Erzählung

Xaver Bayer, Atlas

andreas.markt-huter - 02.07.2018

Titelbild: Xaver Bayer, atlasEine unvergessliche Erzählung taucht aus dem Nichts auf, fesselt den Leser und löst sich samt dem Gefesselten wieder in Nichts auf.

Xaver Bayer erzählt von diesen Zwiebelschalen, die so raffiniert ineinandergesteckt sind, dass wir glauben, beim Zwiebelschneiden nicht weinen zu müssen. Und dann greift doch zwischen den Zeilen heraus eine Hand nach uns und will, dass wir sie halten, bis die Verlorenheit vorbei ist.

Clemens Sedmak, Ans Herz gelegt

h.schoenauer - 29.06.2018

sedmak_herz.jpgEin feines Kriterium für Strömungen in der Gesellschaft sind immer sogenannte Ratgeber. Sie zeigen in Themenwahl und Methode, wie sich eine Gesellschaft wünscht, dass etwas besser gelingt.

Clemens Sedmak ist mittlerweile ein gern gesehener Gast für Abende, in denen er eine verbesserte Sprache präsentiert, scheinbar ausgestorbene Tugenden reaktiviert und durchaus nicht verschweigt, dass er als Theologe sich nicht geniert, selber religiös zu sein.

Günter Vallaster (Hg.), räume für notizen

h.schoenauer - 18.06.2018

titelbild: Günter Vallaster, räume für notizenDas größte Programm ist in der Literatur jenes, das den Anwendern den größten Raum lässt.

Günter Vallaster stellt in seinen Projekten jede Menge Raum zur Verfügung. Einmal sind es öffentliche Einrichtungen, an deren mehr oder weniger freien Wänden Literatur fixiert werden kann. Einziges Kriterium dabei, es muss sich Bild-artig an eine Wand nageln lassen. Zum anderen sind es freie Flächen, wie sie in manchen Büchern für Notizen angeboten werden, wenn ein halber Bogen beim Drucken übrigbleibt.

Walter Pilar, Lebenssee ~~~, Wandelalter

andreas.markt-huter - 08.06.2018

pilar_lebenssee.jpgDer Lebenssee, ein Kosmos aus dem geographischen Ebensee, der Kultur rund um den See und dem Leben eines darin wohnenden Chronisten, ist so etwas wie das Lebenswerk des Walter Pilar.

Nach Welle 1 (~), eine skurreale Entwicklungsromanesque, Welle 2 (~~), Gerade Regenbögen, springt jetzt Welle 3 (~~~) an Land. Der Titel ist verhältnismäßig schlicht, Wandelalter. Allerdings wünscht sich der Autor, dass man sich schon am Umschlag verliest und Wandel-Altar draus macht, denn das Buch ist wie ein Flügelaltar aufgebaut, dem man zu jeder Jahreszeit verschiedene Schwerpunkte der Anbetung entlocken kann. Ehrensache, dass es mit den drei Flügeln nicht getan sein wird und somit auch noch Borten, Zierrat und allerhand Befestigungshandwerk auftauchen.

Paul Jaeg (Hg.), GlutDruck

andreas.markt-huter - 25.05.2018

Paul Jaeg, GlutDruck. Texte der Gruppe SinnenbrandWenn ein Projekt GlutDruck heißt, hört man es zischen und brodeln, da hat man noch nichts gesehen. Und dann dreht man das Buch und am hinteren Cover sieht man vier Künstler springen, musizieren, performen und diskutieren.

Die Gruppe Sinnenbrand setzt sich aus Peter Assmann (Linz), Ferdinand Götz (Bad Ischl), Paul Jaeg (Gosau) und Richard Wall (Engerwitzdorf) zusammen. Ihr Konzept besteht aus dem Verschmelzen von diversen Kunstgattungen zu einem Glutvulkan, der an bemerkenswerten Orten ausbricht.

Rüdiger Görner, Levins Abschied

h.schoenauer - 25.04.2018

Die Aufzeichnungen sind oft das Schönste von einem Ereignis oder Lebensabschnitt, im Idealfall gelingt es, heftige Erlebnisse in das Reagenzglas einer Impression zu drängen.

Rüdiger Görner spielt die gut dreißig Geschichten in beeindruckendem Rhythmus ab, auf kurze emotionale Blitzeinschläge folgen durchaus lange Erlebnis-Elegien, worin sich die Vorgänge noch während des Erzählens kristallklar absetzen können.

Willemijn van Dijk, Via Roma

andreas.markt-huter - 20.04.2018

„WIE ENTSTEHT EINE Stadt? In den meisten Reiseführern liest man, Rom sei am 21. April 753 v. Chr. gegründet worden. Eine verdächtig genaue Angabe, die oft ungeprüft übernommen wird – und gedenken nicht die Römer selbst jedes Jahr am 21. April der Gründung ihrer Stadt?“ (5)

Kaum eine Stadt spricht aus so vielen Straßen und Gassen zu ihren Besuchern wie die ewige Stadt Rom. Jeder Spaziergang über die sieben Hügel und durch die zahlreichen Winkel ist gleichsam eine Reise bis in die entfernteste Vergangenheit einer Stadt, die einmal die Geschicke der antiken Welt gelenkt hat.

László Darvasi, Wintermorgen

h.schoenauer - 18.04.2018

Große Erzählungen stellen immer auch scheinbar kleinliche Fragen, etwa, wie spielt man als Trommler die Nationalhymne? oder hat das Alter des Spaten einen Einfluss auf den Schlag, der dem Nachbarn über den Kopf gezogen wird?

László Darvasi hat gleich die größten Themen Gott, Heimat und Familie im Visier, um unter diesen Begriffshaubitzen das Schicksal der Menschen am Rand von Gott und der Welt zu erzählen. Diese Novellen setzen meist an einer abwegigen Stelle ein, um sich dann ganz woanders hin zu entwickeln, wo Leser und Helden gleichsam aus den Schuhen geworfen werden.

Stefan Winterstein, Früher war mehr Rechtschreibung

h.schoenauer - 06.04.2018

Menschen, die sich um Rechtschreibung kümmern, werden zwischendurch scheel angeschaut, weil sie entweder kleinkarierte Pipis oder heimliche Machtmenschen sind. Exzessives Rechtschreiben wird oft aus Gründen einer psychischen Störung bei sich selbst oder aus Disziplinierungsgründen bei anderen eingesetzt.

Stefan Winterstein stellt mit seinem Essay solchen landläufigen Meinungen Einiges an Ordnung und Aufklärung entgegen. Obwohl der Essay völlig freien Formen huldigen darf, teilt ihn der Autor klug in drei Kapitel ein und formuliert die Thesen mit der Präzision eines Wittgensteinschen Zählwerks. A erzählt alles Notwendige über die Rechtschreibung, in B werden psychologische Schrullen der Anwender bedacht, C berichtet von der schier unlösbaren Aufgabe eines Lektors, die Rechtschreibung in den Griff zu kriegen.

Georg Jäger (Hrsg.), Melachgeflüster

h.schoenauer - 04.04.2018

Kluge Täler geben dem Hauptfluss immer einen anderen Namen als dem Tal selbst, so können Feinde abgewehrt werden, indem man sie verschickt. Wenn jemand nämlich fragt, wo die Sellrain fließt, kann man ihn verschicken, im Sellraintal nämlich fließt die Melach.

Georg Jäger hat das Raunen und Ächzen, das Rumpeln und Schottern der Melach ausgegraben, wie es zwischen 1800 und der Zwischenkriegszeit in Sagen transportiert, mündlich überliefert oder in Lokalzeitungen zum Vorschein gekommen ist.