Juri Andruchowytsch, Kleines Lexikon intimer Städte
Städte sind mehr oder weniger fixe Haken der Geschichte, an denen man die eigene Arbeit, die Träume und Abenteuer einhängen kann.
Juri Andruchowytsch führt seit jeher ein literarisches Leben, das sich zwischendurch in Lesereisen, Romanen und Projekten ausformt.
Daraus entsteht wie von selbst ein Netz aus Erlebnisknoten, die von aufgesuchten Städten zusammengehalten werden. Eine freie Erzählform ergibt sich dabei, wenn man die Städte zu einem Lexikon zusammenfügt.
Es gibt so psychisch helle Sonnenaufgänge, auf die sich nicht nur Kinder hinzählen, soundso viele Tage, dann kommt das Christkind, sondern auch Erwachsene, soundso oft noch an der Zeitmaschine einchecken, dann kommt die Pension.
Sogenannte Preisdichter schreiben ihre Werke meist für die Jury, ab und zu freilich schreiben sie ein Buch, um die angehäuften Preise zu rechtfertigen.
Eine Novelle ist vielleicht so etwas wie eine alte Maßeinheit des Erzählens, und wenn man durchaus zeitgenössische Dinge damit abmisst, ergeben sich verblüffende Relationen.
Manche Bücher bleiben als Manifeste in Erinnerung, da ist der Inhalt des Buches schon lange vergessen. Bertha von Suttners „Die Waffen nieder“ (1889) ist so ein Buch, das wahrscheinlich seit hundert Jahren nicht mehr gelesen aber umso häufiger zitiert worden ist.
Irgendwo zwischen Tag und Nacht, Leben und Tod, Vergangenheit und Zukunft sind die Tagträume zu Hause, die sich nicht greifen lassen, höchstens umrunden.
Reisebücher beschreiben meist ein Stück Geographie mit mehr oder weniger interessanten Menschen drin, eine spezielle Form ist jene, die dabei ein Stück Zeitgeschichte bereist.
„Liegen bleiben“ ist ein Ausdruck, der aufs Erste das Österreichische perfekt zum Ausdruck bringt. Eine Arbeit bleibt liegen, ein Beamter entschließt sich, heute liegen zu bleiben, ein Projekt bleibt liegen, Fahrzeuge bleiben liegen, etwas wird weggeworfen und bleibt liegen.
Ein aufregender Essay fragt nicht lange und reißt den Leser mit kurzen Denkbewegungen Oktopus-mäßig in den Schlund des Nachdenkens.
Oft sind es diese kleinen selbstbewussten Widerspruchswörter, die in einer Erzählung als strukturierte Alternativen hervortreten. Das Wörtchen „doch“ erinnert im besten Fall an ein dynamisches Kind, welches in den Boden stampft und „doch“ schreit, um ein Begehren vorzutragen.