Chris Moser, Die Kunst Widerstand zu leisten
Auf den ersten Blick ist es vielleicht verwunderlich, wenn ein Tatsachenbericht als das wahrscheinlich erschütterndste Buch empfunden wird, das in den letzten fünf Jahren in Tirol erschienen ist.
Wenn man sich allerdings den Zusammenhang zwischen öffentlicher Herrschaft und individuellem Schicksal vor Augen hält, so kann dieser Bericht es phasenweise mit einem skurrilen Roman aus Tschetschenien oder Libyen aufnehmen. Dabei „spielt“ alles vor unserer Haustüre zwischen Wildschönau, Innsbruck und Wiener Neustadt.
Die kompliziertesten Verhältnisse sind oft auf scheinbar handfesten Bausteinen aufgebaut. So besteht diese medizinische Unbefindlichkeit einer Herzrhythmusstörung eigentlich aus den lyrischen Grundbausteinen Herz Rhythmus Störung.
Einem Massiv lässt sich in der Geologie nur durch einen Tunnel begegnen, ähnlich geht es in der Erzählkunst zu: Wenn etwas zu hart ist für die oberflächliche Darstellung, muss man semantisch unten durch.
Was macht eigentlich ein Dichter, wenn er nicht gerade auf der Bestenliste herum klettert und Interviews gibt? - Er spukt Blut und trinkt Bier.
Was vielleicht aus einem Bericht eines Überwachungscorps stammt, ist auch die Grundvoraussetzung für Literatur: Die Zusammenkunft von Ereignissen oder Personen ist das Gerüst für jede Erzählung.
Die ersten Worte, die nach einem Unglück von den Überlebenden ausgestoßen werden, klingen für sich genommen immer sinnlos und wirken grotesk. Was erst sollen Überlebende sagen, die als Juden in Paris gerade den Krieg, die Nazis und die Vernichtung überlebt haben?
Wie kann man einen sozialen Sumpf erzählen, ohne dass man als Leser darin rettungslos verlorengeht? - Nanni Balestrini hat für seine Camorra-Geschichte die Methode der Atemlosigkeit gewählt.
Pubertät in einer polnischen Provinzstadt - diese drei harten „P“ garantieren eine groteske Literatur.
Die Kindheit bildet oft einen eigenen Staat im Staat, die Beschreibung einer verstaatlichten Kindheit führt also automatisch zu einer Beschreibung des Staates.
Manchmal sucht sich die regionale Zeitgeschichte eine Lichtgestalt, um an ihr ein Stück Gegenwart abzuhandeln.