Bilderbücher als Kinoerlebnis im Kindergarten, Teil 1

Bilderbuchkinos schaffen eine ganz besondere Atmosphäre, in der Kinder ganz neu Bilderbücher erleben können. Ein gezielter pädagogischer Einsatz in Kindergärten und Grundschulen macht Lust auf eine weitere Beschäftigung mit dem Buch und hilft Kinder zum Lesen zu animieren.

Das Tiroler Bildungsinstitut - Medienzentrum bietet Kindergärten und Schulen seit einiger Zeit die Möglichkeit, ausgewählte Bilderbuchkinos für den Einsatz im Kindergarten und Unterricht auszuleihen.

Es war vor allem Frau Birgit Eder, die für die Fortbildung für KindergärtnerInnen in der Bildungsabteilung des Landes Tirol zuständig ist, die sich dafür eingesetzt hat, dass mit dem Ankauf von Bilderbuchkinos nun auch den Tiroler Kindergärten diese pädagogisch wertvollen neuen Medien einfach und rasch zur Verfügung gestellt werden können. Damit wird einem Ziel des Tiroler Bildungsplans für Kindergärten und Kinderkrippen entsprochen, der vorsieht, dass den Pädagoginnen diese neuen Medien zugänglich gemacht und Möglichkeiten der Auseinandersetzung und des Einsatzes geschaffen werden sollen.

Lesen in Tirol hat Frau Birgit Eder zu einem Interview gebeten und zum Einsatz von Bilderbuchkinos und neuen Medien in Kindergärten und den damit verbundenen pädagogischen Möglichkeiten befragt.

 

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Lesen in Tirol: Aus welchem Grund soll der Einsatz von Bilderbuch-Kinos und neuen Medien generell an Tirols Kindergärten forciert werden?

Birgit Eder: Kinder wachsen heutzutage mit den unterschiedlichsten Medien auf. Die Medienpädagogik ist auch Teil des österreichischen und damit auch Tiroler Bildungsplans für Elementarpädagogische Einrichtungen und damit ist auch wichtig, dass diese neuen Medien für die Pädagoginnen zugänglich gemacht werden, dass Möglichkeiten der Auseinandersetzung und des Einsatzes geschaffen werden.

Lesen in Tirol: Welchen pädagogischen Wert bieten Bilderbuch-Kinos?

Birgit Eder: Die Bilderbuchkinos zeichnen sich in pädagogischer Hinsicht dadurch aus, dass Bilderbücher methodisch - didaktisch sehr gut aufbereitet werden können. Im Kindergarten gibt es immer wieder Situationen, wo mit größeren Kindergruppen gearbeitet werden muss und manchmal kommt es einfach vor, dass sich sehr viele Kinder für ein bestimmtes Kinderbuch interessieren.


Mit Hilfe von Bilderbuchkinos lassen sich Bilderbücher methodisch - didaktisch sehr gut aufbereiten. Foto: Markt-Huter

 

Bildbücher sind natürlich sehr praktisch, die schaut man sich gleich mit mehreren Kindern an. Es ist natürlich auch etwas ganz tolles, wenn die Bilder - für alle sichtbar - groß an die Wand projiziert werden können. Dazu kommt ein Erlebnisrahmen wie im Kino, der sich bei einer Präsentation für viele Kinder schaffen lässt und der von den Kindern als etwas ganz besonderes empfunden wird.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Präsentation von Bilderbuchkinos immer in einem ganz besonderen Rahmen erfolgt, in der eine erste Kinoatmosphäre entsteht. Die Bilderbuchkinos sind in dieser Hinsicht vor allem deshalb so wertvoll, weil sie ganz genau dem entsprechen, was Kinder gut wahrnehmen können.

Wir wissen, dass Kinder in einem bestimmten Alter Schwierigkeiten haben, bewegte Bilder oder schnelle Szenenwechsel in Filmen wahrzunehmen. In Bilderbuchkinos liegt das wertvolle vor allem darin, dass die Bilder einfach stehen und die Kinder die Möglichkeit haben, sie in Ruhe genau zu betrachten und wirklich wahr zu nehmen. Vor allem vom Tempo her ergibt sich der große pädagogische Wert dieses Mediums, das den Kindern eine altersgemäße Form der Betrachtung ermöglicht.

