Angelika Reitzer, Frauen in Vasen

Buch-Cover

Wirklich heftige Prosa besteht darin, dass alles zu einem Stück Text werden kann, dass es keinen durchgehenden Handlungsstrang gibt und dass sich vielleicht hinter jeder Ecke der Wahrnehmung ein Stück Poesie auftut.

Angelika Reitzer schickt ihre Protagonistinnen scheinbar absichtslos in die weite Welt hinaus, an zufällig auftauchenden Orten schärfen diese Figuren ihre Sinne und verfassen ein standfestes Situationsbild von sich und der aktuellen Umgebung. Die sechzehn Abenteuer sind teilweise mit geographischen oder alltagskulturellen Begriffen überschrieben (Continental, Grillgut, Streuobst, Blattgold), dann gibt es wieder die schlichte Nummerierung von eins bis sechs.

Der Buchtitel Frauen in Vasen legt zudem eine nützliche Spur, wie man diesen Agglomerationen von Beiläufigkeiten als Leser zu Leibe rücken könnte, die Helden sind standfest gemacht und dienen offensichtlich als Schmuck für eine größere Installation. Dabei führt die Kunst der Wahrnehmung stracks in einen poetischen Zustand.

Der Blick aufs Meer : das eben da ist, zwischendurch aufschauen, wie aus einem Fenster blicken, aber alles ist weit, der Blick aufs Meer: immer darüberschauen (nicht hinweg), für eine neue Aussicht, scheint es, müssen lediglich ein paar weitere Stunden vergehen, der Blick aufs Meer kühlt die Quetschungen und Blessuren : egal ob wir durch die braun getönte Verblendung am Oberdeck, durch die runden Luken in der Lounge oder durch die Fenster des Cafés sehen. (52)

Jemand kriegt seine Situation nicht ganz in Griff, vielleicht sollte man das Mobiliar wechseln, um diese kleine Trübung der Wahrnehmung zu korrigieren. An anderer Stelle steht ein zitronengelbes Auto in der Wiese, fahruntüchtig, sein einziger Sinn besteht darin, an eine vergangene Liebe zu erinnern, das macht das zitronengelbe Auto aber hervorragend.

Allmählich stellt sich ein zugespitzter Blick ein, wie in einem fiebrigen Zustand kann plötzlich alles zu einer Text-Erregung werden.

Aber es dringt nur manchmal der Ruf eines Vogels zu mir her und von sehr weit weg ein Traktor. (139)

Der vorliegende Prosaband ist aus verschiedenen Textballen zusammengerollt, die bereits in diversen Literaturzeitschriften publiziert worden sind. Dieses weitläufige Erzählkonzept erlaubt es, Texte aus verschiedenen Epochen und zu diversen Anlässen zu einer einzigen Prosa zusammenzustellen. Ein gewisser Termindruck für dieses Buch hat sich sicher daraus ergeben, dass die Autorin 2008 beim Bachmann-Wettlesen teilgenommen hat und der dabei vorgestellte Text rasch veröffentlich werden musste.

In einem Anhang sind die Zitate angeführt, die unter anderem diverse Prosa-Partikel ausgelöst haben, Peter Handke, Ingeborg Bachmann, Gertrude Stein etwa.

Frauen in Vasen versammelt Figuren zu Standbildern, die der Leser selbst in Bewegung bringen muss, um bewegt zu werden.

Angelika Reitzer, Frauen in Vasen. Prosa.
Innsbruck: Haymon 2008. 139 Seiten. EUR 17,90. ISBN 978-3-85218-569-9.

 

Weiterführende Links:
AngelikaExpress: Homepage Angelika Reitzer
Haymon-Verlag: Angelika Reitzer, Frauen in Vasen

 

Helmuth Schönauer, 28-07-2008

Bibliographie

AutorIn

Angelika Reitzer

Buchtitel

Frauen in Vasen

Erscheinungsort

Innsbruck

Erscheinungsjahr

2008

Verlag

Haymon

Seitenzahl

139

Preis in EUR

EUR 17,90

ISBN

978-3-85218-569-9

Kurzbiographie AutorIn

Angelika Reitzer, geb. 1971 in Graz, lebt in Wien.