Reinhard Wegerth, Himmelsstiege oder Ein bitterer Gang

reinhard wegerth, himmelstiegeDie Himmelsstiege kann durchaus auch als Paradoxon gelesen werden: Während jemand philosophisch den Weg der Befreiung erklimmt, macht er die Hölle der Schwerkraft und anderer körperlicher Handicaps mit.

Reinhard Wegerths literarische Quelle ist das eigene Leben, das ständig zwischen hell und dunkel oszilliert. Erzähltechnisch geht er einen raffinierten Weg, indem er die hellen Stellen im Buch „Damals und dort“ zusammenfasst, die dunklen Streifen aber mit dem hellen Titel „Himmelsstiege“ erzählt.

Die Himmelsstiege ist ein literarisches Protokoll einer Krebserkrankung, die still und logisch zum Tode führt. Solche Krankengeschichten laufen tausendfach in einer Stadt ab und dennoch ist jedes einzelne Schicksal eine einzigartige Erzählung. Der Ich-Erzähler protokolliert den Durchgang seiner Frau durch die klinischen Instanzen, ein Vorgang, der für jeden Protagonisten eine einzigartige, wenn auch unheimliche Art ist, mit völlig neuen Schattierungen von Krankheit und Zutrauen auf das Unbekannte loszugehen.

Der Ich-Erzähler ist an logisches Denken gewöhnt und glaubt, ähnlich einem Bibliothekar, an eine gewisse Ordnung. So wie der Bibliothekar glaubt, das Chaos der Literatur mit dem Alphabet bekämpfen zu können, indem er die Bücher beispielsweise alphabetisch aufstellt, so denkt der Erzähler an eine ordnende Kraft der Krankheit.

Deshalb ist die Erzählung zum Tod nicht von ungefähr in 26 Abschnitte gegliedert, die einem Alphabet ähneln. Gleichzeitig bekommt jedes Kapitel einen Dreifaltigkeitsbegriff als Überschrift. „Notaufnahme – in der Röhre – Verfärbungen; Himmelsstiege – dringliche Vorhaben – Hausärztin; Anknüpfungspunkte – Primar – Biopsie“. Die entsprechenden Sequenzen werden dann mit einem kalten Einsatz der Absätze abgewickelt. Jeder Satz hat einen unsichtbaren emotionalen Teil, der miterzählt wird. Das Aufgeschriebene setzt wie in diesen Interviews ein, wo sich ein Betroffener zuerst vor der Kameras schütteln muss, ehe er mit belegter Stimme einen Satz herausräuspert.

Diese Überschriften geben einen ersten Halt, weil sie eine Ordnung darstellen, mit der diverse Instanzen angefleht werden. Medizinische Titel wie Primar, Fachausdrücke wie Röhre und Ablenkungsmanöver wie eine intime Reise ans Mittelmeer zur Himmelsstiege greifen ineinander über und sollen den Fortgang des Krebses unauffällig dokumentieren. Denn die Dramaturgie dieses Krebses ist dramatisch.

So wie Schwangere nur Schwangere um sich sehen und Dichter nur von Lesern umgeben sind, sieht auch der Kranke in jeder Figur einen potentiellen Mitkranken. Als die Frau des Erzählers von ihrer Erkrankung erfährt, fällt der Blick sofort auf diverse Zeitungen, in denen die damalige Gesundheitsministerin mit ihrer Krebserkrankung kämpft.

Die Erzählung gibt beiden Mut, dem Autor und dem Publikum. Während der Leser das beinharte Protokoll liest als mögliches Überlebenstraining für den eigenen Fall X, liefert die Erzählung dem Schreiber tatsächlich Lebenssinn und Gestaltung. Plötzlich kann der Autor eingreifen in den Stoff, ihn gliedern, ausleuchten und „veredeln“, und wird nicht mehr davongeschoben von der Erlebnismasse des Tagwerks.

Für den Leser tut sich in dieser diskreten Geschichte zusätzlich etwas Positives auf, die Geschichte wird zu einer übertragbaren Liebesgeschichte. Ja, so könnte es gehen, dass man dem Ende zwar nicht entkommt, den bitteren Gang aber als Himmelsstiege eines mediterran-hellen Lebens empfindet.

Gingen mein Sohn und ich nach einer halben Stunde hinauf, war der Verabschiedungsraum klimatisiert, gekühlt, lag dort meine Frau, seine Mutter, auf dem Rollbett, Blütenblätter auf ihrer Decke verteilt [...] (112)

Reinhard Wegerth, Himmelsstiege oder Ein bitterer Gang. Erzählung
Klagenfurt: Sisyphus Verlag 2018, 114 Seiten, 18,00 €, ISBN 978-3-903125-28-5

 

Weiterführender Link:
Sisyphus Verlag: Reinhard Wegerth, Himmelsstiege oder Ein bitterer Gang

 

Helmuth Schönauer, 05-10-2018

Bibliographie

AutorIn

Reinhard Wegerth

Buchtitel

Himmelsstiege oder Ein bitterer Gang

Erscheinungsort

Klagenfurt

Erscheinungsjahr

2018

Verlag

Sisyphos Verlag

Seitenzahl

114

Preis in EUR

18,00

ISBN

978-3-903125-28-5

Kurzbiographie AutorIn

Reinhard Wegerth, geb. 1950, lebt in Mödling.