Christian Steinbacher, Gräser im Wind
Das Trivialste und Geilste, das man sich in der Literatur vorstellen kann, ist Gras. Nicht nur, der biblische Vers, „alles Fleisch wird Gras“, weist auf die Besonderheit von Gras hin, auch der Top-Roman des Nobelpreisträgers Claude Simon heißt schlicht „Das Gras“.
Christian Steinbacher nimmt das Gras zum Ausgangspunkt für seine poetische Abhandlung, die bei ihm Abgleich heißt. Als Vorspann ist dem Gräser-Werk eine zweifache Übersetzung einer Szene aus Simons Gras vorangestellt. Selbst der Laie erkennt, dass Gras bei jedem Anblättern anders wird. Im Roman dient das Gras einerseits als Stoff für ineinander Verwachsenes und als Unterlage für Seitensprünge, die manche Helden mitten im Absatz durchführen.
Die Heftigkeit eines Lebens lässt sich unter anderem daran messen, wie lange ein Interviewer braucht, um das Wesentliche einer Lebenskarriere darzustellen.
Der Tourismus benötigt jeweils hundert Prozent der Fläche eines Landes. Es gibt keine Ritze und keine Kluse, worin nicht im Verlaufe eines Jahres ein Tourist stecken würde. Tirol ist mittlerweile so erschlossen und touristisch bombardiert, dass man selbst die Literatur nur mehr dann an das Publikum bringt, wenn sie nach touristischen Grundsätzen produziert und aufbereitet ist.
Ein nicht zu unterschätzendes Motiv für Migrationsströme ist der sogenannte „Gegenbesuch“. Viele Völker, deren Vorfahren einst von Europäern aufgesucht und heimgesucht worden sind, treten jetzt höflich den Gegenbesuch nach Europa an.
„Wenn du zur Königsfamilie gehörst, ist England praktisch dein Privatanwesen, / Aus dem du, nachdem du majestätisch durch prachtvolle Häuser gerauscht bist, / Heraustrittst, um der allgemeinen Bevölkerung zuzuwinken / Und sodann Titel und Blechmedaillen an die Gutsarbeiter auszuteilen.“ (S. 56)
Unverwechselbare Erzählerinnen liefern nicht nur Stoffe und Plots, sondern kümmern sich auch um jenen Tick, der diese Stoffe dann zu einer „Erzähl-Marke“ macht.
Die erotische Freizügigkeit wird oft als linearer Vorgang missverstanden, wonach die Gesellschaften jedes Jahr frecher werden müssten. In Wirklichkeit ist die Gegenwart oft ganz schön verklemmt, wenn man sie an wilden Epochen misst.
Für einen Leser, den wir sehen, stehen hundert unsichtbare Leser. Für eine Sprache, die wir sprechen, stehen hundert ungehörte Sprachen.
In der Chemie und in der Literatur geht es vor allem darum, intelligente Verbindungen zu finden. Die Verbindung Kunst, Sex und Mathematik klingt so logisch, dass man nie einen Zweifel hegt, sie könnten nicht zusammengehören.
Ob man ein Leser mit Tiefgang ist, lässt sich durch eine einzige Frage beantworten: Hast du neben der Bibliothek eine Buchhandlung, in der du persönlich angesprochen wirst?