Gesellschaft | Kultur

Norbert Gstrein, Die ganze Wahrheit

h.schoenauer - 02.09.2010

Buch-CoverWenn man vor und nach der Lektüre nicht weiß, wie man den Roman lesen soll, dann ist er vor allem eines: aufregend gelungen.

Norbert Gstrein, der Meister des Verunsicherungstextes, lässt in seinem Roman Die ganze Wahrheit den Leser immer wieder ins Leere laufen. Denn auf den ersten Blick erzählt er eine verkorkste Liebes- und Ehegeschichte, deren Trivialität nur deshalb von Interesse ist, weil sie im Verleger-Milieu spielt.

Ulrich Ladurner, Eine Nacht in Kabul

h.schoenauer - 29.08.2010

Buch-CoverÜblicherweise brechen Journalisten in entlegene Kriegsgebiete auf, um über die Sinnhaftigkeit eines Krieges und seinen Fortschritt zu berichten.

Ulrich Ladurner ist schon seit einem Jahrzehnt immer wieder in Afghanistan, um über den Einsatz der amerikanisch-westlichen Truppen zu berichten. Aber so seltsam es klingt, eigentlich weiß er mit jedem Einsatz weniger, was er berichten soll und was die Westler in Afghanistan überhaupt wollen.

Juri Andruchowytsch, Zwölf Ringe

h.schoenauer - 23.08.2010

andruchowytsch, ringeDie raue Wirklichkeit lässt sich noch immer bestens mit romantischen Mitteln beschreiben. Je inniger und romantischer die poetische Erzählweise ist, umso heftiger und realer fällt das zwischen den Zeilen Ungesagte aus.

Jury Andruchowytsch verwendet für seinen Roman Zwölf Ringe gleich mehrere romantisch überhöhte Mittel. Da schickt er einmal den österreichischen Fotografen Karl-Joseph Zumbrunnen schmachtend in die Ukraine, um sinnliche Bilder zu schießen. Mit der Zeit verliebt sich Zumbrunnen dermaßen in das Land, dass sich seine Wiener Frau von ihm trennt.

Oksana Sabuschko, Museum der vergessenen Geheimnisse

h.schoenauer - 22.08.2010

Buch-CoverMuseen werden oft mit zur Schau gestellten Fundamenten verglichen, auf denen Gegenwart und Zukunft ruhen. So geben jene Dinge, die zur Schau gestellt werden, durchaus Auskunft über den Zustand einer Gesellschaft.

Wenn etwa nur kitschige Krümel in den Vitrinen liegen, kann man etwa auf eine intellektuell eher schmalbrüstig aufgestellte Gesellschaft schließen.

Philip Roth, Die Demütigung

h.schoenauer - 02.08.2010

Buch-CoverEin heftiges Leben gleicht immer auch einer heftigen Schauspieler-Karriere, worin einem die Super-Rollen nur so in die Hand purzeln. Aber wer gut schau spielt, bei dem wendet sich oft auch das Leben ab.

Philip Roth, der Meister für Krisen, Wahnsinn und Sinn-Demenz schickt im Roman Die Demütigung den Schauspieler Simon Axler in die kreative Wüste, um in dann inklusive Suizid restlos abzumontieren. Die Hinrichtung geschieht in drei Stufen.

Markus Bauer, In Rumänien

h.schoenauer - 21.07.2010

Buch-CoverWunderschöne Biolandschaften, große Eier, saftige Tomaten, subtiler Lebensstil - Rumänien verkauft sich in der EU mit einer Vielfalt an Raritäten und Schönheiten.

Markus Bauer greift in seinen Rumänien-Essays diese Klischees auf, um gleich darauf die Hinterseite zu erzählen. Er selbst lebte fünf Jahre lang als Lektor in der Kulturstadt Iasi (rumänisch Heidelberg). Aus dieser Erfahrung legt er seine faszinierenden Beschreibungen und historischen Analysen an.

Natalja Kljutscharjowa, Endstation Rußland

h.schoenauer - 19.07.2010

Buch-CoverVon allen Ländern, aus denen wir unsere Träume einfliegen lassen, kriegen wir im modernen Literaturbetrieb letztlich nur ein Marketing-Konzept übersetzt.

Ein krasses Beispiel dafür liefert der frisch nach Berlin übersiedelte Suhrkamp-Verlag, der einen frechen Roman "Russland im offenen Wagon" mit "Endstation Rußland" an unsere Lese-Herzen wirft.

Barbara Denscher, Reportage Armenien

h.schoenauer - 19.07.2010

denscher, armenienEs gibt auf dieser Welt Gegenden, die lassen sich kaum beschreiben, weil die Politik damit nicht zurechtkommt. Und unsere Beschreibungskunst ist eben oft aus der Politik heraus definiert. Eine dieser Gegenden ist der Kaukasus. Wir kennen diesen Landstrich als geheime Wiege der Menschheit, woraus der biblische Ararat scheinbar für alle Zeiten hervorragt.

Barbara Denscher hat sich mit Lebenserfahrung aus dem Kaukasus Armenien herausgesucht, ein Land, in dem man ununterbrochen das Meer riecht, obwohl es im Gebirge liegt.

Olga Martynova, Sogar Papageien überleben uns

h.schoenauer - 07.07.2010

Buch-CoverIn einem gelungenen Titel ist der komplette Roman enthalten. Sogar Papageien überleben uns ist ein Zitat von Joseph Roth, worin dieser die Endlichkeit des Lebens bedauert und süffisant meint, dass sogar die Papageien die Menschen überleben. (95)

Olga Martynova behandelt in  ihrem Roman diese Endlichkeit der Biographien und Epochen. Kaum dass man einen Lebenslauf so halbwegs beschrieben hat, ist er auch schon zu Ende. Das gilt auch für die Geschichte, kaum ist eine Epoche mit Fahne, Verfassung und Hymne installiert, muss sie auch schon wieder abdanken.

Don DeLillo, Der Omega-Punkt

h.schoenauer - 30.06.2010

Buch-CoverJe näher es Richtung Sinn der Menschheit geht, umso dünner wird die Roman-Luft. Don DeLillo nennt seinen Roman um den Sinn des Universums Omega-Punkt, dieser seltsame Begriff gilt in manchen theologischen Facetten als ein nicht erreichbares Ziel, auf das alles mehr oder weniger sinnvoll zusteuert.

Bei Don Delillo wird dieser Omega-Punkt zu einer intensiven Abrechnung mit dem Leben, den kämpferischen Allüren des Homo sapiens und der Aushebelung der Zeit durch die Kunst.