Erzählung

Hanspeter Demetz, Südtirolerisch gsagg

andreas.markt-huter - 26.10.2020

hanspeter demetz, südtirolerisch gsaggIn einem Innsbrucker Taxi-Führer steht unter der Fügung „Südtiroler“, dass es sich dabei um jemanden handelt, der kein Trinkgeld gibt. Aus Gründen der Gerechtigkeit ist es also gut zu wissen, wie diese Knauser ticken und was sie so über sich und die Welt aus dem Mund herauslassen. Eine gute Quelle für diese Hardcore-Sprache ist der ultimative Sprachführer.

Hanspeter Demetz stellt für sein „Südtirolerisch gsagg“ ein paar brachiale Spielregeln auf. Das Südtirolerische ist nicht zu verwechseln mit Dialekten, wie sie oft punktgenau in diversen Talschaften gesprochen werden, und wodurch man oft jemanden in einem Dorf verorten kann, ohne dass er den Ausweis gezeigt hätte.

Bettina Balàka, Kaiser, Krieger, Heldinnen

andreas.markt-huter - 21.10.2020

Bettina balaka, kaiser, krieger heldinnenIm Essay werden zeitlose Themen anhand von aktuellen Ereignissen mit offenem Ausgang diskutiert. Der Essay bietet jeweils Publikum und Autorinnen die Chance, aufs Neue einen Sachverhalt zu diskutieren. Fügt man schließlich mehrere upgedatete Essays zusammen, ergibt sich beinahe ein Roman daraus.

Bettina Balàka hat für ihre Exkursionen „Kaiser, Krieger, Heldinnen“ sechs frühere Arbeiten auffrisiert und zu einem historischen Lesebuch zusammengestellt, das gut zur Hundertjahrfeier Ende des Ersten Weltkriegs passt. Im Mittelpunkt stehen immer Heldinnen, die freilich auf offener Bühne von der jeweiligen Gesellschaft ins Abseits gedrängt werden.

Ulf Erdmann Ziegler, Schottland und andere Erzählungen

andreas.markt-huter - 19.10.2020

ulf erdmann ziegler, schottlandEine Anfängergeschichte erklärt dir so lange, wer insgeheim wer ist, dass für die eigentliche Erzählung nichts mehr übrig bleibt. Eine professionelle Geschichte setzt mitten im Satz ein und nimmt dich dermaßen heftig mit ins Geschehen, dass es dir als Leser ziemlich Wurst ist, wer insgeheim wer ist.

Ulf Erdmann Ziegler hat in seinen beiden Romanen „Nichts Weißes“ und „Und jetzt du Orlando“ mit seinem fotografischen Erzählstil Furore gemacht. Mit der Handkamera fährt er mitten in ein Geschehen hinein, und der Leser wird dadurch in die Szene eingeschleust wie ein „embetteter“ Journalist. In seinen Erzählungen steigert er diese Erzählkunst, indem alles noch konziser und schroffer geschehen muss, weil ja nicht viel Raum und Zeit zum Erzählen da ist.

Ada Zapperi Zucker, Liebe und andere Verdrießlichkeiten

andreas.markt-huter - 09.10.2020

ada zapperl zucker, liebe und andere VerdrießlichkeitenIm großen Globalisierungsrausch, der meist auf Englisch durch das Netz zischt, geht fast schon verloren, dass Literatur etwas mit Sprache zu tun hat. Neben der Erzählsprache, die sich von Gebrauchsanweisungen unterscheidet, ist es gerade in der poetischen Fiktion relevant, in welcher Sprache erzählt wird. Zwischen der Originalsprache und der Übersetzung gibt es Buch-technisch gesehen den Paralleldruck als Sonderform.

Ada Zapperi Zucker stellt ihre fünf Erzählungen über Liebe und andere Verdrießlichkeiten links im italienischen Original und rechts in der Übersetzung durch Domenikus Andergassen dem Leser vors Auge. Damit sind alle Sprachmächtigen animiert, die Nuancen und Feinheiten auszukosten, die angehenden Sprachkünstler lernen mit dieser Methode die Simultanlektüre, je ein Auge fasst eine Sprache, wie es ja in zweisprachigen Ländern üblich ist.

Markus Koschuh, Olympisches Dorf. Kleinstadt im Weltdorf

andreas.markt-huter - 02.10.2020

markus koschuh, olympisches dorfWenn ein Ort nicht weiß, was er will, müssen ihm die Bewohner jeden Tag einen neuen Sinn geben.

