Erzählung

Arno Heinz, Sie stand da

h.schoenauer - 19.04.2006

Buch-Cover

Der Prosaband „Sie stand da“ gleicht beim ersten Durchblättern einer Sammlung von gleich großen Dingen, wie etwa Muscheln in der Vitrine liegen oder Nudelstücke im Nudelsieb.

Bleistiftzeichnungen unterbrechen in kompakten Schüben die Texte. Unter den Schraffuren der Zeichnungen sind immer Frauenköpfe, Frauenhirne, und Frauengedanken zu sehen, oft überlagert von halbausgezeichneten Ornamenten oder Strukturen einer Alltagsszenerie.

Peter Plattner, Von Grün und anderen Touristen

h.schoenauer - 18.04.2006

Buch-Cover

Die griffigste Sehnsucht entsteht durch eine einfache Landkarte, worauf magisch-reale Orte wie vergrabene Schätze verzeichnet sind. In Peter Plattners Reiseroman vom „Grün“ ist eine solche Sehnsuchtskarte im Vorspann eingelegt.

Die Karte zeigt in Abenteuer-Manier einen Ausriss aus Südamerika, in Kolumbien ist etwa Bahia Solana eingezeichnet, in Venezuela Ciudad Bolivar, in Bolivien Potosi. Zwischen den Orten wuchern Gebirge, wilde Wasser und Dschungel, Dschungel, Dschungel.

Dimitré Dinev, Ein Licht über dem Kopf

h.schoenauer - 01.04.2006

Buch-CoverAlle guten Dinge sind drei, und über die Aktion ?Innsbruck liest? sind mittlerweile drei Bücher kostenlos an die Bevölkerung verteilt worden, die alle das Prädikat wunderbar, ergreifend, aufwühlend tragen. Nach Thomas Glavinic?s Roman "Der Kameramörder" und Sepp Mall's Roman "Wundränder" ist heuer Dimitré Dinev mit seinen Erzählungen "Ein Licht über dem Kopf" in allen Händen und in aller Munde.

Es gibt in der Literatur die ergreifende Erkenntnis, dass wir alle Emigranten sind, denn zumindest aus der Kindheit musste jeder von uns einmal aussiedeln und hat somit die elementare Erfahrung der Emigration am eigenen Leibe erfahren können. In den Erzählungen Dinevs sind die Figuren ständig unterwegs mit einer Selbstverständlichkeit, als ob Unruhe, Wanderschaft, Emigration und Flucht das Selbstverständlichste der Welt wären.

Susanne Schaber, Herr Hofer und sein Hosenträger

h.schoenauer - 11.03.2006

Buch-Cover

Gute Geschichten müssen immer wieder neu erzählt werden, bis entweder das Kind zu Hause eingeschlafen oder das Festpublikum im Gemeindesaal eingenickt ist, ehe dieses von Applaus und jenes vom Harndrang zur Unzeit geweckt wird.

Susanne Schaber erzählt die Tiroler Einschlafgeschichten, bei denen normalerweise das Festpublikum wegdöst, so frech und spritzig, dass man als Leser unbedingt wissen will, wie sie weitererzählt, obwohl diese Geschichten ja jedem Patrioten schon bekannt sind.

Alois Hotschnig, Die Kinder beruhigte das nicht

h.schoenauer - 27.02.2006

Buch-Cover

Manchmal gibt es zwischen den Lesern und dem Autor so etwas wie unausgesprochene Freundschaft, das heißt, die Leser warten tapfer auf das nächste Buch und machen sich Sorgen, ob der Autor wohl nicht verschollen ist mit seiner Erzählkunst.

Und dann taucht das Buch als fröhliches Lebenszeichen auf, alles in Ordnung, scheint der Autor zu erzählen, ich habe nur besonders sorgfältig gearbeitet, deshalb hat es ein wenig gedauert.

Guy Helminger, Etwas fehlt immer

h.schoenauer - 23.02.2006

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In der Managementsprache nennt man es suboptimal, wenn etwas nicht ganz perfekt oder überhaupt ein Schas ist. Und dieser kleine suboptimale Mangel zieht sich oft durch den Alltag der so genannten kleinen Leute, mal etwas hypochondrisch angelegt, mal als miese Laune.

Guy Helmingers Geschichten geben auf die Frage, was fehlt dir denn, die perfekte Antwort: - Alles!

Jörg Fauser, Alles wird gut

h.schoenauer - 20.02.2006

Buch-CoverAuf dem Weg zum Klassiker muss ein verstorbener Dichter ein, zwei Editionen des Gesamtwerks auf die Beine bringen.

Jörg Fauser hat ideale Voraussetzungen zu einem Klassiker, allein sein Tod, für den er sich pünktlich zum 43. Geburtstag auf der Autobahn überfahren lässt, lässt Germanisten vor Schicksalslust quiecken. Und auch sonst ist die Biographie prall voll von Begriffen wie Studienabbrecher, Flughafenarbeiter, Nachtwächter, Aushilfsangestellter, Nadel, Drogen, Istanbul.

Wolfgang Raffeiner, Aus dem späten Leben

h.schoenauer - 27.01.2006

Buch-CoverKann ein unspektakulärer Mensch eine spektakuläre Biographie haben? Wolfgang Raffeiner zeigt mit seinen Mitschriften zum eigenen Leben, dass das so genannte einfache Leben durchaus aufregend sein kann.

Als Chef einer Zimmerei hat er ein Leben lang nicht nur die schwersten Stämme behauen und zersägt, sondern daneben auch immer sein Leben in wohl proportionierte Scheiter zerhackt und zu einer Tagebuchartigen Kulturmitschrift aufgeschlichtet.

Renate Scrinzi, Vita Minima

h.schoenauer - 15.12.2005

Buch-CoverMinimales Leben, Leben auf Sparflamme – aus der Welt der Murmeltiere kennen wir diesen zurückgefahrenen Zustand. Aber nicht nur manche Tiere fahren über den Winter das Leben zurück, auch mitten in der pulsierenden Zivilisation gibt es immer wieder Menschen, die ihr Dasein auf ein Minimum einschränken.

In Renate Scrinzis Erzählung geht es um drei Personen, die für sich und untereinander das Leben eingefroren haben. Die 71-jährige Luise ordnet ihr Leben, quartiert sich noch in einem guten Hotel ein und geht in den Wald um zu sterben. Das Erfrieren mit vollen Sinnen erinnert an diese vom Dasein gebückte Szenerie an der Baumgrenze, wie sie der frühe Thomas Bernhard bearbeitet hat. Freilich hat Luise noch ein Handy dabei, aber es ist ausgeschaltet und so kann die Heldin erst zu spät und für die Erzählung zur rechten Zeit gefunden werden.

Christoph Pichler, Onkel Norberts denkwürdiger Nachmittag

h.schoenauer - 12.12.2005

Buch-CoverDas ist die Eigenschaft guter Erzählungen: Man liest sie zuerst scheinbar nebenbei, und plötzlich hat man alles rund herum vergessen und es sind nur noch die Erzählungen da. Christoph Pichler hat sechzehn solche Erzählungen mit Zeitverzögerung zusammengestellt unter dem edel heruntergespielten Aufreger „Onkel Norberts denkwürdiger Nachmittag“.

Allein wenn man die vier Wörter des Titels, die am Cover wie ein Gedicht unter einander gesetzt sind, für sich nimmt, tut sich schon das Programm der Erzählungen auf. Onkel = Familienbande, Norbert = vertrautes Ansprache unter Insidern, denkwürdig = so aufregend, dass man einen Gedanken daran verschwenden kann, Nachmittag = konkret zeitloser Alltag.