Erzählung

Peter Paul Wiplinger, Tagtraumnotizen

h.schoenauer - 20.06.2017

Irgendwo zwischen Tag und Nacht, Leben und Tod, Vergangenheit und Zukunft sind die Tagträume zu Hause, die sich nicht greifen lassen, höchstens umrunden.

Peter Paul Wiplinger nennt seine Aufzeichnungen aus diesem täglich aufziehenden Schattenreich Tagtraumnotizen. Im ersten Anblick erinnern diese kompakten Prosazellen an schwere Keile, die in die Materie gerammt sind um entweder einen Baum zu fällen, eine Tür aufzuspreizen oder einen Stein zu sprengen. Die Texte sind nach innen spitz und nach außen stachelig gehalten, sie geben ihr Geheimnis nicht leichtfertig her, für die Lektüre braucht es einen langen Blick über die Zeilenränder hinaus und eine Ahnung von der Vergänglichkeit des ganzen Werkels, das sich Leben nennt.

Norman Lewis, Neapel '44

h.schoenauer - 13.06.2017

Reisebücher beschreiben meist ein Stück Geographie mit mehr oder weniger interessanten Menschen drin, eine spezielle Form ist jene, die dabei ein Stück Zeitgeschichte bereist.

Norman Lewis wird 1943 in einem Schnellsiedekurs zu einem Nachrichtenoffizier für die Nachkriegszeit ausgebildet, Schwerpunkt dabei: Verwaltung eines Gebietes, das eben frisch von der Armee befreit worden ist. Ab dem Herbst 1943 ist der Erzähler etwa ein Jahr lang in Neapel stationiert, dabei ändern sich die Aufgaben beinahe stündlich.

Stefan Schweiger, liegen bleiben

h.schoenauer - 25.05.2017

„Liegen bleiben“ ist ein Ausdruck, der aufs Erste das Österreichische perfekt zum Ausdruck bringt. Eine Arbeit bleibt liegen, ein Beamter entschließt sich, heute liegen zu bleiben, ein Projekt bleibt liegen, Fahrzeuge bleiben liegen, etwas wird weggeworfen und bleibt liegen.

Stefan Schweiger geht mit seiner Liegen-Bleib-Prosa noch ein Stück über das Österreichische hinaus, er behandelt nichts anderes als den Schöpfungsbericht und die Evolution, die in ihrer Entwicklung liegen bleiben und in einem vor-evolutionären Zustand irgendwo bei den schwarzen Löchern des Universums enden. Dabei durchbohren die knallhart reduzierten Formulierungen jedes Gestein, jede Gedankenmasse, jeden Teil des Universums.

Helmut Rizy: Exil | Front | Widerstand

h.schoenauer - 23.05.2017

Ein aufregender Essay fragt nicht lange und reißt den Leser mit kurzen Denkbewegungen Oktopus-mäßig in den Schlund des Nachdenkens.

Helmut Rizy kümmert sich um diese Haltungsfronten, die schon immer quer durch den österreichischen Charakter gegangen sind. Wer ist literarisch gesehen im Exil, wer an der Front und wer denkt gar an Widerstand?

Annett Krendlesberger, Doch

h.schoenauer - 18.05.2017

Oft sind es diese kleinen selbstbewussten Widerspruchswörter, die in einer Erzählung als strukturierte Alternativen hervortreten. Das Wörtchen „doch“ erinnert im besten Fall an ein dynamisches Kind, welches in den Boden stampft und „doch“ schreit, um ein Begehren vorzutragen.

In Annett Krendlesbergers knapp zwanzig Erzählungen treten Heldinnen und Helden auf, die an die Peripherie der öffentlichen Wahrnehmung gerückt sind und einmal noch kurz so etwas wie einen eigenen Willen kundtun, um den letzten Rest einer eigenen Identität zu dokumentieren. Dabei gerät dieses Aufbegehren manchmal in die Nähe einer Marotte, die erst recht wieder ohne Aufmerksamkeit weggewischt wird.

Gabriele Kögl, Höllenkinder

h.schoenauer - 16.05.2017

Nach einer recht einleuchtenden Vorstellung besteht der Sinn des Lebens im ständigen Erzählen dieses Lebens. Wenn alles fertig ist, setzt das Leben von sich aus den Schlusspunkt.

