Michael Köhlmeier / Monika Helfer: Der Mensch ist verschieden
Wie alle Wirtschaften der Globalisierung und des Postkapitalismus leidet auch die Literaturwirtschaft unter zunehmender Brutalität.
Schriftsteller, die nicht ununterbrochen produzieren und etwas ausspucken, verschwinden genauso vom Markt wie Verlage, die etwas Überraschendes publizieren. So kommt es also vermehrt zur sogenannten Standby-Literatur. Dabei zeigen Verlage, dass sie nichts Neues vorhaben und jemandem im Leer-Programm noch immer die Stange halten, und die Autoren zeigen, dass sie noch am Leben sind.
Wenn etwas nicht mehr weitergeht, seufzt meist jemand „sinnlos!“, und die Sache ist vorläufig vertagt.
Immer wieder wird der Vergleich herangezogen, dass lesen eigentlich gehen bedeutet, wenn es um einen Zustand geht, der eigentlich ein Zoom ist.
Wenn etwas an der Oberfläche glatt und verlogen ist, muss man das Botox eben unterirdisch spritzen in Gestalt von Groteske und Anarchie.
Ein hoher Witz muss sein: Beim Gaußschen Gesetz wird der elektrische Fluss durch eine geschlossene Fläche vermessen, bei der Gaußschen Landkarte kommen Gegenden in peripherer Lage in den Fokus von Geschichte.
Bei einem Essay tauchen in dieser Reihenfolge zwei Elementarfragen auf: Wie ist das Thema formatiert? Was ist überhaupt das Thema?
Eine unvergessliche Erzählung taucht aus dem Nichts auf, fesselt den Leser und löst sich samt dem Gefesselten wieder in Nichts auf.
Ein feines Kriterium für Strömungen in der Gesellschaft sind immer sogenannte Ratgeber. Sie zeigen in Themenwahl und Methode, wie sich eine Gesellschaft wünscht, dass etwas besser gelingt.