Erzählung

Andrea Grill, Der gelbe Onkel Ein Familienalbum

h.schoenauer - 25.09.2005

Buch-CoverEs gibt bekanntlich nichts Witzigeres als ein Familienalbum. Die Angehörigen sind meist in verlogenen oder überdimensionierten Posen aufgestellt, und während man als Mitverwandter vorne devot an der Fassade ihrer Gesichter hängen bleibt, erzählt man sich hintenrum die schrägsten Geschichten.

Der gelbe Onkel leidet, wie es sich für einen echten Onkel gehört, an einem schweren Leberschaden und ist ganz gelb im Gesicht. In Andrea Grills Familienalbum nimmt er sicher einen Spitzenplatz an Extravaganzen ein, zumal er noch auf das Wort ?beige? abfährt, offensichtlich ist das die Eigenbeschreibung für sein gelbes Gesicht.

Siegfried Nitz, dazwischen

h.schoenauer - 17.09.2005

"Dazwischen / auf der Fahrt ins Dorf / kein Wort." (100) Siegfried Nitz geht in seinem Fabriks-Dorf-Roman jenen Fugen nach, die zwischen den Erzählplatten liegen, er schaut gewissermaßen nach, was in den Klusen der glatten Verfliesung verborgen ist.

Zu diesem Zweck wählt er die Erzählmethode eines kollektiven Gesprächszettelkastens. Eine Stimme erzählt etwas, eine andere fügt eingerückt etwas hinzu, dann gibt es wieder Material aus einer Chronik. Der Roman setzt sich letzten Endes aus 39 Vitrinen zusammen, in denen Fußnoten zu verloren gegangen Schaustücken ausgestellt sind.

Dirk Stermann, Die Speibbanane

h.schoenauer - 11.09.2005

Buch-Cover

Das wichtigste Buch, das bei der Tiroler Landesausstellung 2005 über die Zukunft von Tirolern, Hotels und die Natur überhaupt Auskunft gibt, stammt sinnigerweise von einem Kabarettisten. Die Speibbanane hat Dirk Stermann seiner Tochter Hannah gewidmet und ist ein imposantes Vergnügen für Kinder ab drei Jahren und qualifizierte Vorleser.

Eine Banane wird eines Tages von der Staude geholt und auf Reise geschickt. (Heraus aus den Stauden, würde an dieser Stelle ein Tiroler Politkomiker sagen.) Im rumpelnden Container reist es sich nicht besonders gut auf LKW und Schiff, so dass der Banane schlecht wird. Ihr ist zum Speiben, und sie sagt das auch bei jeder Gelegenheit.

Walter Klier, Meine konspirative Kindheit

andreas.markt-huter - 25.08.2005

Buch-CoverDie Biographie ist gewissermaßen die Aktzeichnung der erotischen Genauigkeit. Walter Kliers konspirative Kindheit funkt und knistert daher ordentlich in der Tiroler Zeitgeschichte herum, denn das so genannte eigene Schicksal des erzählenden Ichs ist nur ein besonders erotischer Akt, der über den ganzen Ungereimtheiten des Landes herumliegt.

So ist auch gleich die erste Geschichte etwas vom Süffisantesten und Elastischsten, was die zeitgenössische Biographiekunst auf die Beine gestellt hat. Der Autor erzählt mit dem skurril klaren Kopf, den nur Kinder in einer großen Welt haben können, wie er Zaunzeuge der Südtiroler Bummser geworden ist. Sein Vater hat Vorrichtungen und Abläufe so gestaltet, dass es dem Kind wie ein notwendiges Spielplatzabenteuer erschienen ist, während in Wirklichkeit der sagenhafte Aluminiumduce in Südtirol realiter in die Luft gesprengt worden ist.

Wolfgang Matz, Gewalt des Gewordenen

h.schoenauer - 07.08.2005

Buch-CoverEinem gewaltigen Schreibvulkan kann man oft nur mit einem simplen Spickzettel begegnen. Adalbert Stifters Werk gleicht jenem Anton Bruckners und erklingt als eine scheinbar immer gleiche Symphonie, deren Abspiellupe sich jedoch stets zitterfrei durch die Rillen der Jahre tastet bis zum Finale aller großen Texte.

