michaela hinterleitner, räuber der meereIn den Sehnsuchtsvorstellungen vom Meer liegt im Unterbewusstsein meist noch etwas brach: Raubfische, Raubtiere, Seeräuber, Raubbau an der Natur.

Michaela Hinterleitner versammelt diese Störungen im weiten blanken Meer mit den Zustandsbeschreibungen „verbissen, vertieft, verschwommen und vernetzt“. Diese vier Zustände sind auch an Land verwendbar, diese vier Zustände sind vielleicht die Windrichtungen, in die unser Gemeinwesen täglich verblasen wird.

sebastian vogt, zwei brüderIn fast allen Genres sind Brüder-Paare ein ideales Experimentier-Feld, um zu untersuchen, was genetisch, soziologisch und psychologisch ablaufen muss, dass sich der eine in diese und der andere in jene Richtung entwickelt.

Gerade in der bürgerlichen Literatur zeigen Brüder immer, wie knapp das Gute und das Böse beisammen liegen. Und seit den Brüdern Heinrich und Thomas Mann haben wir es schwarz auf weiß, dass die wahre Literatur über allen politischen Gegebenheiten steht, gute Literatur ist einfach gut und sonst nichts.

gay talese, highnotesObwohl es im Deutschen kaum originäre Vertreter des New Journalism gibt, verlangt die Gier des Publikums ungebrochen nach guten Reportagen, die das Herz aufrütteln, weil sie immer miterzählen, wie es zu dieser Reportage gekommen ist.

Gay Telese ist der große Meister und Mitbegründer des literarischen Journalismus. Seine Texte sind oft so plastisch, dass sie geradezu nach einer Verfilmung verlangen. Das hat damit zu tun, dass er die Sachverhalte zwar abpixelt, in den Zwischentönen aber immer erklärt, dass ein Medium vor den Dingen liegt wie eine Erzählperson, mit der man in Kontakt treten muss.

dadmar comtesse, radikale demokratietheorie„Das vorliegende Handbuch dient genau diesen beiden Zwecken: Auf der einen Seite kann es als ein Glossarium der Diskurse über radikale Demokratie gelesen werden, auf der anderen Seite glättet es aber die teils erheblichen Differenzen nicht, sondern sucht stattdessen die wesentlichen Kontroversen auszuleuchten.“ (S. 16)

Wer heute für gewöhnlich über Demokratie nachdenkt, hat für gewöhnlich die demokratischen Einrichtungen wie Parlament, Wahlen, Repräsentation u.a. Mittel der demokratischen Entscheidungsfindung im Visier. Das Sachbuch „Radikale Demokratietheorien“ hingegen stellt unterschiedliche Vorstellungen von demokratischer Teilhabe, theoretische Ansätze gesellschaftlich-demokratischen Aufbaus vor, präsentiert aber auch die Kritik wichtiger Denker an verschiedenen demokratischen Theorien und konkreten Ausformungen scheinbar demokratischer Gesellschaftsordnungen.

stefan kutzenberger, friedingerDie Fiktion ist ja per se etwas Farbloses und Diffuses, das erst beim Lesen Konsistenz erlangt. Im Falle von schwerer Fiktion entsteht daraus ein Kosmos, der sich zu einer handfesten Figur verdichtet.

Stefan Kutzenberger hat einen raffinierten Erzählplan. Er geht scheinbar autofiktional in die Figur des Stefan Kutzenberger über, der eine schwere Schreibkrise durchmachen muss, weil er eigentlich bloß Vater in einer glücklichen Familie sein will. Stark lastet die Sendung auf ihm, ein Schriftsteller sein zu müssen, seine Frau hat Mitleid und schenkt ihm eine Auszeit, er darf in Kreta befreit von der Familie einen Schreiburlaub zelebrieren.

udo kawasser, acheWas als Wort kurz wie ein Seufzer klingt, ist als Vorbild einer Studie für die Sinnesorgane und hat die Länge von 67 Kilometern.

