Alexandra Bernhardt, Hinterwelt oder Aus einem Spiegelkabinett
In einer Zeit, wo Bücher hauptsächlich über die Krimi-Schütte verkauft werden und entweder ein gedruckter Tatort oder Landkrimi sind, gerät die Kunst eines komponierten Buches zunehmend in Vergessenheit. Dabei ist nicht nur das haptische Empfinden als Information gemeint, auch Layout und Komposition sind in diesen guten standhaften Büchern noch eine wesentliche Bereicherung des Lesegenusses.
Alexandra Bernhardt präsentiert in ihrer „Hinterwelt“ vordergründig zehn Erzählungen, die einen zweifachen Zugang verheißen. Einmal könnte es sich um Ereignisse aus der Hinterwelt handeln, wie sie in entlegenen Geographien und Hirnen nur mehr selten vorkommt, zum anderen sind es natürlich Meta-Geschichten, die etwas dahinter erzählen, was vorne kunstvoll inszeniert worden ist.
Der Aphorismus ist ein Brühwürfel, der eine würzige Argumentationskette auslöst, wenn man ihn ins Gespräch wirft.
Eine sorgfältige Erzählung kümmert sich auch um das Umfeld, in welchem sie entstanden ist. Die Erzählsituation wird gemeinsam mit dem Leser in Frage gestellt. Erzähl-beruhigende und -aufwühlende Hinweise halten sich die Waage.
Als Prüfungsfrage gestellt ist die Novelle diese berühmte „unerhörte Begebenheit“, von der in der Germanistik seit 150 Jahren gesprochen wird. Im Alltagsleben eines Lesers ist die Novelle eine aufwühlende Angelegenheit in einem beschaulichen Leben. Dabei kann dieses beschauliche Leben sich über Autor, Leser oder Helden legen.
Tokyo Fragmente sind wahrscheinlich genauso schützenswerte Originale wie Lebensmittel, Weine oder Käse, die ihre Ursprungsbezeichnungen als Markenzeichen geschützt haben. Tokyo Fragmente könnte man in einer Schutzurkunde vielleicht als Notate bezeichnen, die ein Sprachforscher während seines Aufenthaltes im Großraum Tokyo niederlegt.
Manche Dinge sind gesellschaftlich so ungeklärt, dass man als Schriftsteller nicht einmal abschätzen kann, welche Gattung man dafür verwenden sollte.
Die Welt schrumpft in kleinen Städten an der Peripherie zu einer Trommel, auf der sich trefflich ein Polizist aufstellen lässt, der den Weltverkehr regelt.
„Tirol ist ein mehr oder weniger gelungener Bluff, der die Leute über den Tisch zieht, sobald jemand das Land betreten hat. Es gibt in Tirol nichts, was Sie nicht zu Hause in besserer Qualität haben könnten.“ (S. 5)
Die Himmelsstiege kann durchaus auch als Paradoxon gelesen werden: Während jemand philosophisch den Weg der Befreiung erklimmt, macht er die Hölle der Schwerkraft und anderer körperlicher Handicaps mit.
Die wahren Monster humpeln nicht als wuchtige Gestalten über die Leinwand, sondern als amorphe Schreckgespinste durch die Seele.