Dabei beginnen sich die Kinder ganz nebenbei auch für die technischen Hintergründe einer solchen Präsentationsform zu interessieren und Fragen zu stellen.

Die Vorteile von Bilderbuchkinos sind also in mehrfacher Weise zu erkennen. Zunächst einmal die Vermittlung eines Bilderbuches für eine große Anzahl an Kindern in einer brauchbaren Weise, wo alle etwas sehen können. Daneben bieten die Bilderbuchkinos in der Regel zahlreiche Zusatzfunktionen, die es erlauben entweder selbst das Buch vorzulesen oder von einem Sprecher vortragen zu lassen. Gleichzeitig ergibt sich auch die Möglichkeit, die technischen Hintergründe zu erläutern.

Ein pädagogisches Ziel ist es, das, was Kinder in ihrer unmittelbaren Umgebung erleben, auch zu hinterfragen und zu erforschen. Dies wird durch den Einsatz von Bilderbuchkinos zusätzlich gefördert.

Lesen in Tirol: Welche pädagogischen Möglichkeiten eröffnen sich durch den Einsatz von neuen Bilderbuchkinos speziell in Bezug auf die Sprachentwicklung von Kindern?

Birgit Eder: Besonders interessant erscheint mir da die Möglichkeit das Bilderbuch in unterschiedlichen Sprachen zu präsentieren. Dies nicht zuletzt deshalb, weil es heute in jeder Kindergartengruppe Kinder mit unterschiedlichen Sprachen gibt. Für eine Kindergartenpädagogin ist es natürlich ein großer Vorteil, wenn ich für Kinder mit anderen Sprachen Bilderbücher in deren Muttersprache einsetzen kann.


Bilderbuchkinos ermöglichen dem Kind eine eine altersgemäße Form der Betrachtung. Foto: Markt-Huter

 

Es wird wahrscheinlich kaum eine Kindergartenpädagogin geben, die auf Türkisch ein Bilderbuch vorlesen kann. Habe ich hingegen mit Hilfe eines Bilderbuchkinos die Möglichkeit auch die Muttersprache eines Kindes zu fördern, erscheint mir das als überaus positives Signal an die Kinder und die Eltern.

Meines Wissens nimmt die Produktion von mehrsprachigen DVDs zwar stetig zu, steckt aber immer noch in den Kinderschuhen. Bei den verschiedenen DVDs, die mir zur Begutachtung übergeben werden, freue ich mich daher immer sehr, wenn mehrere Sprachen zur Auswahl stehen. In erster Linie erscheinen die Bilderbuchkinos aber in deutscher Sprache, wobei weitere Sprachen als wertvoller Zusatz zu betrachten sind.

Im Hintergrund all dieser Bemühungen steht letztlich die Vermittlung der deutschen Sprache. Man weiß jedoch, wie wichtig es für das Erlernen einer Fremdsprache ist, zunächst die eigene Muttersprache zu erlernen und zu beherrschen. Bilderbuchkinos bieten somit Kindern mit anderer Muttersprache auch die ausgezeichnete didaktische Möglichkeit, die deutsche Sprache näher zu bringen.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf die zahlreichen didaktischen Begleitmaterialien hinweisen, die den Bilderbuchkinos auf DVD beigefügt sind und deren Möglichkeiten weit über die der alten Bilderbuchkinos hinausreichen.

Lesen in Tirol: Reicht die derzeit vorhandene Infrastruktur in den Kindergärten für den Einsatz von Bilderbuchkinos aus?

Birgit Eder: In den letzten zwei Jahren wurden meiner Ansicht nach große Schritte unternommen, nachdem vor allem für den Bereich der Verwaltung PCs immer stärker notwendig geworden sind. Die Kommunikation zwischen unsere Landeseinrichtung für Kindergartenpädagogik und den einzelnen Kinderbetreuungseinrichtungen erfolgt zum großen Teil nur mehr elektronisch. Dadurch ist auch von Seiten der Kindergartenverwaltung das Bewusstsein gestiegen, dass in den Einrichtungen z.B. ein PC notwendig ist. Ein Beamer kann in den meisten Fällen dann doch recht schnell organisiert werden.