Das Olympische Dorf in Innsbruck ist seinerzeit als Sportlerunterkunft auf der grünen Wiese entstanden. Man hat freilich schon bei der Planung für 1964 daran gedacht, dass später normale Leute darin wohnen sollen. Anders bei der Schnellschuss-Olympiade 1976, als man offiziell aus Zeitnot keine ordentliche Planung machen konnte und ein bereits überholtes Hochhauskonzept ohne Charme weitergebaut hat.

Gerhard Jaschke, Gemischte Freuden

h.schoenauer - 21.09.2020

gerhard jaschke, gemischte freudenAb wann wird der Nagel, an dem das Bild hängt, selbst zum Bild? Wie stark muss ein Satz sein, dass er einen Absatz tragen kann? Wie fett darf eine Headline ausfallen, dass sie den darunterliegenden Text gerade noch nicht erschlägt?

Gerhard Jaschkes Sprachradar hat die Fähigkeit zur Rundumsicht und zum Rundumschlag. Seine 360-Grad-Version von der Welt zeigt immer das Allgemeine in einem Mikrokosmos. Umgekehrt kann sich in der Mickrigkeit eines Satzes ein ganzes Sozio-Universum auftun.

Gerold Foidl, Gesammelte Werke

h.schoenauer - 16.09.2020

gerold foidl, gesammelte werkeIn der Literatur geht niemand verloren! Damit dieses schöne Sprichwort auch in Gültigkeit bleibt, müssen Bücher immer wieder vor dem Vergessen gerettet werden. Der Haymon-Verlag wirkt mit seinen Werkausgaben als mustergültiger Retter abdriftender Literatur.

Der Osttiroler Schriftsteller Gerold Foidl gilt als literarische Sternschnuppe, die immer wieder zu verglühen droht. Sein Erstling „Der Richtsaal“ wird seit 1978 als Untergrund-Bestseller herumgereicht. Dabei handelt es sich um eine Befreiungsgeschichte im kleinbürgerlichen Provinzmilieu.

Irmgard Hierdeis / Peter Stöger: Als die Tomaten noch nach Tomaten schmeckten

h.schoenauer - 14.09.2020

irmgard hierdeis, als die tomaten noch nach tomaten schmecktenDie Melancholie ist gleich alt wie die Pädagogik, folglich geraten Pädagogen in zunehmendem Alter in die Melancholie.

Mit dem berührenden Seufzer „Als die Tomaten noch nach Tomaten schmeckten“ machen zwei gereifte Pädagogen einen Ausflug in ihre Kindheit, denn was immer man im Alter auch unternimmt und denkt, man landet in seiner eigenen Kindheit. In Anekdoten und kleinen Erzählungen kommen so die vierziger und fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zum Vorschein und schmecken intensiv, weil damals alles, nicht nur Tomaten, intensiv nach seiner selbst geschmeckt hat.

Georg Stefan Troller, Ein Traum von Paris

h.schoenauer - 07.09.2020

georg stefan troller, ein traum von parisIm Zentrum von Innsbruck ist eine Uhr aufgestellt, die ununterbrochen eine belanglose Ziffernfolge laufen hat. Meist sind es Ankünfte eines Rodlers oder Schispringers, welche heruntergezählt werden, momentan läuft die Uhr gegen die Rad-WM. Warum kann diese dumme Uhr nicht einmal etwas Sinnvolles herunterzählen, etwa, dass am 21. Juni 2018 Georg Stefan Troller nach Innsbruck kommt und in der Studia liest?

Georg Stefan Troller ist Schriftsteller, Journalist und Fotograf, nach seinen Büchern ist beispielsweise die Trilogie „Wohin und zurück“ entstanden. Wer ein Paris-Bild vor dem inneren Auge aufbaut, wird dabei an die frühen Fotos denken, die das Lebensgefühl der 1950er Jahre am Beispiel von Paris für den ganzen Kontinent eingefangen haben.

Martin Prinz, Die unsichtbaren Seiten

h.schoenauer - 02.09.2020

martin prinz, die unsichtbaren seitenDie höchste Roman-Kunst besteht darin, sein eigenes Leben so aufzuschreiben, dass man meint, es sei eine allgemeingültige Geschichte der Menschheit.

Martin Prinz hat seine Kindheit in der Peripherie-Hauptstadt Lilienfeld verbracht, die 1976 während der tausendjährigen Babenberger-Ausstellung zumindest in Österreich zu Weltruhm gelangt ist. In den unsichtbaren Seiten beschreibt er einerseits Teile des erzählenden Ichs, die normalerweise nicht sichtbar sind, andererseits liegt den aufgeschriebenen Sequenzen immer eine geheime, unsichtbare Chronik zugrunde, die zwar während des Lesens kurz aufleuchtet, dann aber wieder mit dem zugeklappten Cover im Regal verschwindet, wenn der Roman abgestellt wird.