Gabriele Kögl wählt für ihre monologische Erzählung „Höllenkinder“ eine Bäuerin als Heldin, die anlässlich des achtzigsten Geburtstags ihr Leben abarbeitet. Die Feierlichkeiten sind eine Bedrohung des geordneten Lebens, denn feiernde Angehörige und Jubiläumskind sind völlig überfordert. Es wird der übliche Tamtam aufgeboten, Essen, kleine Basteleien, Fotos, Floskeln, niemand fühlt sich so recht wohl in seiner Haut, weil es keine verlässlichen Rituale gibt, die so einen Geburtstag als Lebensbilanz erträglich machen könnten.

Ludwig Roman Fleischer, Unerwünschte Nebenwirkungen

h.schoenauer - 11.05.2017

In einem geordneten System wie der Medizin, der Pädagogik oder der Literatur geht man davon aus, dass etwas beabsichtigt wird, und „daneben“ können unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Nun wissen aber gewiefte Mediziner, Lehrer und Autoren, dass es besser ist, Haupt- und Nebenwirkung zu vertauschen, um das Ziel zu erreichen.

Ludwig Roman Fleischer untersucht in seinen literarischen Fallbeispielen knapp zwanzig solcher Nebenwirkungsfälle, die naturgemäß dermaßen skurril und „entrig“ ausgehen, dass man wahrscheinlich bei keinem Gericht der Welt den Schaden einklagen kann. In der Hauptsache ist es das System, das die Sachen vertauscht und etwa Fußnote mit Überschrift verwechselt.

Peter Wehle, Die Wiener Gaunersprache

h.schoenauer - 04.05.2017

Seit Kindheitstagen träumen wir alle von einer Geheimsprache, mit der wir wichtige Dinge so verschlüsselt aussprechen können, dass uns die Freunde zuzwinkern und die „Kiwara“ blöd schauen. Die sogenannte Gaunersprache ist so eine Geheimsprache, im konkreten Fall ist sie noch zusätzlich verschlüsselt durch die Zeit, die an keiner Gaunersprache spurlos vorbeigeht.

Der legendäre Peter Wehle (Senior) hat sich seinerzeit zum sechzigsten Geburtstag eine Dissertation für das zweite Doktorat geleistet, damit er neben dem Kabarettprogramm, bei dem die anderen gelacht haben, auch selber etwas zu lachen hat. Die geniale Idee, über die Wiener Gaunersprache zu forschen, hat den Sprachforscher Wehle bald einmal an die Sprachgrenzen des Untergrunds gebracht. Das Buch ist seinerzeit ein Bestseller geworden und wird jetzt zum hundertsten Geburtstag seines Autors neu aufgelegt.

Josef Steinbach, Tibor im Glück

h.schoenauer - 16.04.2017

Den besten Stoff für Literatur bietet allemal das Leben selbst und das verrückteste Glück lässt sich nur in der Literatur finden.

Josef Steinbach nimmt diese Extrem-Achsen der Literatur zum Anlass, um darin einen Fall von Glück zu installieren. Tibor im Glück wird als Vorspann in großen Lettern in das Buch gespiegelt, die Buchstaben ziehen einzeln vorbei, so dass man erst nach ein paar Seiten die Botschaft begreift: Tibor Katar widerfährt das Glück.

Nicholas Shakespeare, Broken Hill

h.schoenauer - 13.04.2017

Wenn ein Ort richtig entlegen ist, fällt er mit einer Handbewegung aus Raum und Zeit. Broken Hill ist ein abgewirtschafteter Bergbau-Ort im tiefsten Australien. Mit der schrottreifen Eisenbahn ist es leichter über die Küste nach London zu gelangen als nach Sidney.

Nicholas Shakespeare siedelt die Geschichte vor genau hundert Jahren an. Broken Hill hat den Anschluss an die Welt verloren, aus den einst gewonnenen Erzen sind längst Waffen und Kugeln gegossen, Broken Hill befeuert gerade den Ersten Weltkrieg mit seinen früheren Exporten. Im Mittelpunkt der Geschichte steht fast kitschig ausformuliert Rosalind, die mit ihren gerade mal zwanzig Jahren den Heiratsmarkt ungemein mobilisiert. Es herrscht nämlich Frauenüberschuss, weil die Männer meist schon in den Minen verunglückt sind.