Die neuen Bilderbuchkinos in Form von DVDs basieren grundsätzlich auf demselben Prinzip, wie bei der alten Diaversion, wo sich die Bilder auf einer Leinwand oder weißen Wand präsentieren ließen. Nur verschwinden für die alten Bilderbuchkinos zum Teil die technischen Geräte und Medien vom Markt. Diaprojektoren zählen heutzutage ja fast schon zu den Museumstücken, sodass es auch in Kinderbetreuungseinrichtungen schon üblicher ist, dass PC und Beamer vorhanden sind als Diaprojektoren.


Die Möglichkeiten, die z.B. die neuen Bilderbuchkinos bieten, werden grundsätzlich von den Kindergartenpädagoginnen sehr geschätzt. Foto: Markt-Huter

 

Lesen in Tirol: Sind die Bilderbuch-Kinos an Tiroler Kindergärten bereits getestet worden?

Birgit Eder: Das Bilderbuchkino als solches gibt es schon sehr lange in Form von Diareihen. Hier sind Bilderbücher in einer guten Qualität fotografiert und als Dias mit Hilfe von Diaprojektoren in den Kindergärten eingesetzt worden.

Bei den Kindergartenpädagoginnen herrschen ein reges Interesse und eine große Offenheit für den Einsatz neuer Medien in der Kinderbetreuung. Die Möglichkeiten, die z.B. die neuen Bilderbuchkinos bieten, werden grundsätzlich sehr geschätzt und es ist auch der Wunsch vorhanden, sich Bilderbuchkinos auswählen zu können. Ich haben in diesem Zusammenhang mit Herrn Michael Kern Visionen entwickelt, um die Angebote der Medienstelle in den Kinderbetreuungseinrichtungen  präsenter zu machen. Unser Ziel ist es, den Fundus an Bilderbuchkinos aufzubauen und den Kinderbetreuungseinrichtungen systematisch zu kommen zu lassen.

Lesen in Tirol: Nach welchen Kriterien erfolgte die Auswahl von Bilderbuch-Kinos für die Medienstelle?

Birgit Eder: Die Auswahl erfolgt so, dass die Medienstelle, die Materialien die sich laufend von den einschlägigen Herstellern und Verlagen erhält, an ein kleines Team aus Leuten weiterleitet, die das Material dann begutachten. Dieses Team besteht zum Teil aus Personen, die in der Praxis tätig sind, von denen die einzelnen Materialien auch direkt im Kindergarten ausprobiert werden können, um festzustellen, ob sie funktionieren und geeignet sind oder nicht.

Die Rückmeldungen dieser Praktikerinnen sind letztendlich auch ausschlaggebend, ob ein Material sich für Kindergärten eignet und in die Auswahl kommt oder nicht. Mit Hilfe dieses Urteils entscheidet die Medienstelle schließlich, welches Material angekauft wird.

Lesen in Tirol: Wie soll sich der Einsatz von Bilderbuchkinos in den Kindergärten in der Zukunft entwickeln?

Birgit Eder: Geplant ist, dass in Zusammenarbeit mit der Medienstelle eine umfangreiche Sammlung an Medien aufgebaut wird, die über das Online-Portal des Medienzentrums gefunden werden können. Bestenfalls könnten auch Veranstaltungen oder Termine angeboten werden, zu denen Pädagoginnen eingeladen werden, wo sie exemplarisch Medien kennen lernen können und ihnen von Fachleuten vorgestellt werden. Ziel ist es, dass die Pädagoginnen über das Online-Portal, ähnlich wie es für Lehrer schon möglich ist, sich die Medien auswählen und ausleihen können.


Geplant ist es, im Tiroler Medienzentrum eine umfangreiche Sammlung an neuen Medien für den Kindergartenbereich aufzubauen, die von den Kindergartenpädagoginnen dann über ein Online-Portal ausgeliehen werden können. Foto: Markt-Huter

 

Lesen in Tirol: Welche pädagogischen Hilfen und Ausbildungen brauchen Kindergartenpädagoginnen generell für den Einsatz neuer Medien im Bereich der Kinderpädagogik?

