Texte wie Bilder hineinmanövriert, zum anderen platziert er um den Kern des Romans allerhand Material herum, das diesen abfedert und vor Brüchen schützt wie Verpackungsmaterial. Diese Absätze, Notate, Erinnerungsskizzen und Aphorismen laufen beim Autor mehr oder weniger getaktet ein und sind fürs erste keinem Genre zuzuordnen.

Peter Paul Wiplinger, "Schachteltexte III"

h.schoenauer - 29.07.2022

peter paul wiplinger, schachteltexte3Damit die Literatur aus dem Leben heraustreten und sich Luft verschaffen kann, braucht es zwei Beobachtungsschlitze: Durch den einen blickt man auf den anstehenden Tag, durch den anderen auf das verflossene Leben.

Peter Paul Wiplinger führt die beiden Suchbewegungen mit seinen Schachteltexten elegant und eindringlich zusammen. Seit fünfzehn Jahren arbeitet er an diesem einmaligen Dokument, wobei auf ausgeklappte und ausgerissene Verpackungsteile mit der Füllfeder Texte komponiert werden. Ein Auge blickt auf den aktuellen Zustand des schreibenden Ichs und das andere setzt sich den historischen Gezeiten von Kindheit bis zur Reife aus.

Rut Bernardi, Totgeschwiegene Leben

h.schoenauer - 22.06.2022

ruth bernardi, totgeschwiegene lebenDas ist der Traum jeder Sprachforscherin: Wenn das Gebiet klein genug ist, und die Sprache überschaubar groß, kann alles rund um diese Sprache von einer einzigen Person entdeckt, gepflegt und für die Zukunft fit gemacht werden.

Rut Bernardi hat die ladinische Sprache rund ums Grödnertal mit Lexika, Essays, Tondokumenten und Romanen ins Bewusstsein der Zeitgenossen gerückt. In ihrer jüngsten Arbeit lässt sie „totgeschwiegene Leben“ aus diesem Rayon wieder auferstehen und gibt ihnen zum ersten Mal eine Sprache.

Ada Zapperi Zucker, In Südtirol und anderswo

h.schoenauer - 10.06.2022

ada zapperi zucker, in südtirol und anderswoWenn einmal das große Wirtschaften die Macht übernommen hat, wird davon auch die Literatur eines Landes berührt. Bei Büchern über Südtirol denkt man meist an Krimis, Hotelprospekte und Sommerfrische-Storys. Kaum jemand kommt auf Anhieb auf die Idee, dass sich unter dem Label Südtirol auch Schicksale, Erzählungen und Lebensgeschichten verbergen könnten.

Ada Zapperi Zucker überrascht Land und Leser mit einer alten Weisheit: Wenn du die Geschichte eines Landes verstehen willst, musst du dir von den Alten erzählen lassen, wie es aus ihrer Sicht gewesen ist. Aus den oft vertrockneten Mündern lassen sich manchmal alte Plots heraushören, sie sind aus klaren Farben wie eine Grundierung von Himmel, wenn die Wolken der Zeitgeschichte aufgerissen haben.

Stanislav Struhar, Farben der Gegenwart

h.schoenauer - 08.06.2022

stanislav struhar, farben der gegenwartFarben verhalten sich in der Literatur geradezu paradox: Je genauer sie beschrieben sind, umso mehr treten sie aus dem Erzählten hinaus, und umgekehrt machen sie eine Stimmung klar, indem man ihnen eine bestimmte Farbe gibt.

Stanislav Struhar ist bereits ein Leben lang unterwegs auf der Suche nach seinen Farben. Migration, Verlust von Angehörigen, Systemwechsel, Heimatwechsel, Sprachwechsel, all diese Veränderungen haben ihn auf die Spur der Farben gebracht, denn diese vermögen, einmal zum Klingen gebracht, sich über alle kleinteiligen Eingrenzungen hinwegzusetzen. Die Farben sind in seinem Falle verlässliche Botenstoffe für Emotionen, Sehnsüchte, Stimmungslagen.

Elias Schneitter, Civetta

h.schoenauer - 03.06.2022

elias schneitter, civettaDas Kind kommt zum ersten Mal in die Provinzstadt und ist erschlagen von der Weite und Undurchdringlichkeit der Stadt. Es kann nur einzelne Wörter lesen und merkt sich den Straßennamen Resselstraße, sollte es verlorengehen. Dort nämlich wohnen Bekannte. Aber o Wunder, der Name Ressel geht ein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf, er steht für Abenteuer, Sicherheit und Orientierung. Diese drei Dinge verspricht auch die Literatur, weshalb ein Leser immer Züge des Josef Ressel an sich hat, wie das erwachsene Kind eines Tages bemerkt.

Elias Schneitter trägt schon ein Leben lang die Geschichte des Josef Ressel ungelöst und voller Bewunderung mit sich herum. Lange sind seine Fragmente in diversen Schatullen und Kisten zur Ruhe gebettet gewesen, aber jetzt hat er seine gesammelten Alterskräfte aufgeboten, ist ins Technische Museum in Wien zu den Originalschriften gefahren, und hat eine wundersame Erzählung geschrieben. Diese berichtet in der Verkleidung des Erfinders der Schiffsschraube letztlich davon, wie es einem in Österreich ergeht, wenn man seine privaten Erfindungen dem öffentlichen Geist, dem Kaiser, den Volksvertretern und der Beamtenschaft aussetzt.