Erzählung

Ludwig Roman Fleischer, Dorf der Seele

h.schoenauer - 25.06.2005

Buch-Cover

Ludwig Roman Fleischer gehört zu den raren Autoren, die quasi im Alleingang die Gegenwartsliteratur neu schreiben. Alle gängigen Genres hat er mittlerweile aktualisiert.

Und ob es sich um unidyllische Weihnachtsgeschichten, den Schöpfungsbericht par excellence oder die verrückte Jubiläumsliteratur für eine öffentliche Einrichtung handelt, immer wird das literarische Genre in Frage gestellt und dann mit einem passenden Erzählportal upgedatet.

Edgar Hilsenrath, Das Märchen vom letzten Gedanken

h.schoenauer - 29.05.2005

Buch-CoverEdgar Hilsenrath ist in der Literatur ein beinahe schon unheimliches Unikat. Je schärfer das Schicksal zuschlägt, umso witziger wird er, könnte man plakativ sagen. Seine Texte haben im schmerzlichen Fundament die Schrecknisse des Holocaust eingegossen, aber darüber versuchen sie rettend skurril schräge Geschichten zu erzählen.

Jetzt ist das Gesamtwerk in einer gepflegten Ausgabe erschienen, das Hauptwerk ist darin "Das Märchen vom letzten Gedanken". Hier liegt die Überlegung zugrunde, dass es am Ende des Lebens einen Gedanken gibt, der zeitlos alles erklärt und gültig macht. Im Märchen vom letzten Gedanken sucht dieser Gedanke die Geschehnisse um den Völkermord an den Armeniern 1915 auf. Vielleicht kann man über den Holocaust sprechen, wenn man ganz woanders hinfliegt, lautet die Überlegung.

Andrej Blatnik, Der Tag, an dem Tito starb

h.schoenauer - 25.05.2005

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Spitze Erzählungen fahren ins Blut wie Infusionen, es tut gar nicht weh und zagg, ist die Geschichte schon drin.

Andrej Blatnik setzt seine Spritzen beinahe schmerzfrei unter die Haut des Lesers, aber die Wirkung ist grandios. Ein Drummer klopft mit einem einzigen Schlag die Welt in ihre Musik-Atome auseinander, dabei ist die Musik generell sehr angenehm, das Publikum schwelgt in Wellness und wird wiederkommen.

Hans J. Mayer / Adalbert Melichar, Fly Society

h.schoenauer - 20.04.2005

Buch-CoverHeutzutage wird man als Urlaubender wie ein Dinosaurier angestarrt, wenn man nicht geflogen ist, aber lange Zeit galt Fliegen wirklich als das luftige Ereignis, das nur für Prominenz und Pseudopromis gedacht war.

Ein internationaler Flughafen ist generell das Eingangsportal wichtiger Besucher eines Landes, in Österreich heißt das, dass neben Staatsmännern, auch Neujahrsdirigenten, Opernball-Ladies und gekränkte Schifahrer abgewickelt werden müssen. Der Flughafen Schwechat erzählt also wirklich staatstragende Geschichten, wenn man Österreich ernst meint.

Erwin Einzinger, Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik

h.schoenauer - 14.04.2005

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Manchmal stoßen in Romanen große Erzählsysteme wie kontinentale Platten aufeinander und erzeugen ein Erdbeben an Information.

In Erwin Einzingers Roman "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik" stoßen Teile, wie man sie in Lexika nachblättert, auf Erfahrungsberichte, wie sie in Zeitungen stehen, und es entsteht dichteste Fiktion.

Martin Pichler, Nachtreise

h.schoenauer - 11.04.2005

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Jeder hat in seinem Kleiderschrank der Lektüre ein paar Sterbeklamotten hängen. Bei den germanistisch getunten Lesern ist das Hermann Brochs Roman "Der Tod des Vergil", worin es der antike Autor Vergil einfach nicht "derstirbt" und so noch bis zur Ermattung des Lesers das Abendland rettet.

Für Amerikanisten ist es William Faulkners "Als ich im Sterben lag". Darin berichtet einzigartig in der Literatur das erzählende Ich, wie es so beim Sterben zugeht. Und die österreichischen Patrioten haben natürlich Peter Handkes "Wunschloses Unglück" ganz vorne auf der Sterbestange hängen. Während der Sohn die Erinnerungsstücke an die verstorbene Mutter zusammenklaubt, entsteht dieses gepresste Panorama einer hyperharmonischen dörflichen Nachkriegsidylle.

Martin Suter, Huber spannt aus

h.schoenauer - 27.03.2005

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Irgendwie ticken sie nicht richtig, diese Business-Menschen. Unter einander haben sie ein undurchschaubares Regelwerk der Kommunikation installiert, nach außen hin fungieren sie abgeschottet und quasi nicht von dieser Welt.

Martin Suter veröffentlicht seit Jahren satirische Miniknigges aus dem Dschungel der Business-Welt, dabei blicken dynamische Akteure plötzlich gelähmt auf ihr eigenes "Wurstelwerk" von Nonsens, während die von der Wirtschaft bereits still gelegten Menschen schadenfroh nicken: "Na macht nur mal!"

Markus Köhle, Brahmskoller

h.schoenauer - 15.03.2005

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Er heißt Brahms und sie heißt Koller, zusammen ergeben sie Brahmskoller, eine Geschichte in ein Wort verschweißt.

Markus Köhle erzählt in den vollen Bässen einer herkömmlichen Erzählhaltung und gleichzeitig in den Übertönen des Experiments. In der Praxis schaut das dann so aus, dass sich in der Grundgeschichte das Abenteuerliche, Gewöhnliche und überirdisch Triviale abspielt, und immer wieder fallen diese Textvorhänge ein und verschleiern das bisher Erzählte durch ein grell-geiles Muster einer Fundamentalimprovisation.

Josef Schweikhardt, Sozusagen

h.schoenauer - 09.02.2005

Buch-CoverManchmal braucht es in der Lyrik das große Lineal, um dem Sprachgebrauch auf die Finger zu klopfen, wenn er zu vorwitzig ist. Das tut dann weh sozusagen. Und schlicht "sozusagen" heißt der Gedichtband Josef Schweikhardts, in dem Poetisches nicht nur vermischt sondern auch gleich aufgemischt wird.

Rasante Lyrik trägt immer auch ein Konzept als Schärpe durch die Gegend, der Autor hat sein aktuelles Konzept in einem Vor-Waschzettel formuliert. "Die Zonen verbaler Unschärfe bilden im Zeitalter von Morphing und fuzzy logic ein atmosphärisches Feld jenseits binärer Sprachspiele: eine Chance für geöffnete Redeweisen. Das Helle ist dunkel, das Tragische komisch genug. Und sozusagen umgekehrt."

Klaus Merz, Los

h.schoenauer - 01.02.2005

Buch-CoverDie kürzesten Wörter lösen oft die größten Geschichten aus. In diesem kleinen "LOS? ist alles drin: Schicksal, Befehl, Abzählreim, Tombola oder schlicht - was ist los?

Klaus Merz hat die Erzählung dann noch kürzer und straffer gehalten, als es dieses kleine Wort ohnehin suggeriert. Im klassischen Duktus einer Grenzgeschichte bricht Mister Thaler zu einer Bergtour auf, stürzt ab und ist sein Leben los. Von hinten her, als Thaler schon verschollen und gestorben ist, rollt sich sein Leben in flockig leichten aber spitzkantigen Sätzen auf.