Udo Kawasser nimmt den heimatlichen Fluss der Bregenzer Ache als Modell, um daran seine Schreibkunst, seine Ideen, seine Erinnerungen und seine Fähigkeiten zu schreiben auszuprobieren. Etwa drei Jahre lang besucht er zu allen Jahreszeiten die Ache, hält sich am Ufer auf, steigt manchmal in die Erinnerung zurück und manchmal auch ins Wasser hinein.

max höfler, arbeitWas den Menschen vom Tier unterscheidet, sind seine Affinitäten für Arbeit, Freizeit und Gewalt. Arbeit und Freizeit sind oft Komplementär-Mengen, und beim Übergang von einem in den anderen Zustand knackst es und es gibt Gewalt.

Max Höfler nennt sein Handbuch über diese soziologischen Grundbegriffe eine Commedia. Mit diesem Genre stellt er eine Verbindung zu Dantes Inferno her, worin ja auch die Herrschaft der Hölle über den Menschen besungen wird. Die Arbeit-Freizeit-Gewalt-Commedia ist aus diesem Grund auch in drei Kapitel mit jeweils neun Kreisen unterteilt. „Im Inferno“ (7), „Im FegeFeier“ (75), „In Eden“ (139) suggerieren einen logischen Dreischritt, der sich aber Satz für Satz so lange in Schach hält, bis die Ereignisse eingefroren sind zu einem Standbild.

mario hladicz gedichteOft ist der Kosmos eines Gedichtbandes schon im Titel abgesteckt, da gibt es Natur ohne Horizont, dünne Luft in Arkadien, Asteroiden in der Moebius-Schleife. Völlig geerdet ist hingegen ein Projekt, das sich schlicht Gedichte zwischen Uhr und Bett nennt.

Mario Hladicz setzt mit seinen Gedichten unvermittelt ein, kleine Sequenzen, die einem jäh vor die Linse tanzen, sind in Wahrheit vielleicht ein Gedicht, wenn man sich die Mühe nimmt, hinzusehen. Ziemlich kühl in die Abschnitte I, II und III unterteilt erinnern die Gedichte vielleicht an die alten Eisenbahnwaggons, wo es je nach Klasse immer ungefederter zugegangen ist. Die Einteilung könnte aber auch mit innig, halböffentlich und öffentlich gedeutet werden.

marco deramo, die welt im selfieWo Tourismus ist, gibt es auch das Tourismus-Bashing. Das hat damit zu tun, dass alle verunsichert sind, wie sie über ein Phänomen diskutieren sollen, das als Industrie die Ausmaße eines Zeitalters erreicht hat. Jeder mit schlechtem Gewissen findet zumindest immer einen, der noch schlechteren Tourismus betreibt.

Marco d'Eramo geht den Tourismus historisch-philosophisch an und erklärt dadurch, warum wir alle diesen Tourismus auszuhalten haben, der uns alle umspült. Als leidgeplagter Römer kann der Autor journalistische Beigaben in das Handbuch einstreuen, die so manche philosophische Erkenntnis auf den Endverbraucher herunterbrechen. Im Tourismus ist nämlich jeder Endverbraucher, mal als Reisender, als Personal oder als Arbeitsmigrant.

josef oberhollenzer, süratherNichts macht die Menschen so hellhörig und aufmerksam wie ein Gerücht über einen Menschen, den es vielleicht gar nicht gegeben hat.

Josef Oberhollenzer stellt mit Sültzrather den idealen Aufmerksamkeitshelden vor. Sültzrather ist Zimmermann in Aibeln in Südtirol, er stürzt vom Baugerüst und ist querschnittgelähmt. Im Rollstuhl entdeckt er das Schreiben und schreibt sich ein Leben voller Dynamik unter die Schuhe. Später misstraut er seinen eigenen Phantasien und vernichtet alles. Was bleibt, ist ein Gerücht und ein hervorragender Roman.