Wolfgang Matz ist für 2005 nicht nur Herausgeber der Stifterschen Erzählungen in der Gestalt der Erstdrucke, er ist einfach auch Fan und cooler Leser. Sein Spickzettel zum Gesamtwerk weist folgende zehn Schlüsselbegriffe aus:

Jagoda Marinic, Russische Bücher

h.schoenauer - 31.07.2005

Buch-Cover

Oft sind in Büchern die gelesenen Vorstellungen größer als die Welten, die in ihnen dargestellt werden.

In Jagoda Marinics Erzählband kommt beispielsweise Hannah als Erzählerin in der Titelgeschichte nur ungenau mit der Größenvorstellung zurecht. Als sie im mittlerweile verkleinerten Ex-Jugoslawien auf einem Bahnhof steht, hat sie immer noch die großen Bilder von Russischen Büchern im Kopf. ?Die einzigen Weiten, die wir uns vorstellen können, verdanken wir russischen Büchern.?

Waltraud Seidlhofer, Gehen ein System

h.schoenauer - 25.07.2005

Buch-Cover

Vielleicht ist "Gehen" nichts anderes als Schreiben mit dem Körper. Wenn man als Leser länger in Waltraud Seidlhofers System herumgeht, löst man sich in einer geschriebenen Gegend auf, während sich der Lesekörper zwischen den Zeilen herumtreibt. Ab und zu vertauschen Schreiben und Gehen ihre Funktionen und hinterlassen eine Stimmung wie nach einer gelungenen Wanderung.

Waltraud Seidlhofers "Gehen" hat etwas mit Dynamik und Stillstand zu tun. Erfahrene Läufer nennen diesen Zustand das Hoovercraften des Laufkörpers, ähnlich einem Helikopter rotiert die Wahrnehmung knapp über dem wahrgenommenen Grund und widersetzt sich der Fortbewegung.

Alexander Peer, Land unter ihnen

h.schoenauer - 25.06.2005

Buch-Cover

Wie kann man mit dem Wissen von heute eine Entdeckernatur von damals beschreiben? Was könnten also die sogenannten Heroen Cortez und Vasquez wirklich gemeint haben, als sie die Neue Welt eroberten und alle vorhandenen Kulturen vernichteten?

Alexander Peer geht mit seiner Novelle jenen spannenden Überlegungen nach, die auch heute noch Helden ermuntern, in die Welt zu ziehen und diese für eine vage Idee zu unterwerfen. Der Titel der Novelle kann mehrfach gedeutet werden, einmal kriegen die Seefahrer nach langer Zeit wieder Land unter ihre Füße, sie bemächtigen sich des Landes und unterwerfen es, schließlich setzen sie das Land Zerstörungen aus, bis wirklich die Parole ?Land unter? passt.

Ludwig Roman Fleischer, Dorf der Seele

h.schoenauer - 25.06.2005

Buch-Cover

Ludwig Roman Fleischer gehört zu den raren Autoren, die quasi im Alleingang die Gegenwartsliteratur neu schreiben. Alle gängigen Genres hat er mittlerweile aktualisiert.

Und ob es sich um unidyllische Weihnachtsgeschichten, den Schöpfungsbericht par excellence oder die verrückte Jubiläumsliteratur für eine öffentliche Einrichtung handelt, immer wird das literarische Genre in Frage gestellt und dann mit einem passenden Erzählportal upgedatet.

Edgar Hilsenrath, Das Märchen vom letzten Gedanken

h.schoenauer - 29.05.2005

Buch-CoverEdgar Hilsenrath ist in der Literatur ein beinahe schon unheimliches Unikat. Je schärfer das Schicksal zuschlägt, umso witziger wird er, könnte man plakativ sagen. Seine Texte haben im schmerzlichen Fundament die Schrecknisse des Holocaust eingegossen, aber darüber versuchen sie rettend skurril schräge Geschichten zu erzählen.

Jetzt ist das Gesamtwerk in einer gepflegten Ausgabe erschienen, das Hauptwerk ist darin "Das Märchen vom letzten Gedanken". Hier liegt die Überlegung zugrunde, dass es am Ende des Lebens einen Gedanken gibt, der zeitlos alles erklärt und gültig macht. Im Märchen vom letzten Gedanken sucht dieser Gedanke die Geschehnisse um den Völkermord an den Armeniern 1915 auf. Vielleicht kann man über den Holocaust sprechen, wenn man ganz woanders hinfliegt, lautet die Überlegung.