Ulf Erdmann Ziegler, Schottland und andere Erzählungen
Eine Anfängergeschichte erklärt dir so lange, wer insgeheim wer ist, dass für die eigentliche Erzählung nichts mehr übrig bleibt. Eine professionelle Geschichte setzt mitten im Satz ein und nimmt dich dermaßen heftig mit ins Geschehen, dass es dir als Leser ziemlich Wurst ist, wer insgeheim wer ist.
Ulf Erdmann Ziegler hat in seinen beiden Romanen „Nichts Weißes“ und „Und jetzt du Orlando“ mit seinem fotografischen Erzählstil Furore gemacht. Mit der Handkamera fährt er mitten in ein Geschehen hinein, und der Leser wird dadurch in die Szene eingeschleust wie ein „embetteter“ Journalist. In seinen Erzählungen steigert er diese Erzählkunst, indem alles noch konziser und schroffer geschehen muss, weil ja nicht viel Raum und Zeit zum Erzählen da ist.
Im großen Globalisierungsrausch, der meist auf Englisch durch das Netz zischt, geht fast schon verloren, dass Literatur etwas mit Sprache zu tun hat. Neben der Erzählsprache, die sich von Gebrauchsanweisungen unterscheidet, ist es gerade in der poetischen Fiktion relevant, in welcher Sprache erzählt wird. Zwischen der Originalsprache und der Übersetzung gibt es Buch-technisch gesehen den Paralleldruck als Sonderform.
Wenn ein Ort nicht weiß, was er will, müssen ihm die Bewohner jeden Tag einen neuen Sinn geben.
Ab wann wird der Nagel, an dem das Bild hängt, selbst zum Bild? Wie stark muss ein Satz sein, dass er einen Absatz tragen kann? Wie fett darf eine Headline ausfallen, dass sie den darunterliegenden Text gerade noch nicht erschlägt?
In der Literatur geht niemand verloren! Damit dieses schöne Sprichwort auch in Gültigkeit bleibt, müssen Bücher immer wieder vor dem Vergessen gerettet werden. Der Haymon-Verlag wirkt mit seinen Werkausgaben als mustergültiger Retter abdriftender Literatur.
Die Melancholie ist gleich alt wie die Pädagogik, folglich geraten Pädagogen in zunehmendem Alter in die Melancholie.
Im Zentrum von Innsbruck ist eine Uhr aufgestellt, die ununterbrochen eine belanglose Ziffernfolge laufen hat. Meist sind es Ankünfte eines Rodlers oder Schispringers, welche heruntergezählt werden, momentan läuft die Uhr gegen die Rad-WM. Warum kann diese dumme Uhr nicht einmal etwas Sinnvolles herunterzählen, etwa, dass am 21. Juni 2018 Georg Stefan Troller nach Innsbruck kommt und in der Studia liest?
Die höchste Roman-Kunst besteht darin, sein eigenes Leben so aufzuschreiben, dass man meint, es sei eine allgemeingültige Geschichte der Menschheit.
Manchmal ist eine Seele so verletzt und aufgewühlt, dass sie nicht einmal mehr mit einem Roman über die Runden kommt, in so einem Fall hilft nur spitze Prosa.
In der Literatur sind alle Zeiten gleichzeitig vorhanden, wenn wir uns auf den Weg machen, eine Erinnerung, eine Stadt oder eine Freundschaft abzurufen.