Birgit Eder: Der Bereich der Medien war im Kindergartenbereich immer schon ein Thema. Nachdem sich die Medienlandschaft in den letzten Jahren sehr geändert hat und komplexer geworden ist, scheint es notwendig zu sein, dass sich Kindergartenpädagoginnen mit dem Thema Medienpädagogik zunehmend auseinander setzen.

Es braucht bei den Pädagoginnen vor allem eine wachsame, kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Medien. Der Einsatz von Medien muss ganz bewusst reflektiert werden. Es ist wichtig zu wissen, wie es funktioniert und was damit alles in Zusammenhang steht. Das Wissen um den theoretischen Hintergrund für den Einsatz von Medien soll verhindern, dass Medien unkritisch eingesetzt werden, ohne sich die Frage zu stellen, ob das Medium im für den jeweils konkreten Fall passend ist und wie es auf die Kinder wirkt.

Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass Kindergartenpädagoginnen die eigenen Ängste und Vorbehalte in Frage stellen und wenn nötig überwinden lernen. Es kommt natürlich auch vor, dass Medien prinzipiell als schlecht beurteilt und abgelehnt werden. Die Gefahr, die Dinge schwarz-weiß zu betrachten, besteht natürlich auch in diesem Bereich. So steht dem einen Extrem, dass nichts mehr ohne neue Medien möglich ist, das andere Extrem gegenüber, dass Medien für Kinder als schlecht abgelehnt werden.

Hier ist natürlich auch in der Fortbildung immer wieder eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Medien anzustreben.

Lesen in Tirol: Lässt sich in Bezug auf die Bewertung der neuen Medien ein Generationensprung bei den Kindergartenpädagoginnen beobachten?

Birgit Eder: Pauschal gesagt, sind die Meinungen über den Einsatz von neuen Medien sicherlich altersspezifisch. Nicht selten haben Pädagoginnen deshalb eine Scheu vor den neuen Medien, weil sie den technischen Umgang nicht erlernt haben oder es einfach nicht notwendig war, sich mit diesen Medien auseinander zu setzen.


Von Seiten der Pädagoginnen wird es vor allem wichtig sein, sich wachsam und kritisch mit dem Thema Neue Medien auseinander zu setzen und ihren Einsatz ganz bewusst zu reflektieren. Foto: Markt-Huter

 

In der Kindergartenpädagogik ist es meiner Ansicht nach wichtig, zwischen dem übermäßigen Einsatz von Medien und der völligen Ablehnung ihres Einsatzes eine richtige Balance zu finden. Wir finden auf der einen Seite des Spektrums die Meinung, dass Kinder im familiären Bereich bereits in einem Übermaß mit Medien konfrontiert sind und dass Kinder zunächst ganz basale Erfahrungen, Materialien und Tätigkeiten erleben sollen.

Diese Annahme, dass die Wahrnehmung sich über ganz konkrete basale Dinge aufbaut, ist sicherlich richtig. Es stimmt aber nicht, dass Medien prinzipiell den Aufbau solcher Wahrnehmungen erschweren. Es gilt daher ein gutes Konzept zu entwickeln, wie sich Medien in den pädagogischen Alltag integrieren lassen.

Dabei darf man nicht vergessen, dass bereits jetzt sehr häufig Medien ganz unbewusst eingesetzt werden, Beispielsweise wenn ein Radio oder CD-Player verwendet wird, die ja in fast allen Kindergärten vorkommen. Noch dazu sind Kinder überall und ständig mit Medien konfrontiert, wodurch es wichtig ist, im Kindergarten den bewussten Umgang mit ihnen zu lernen.

Lesen in Tirol: Vielen Dank für das Interview!

 

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>> Bilderbücher als Kinoerlebnis im Kindergarten Teil 2
>> Bilderbuch-Kinos: Ein Vorlese-Erlebnis für Kindergarten und Schule

 

Weiterführende Links:
Fortbildung für Tiroler Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtungen
Bundesländerübergreifender BildungsRahmenPlan für elementare Bildungseinrichtungen in Österreich

 

Andreas Markt-Huter, 08-12-2010

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