Gesellschaft | Kultur

Georg Jäger (Hrsg.), Melachgeflüster

h.schoenauer - 04.04.2018

Kluge Täler geben dem Hauptfluss immer einen anderen Namen als dem Tal selbst, so können Feinde abgewehrt werden, indem man sie verschickt. Wenn jemand nämlich fragt, wo die Sellrain fließt, kann man ihn verschicken, im Sellraintal nämlich fließt die Melach.

Georg Jäger hat das Raunen und Ächzen, das Rumpeln und Schottern der Melach ausgegraben, wie es zwischen 1800 und der Zwischenkriegszeit in Sagen transportiert, mündlich überliefert oder in Lokalzeitungen zum Vorschein gekommen ist.

Gerhard Jäger, Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod

h.schoenauer - 20.03.2018

Je mehr die modernen Alpen durch Einrichtungen der Erholungsindustrie zugepflastert sind, umso heftiger drängt es die Menschen nach Geschichten vom archaisch klaren Überleben, wie es gerade in den Alpen als Super-Mythos erzählt wird.

Gerhard Jäger erzählt von dieser Sehnsucht nach einer spitzen und vor allem noch nicht überfüllten Gebirgswelt, worin man mit wenigen Begriffen auskommt, eben mit Schnee, Feuer, Schuld und Tod. Mehr braucht es nicht und mehr gibt es auch nicht. Die Kunst dieses Romans besteht nun darin, in mehreren Erzählebenen immer mehr Wirklichkeit auszufiltern, bis am Schluss beinahe menschenleer ein Kammerstück vom Überleben in der unendlich weiten Gebirgs- und Naturlandschaft steht.

Leonore Paurat, Ach, wenn doch bloß der Krieg nicht wär

h.schoenauer - 14.03.2018

Ganz egal wie lange ein Krieg dauert, es braucht immer Jahrzehnte und Generationen, um die sogenannten Kollateralschäden in den Seelen der Menschen halbwegs in eine Sprache zu bringen. Erst wenn man eine Geschichte zum Unsagbaren erzählen kann, besteht die Chance zu einer Versöhnung zwischen den Glückserwartungen und dem eingetretenen Unglück.

Leonore Paurat stellt einen Briefwechsel zweier Liebender aus dem Zweiten Weltkrieg vor, Friedrich ist achtzehn und Rosa ist sechzehn, als sie die Liebe trifft. Und gleich danach bricht der Krieg los, er muss einrücken, das erste Kind kommt als Kriegsurlauberkind, sie überleben und retten ihre Liebe anhand eines intensiven Briefverkehrs ins Freie des Friedens.

Peter Handke, Die Obstdiebin

h.schoenauer - 13.03.2018

Kaum Handlung, kaum Thesen, kaum Genre, alles richtig, kaum etwas falsch.
Peter Handke kommt wie die meisten Schriftsteller, die denkend gealtert sind, ohne den Schnickschnack der Schreibschulen und Germanistik aus. Zum 75sten Geburtstag hat er sich die Kärntner Verfassung umschreiben lassen, damit er Anspruch auf das goldene Keks hat. Sich selbst hat er die Obstdiebin vom Leib und auf den Leib geschrieben, und nur, wer alle bisherigen Lesetipps hinter sich lässt, kommt an die Obstdiebin heran.

Die Obstdiebin kann man nicht falsch lesen, weil alles, was man auf diesen fünfhundert Seiten entdeckt, einfach schön, ungewöhnlich und handkisch ist. Im Eisenbahnwesen gibt es diese Langsam-Fahrstellen, wenn die Gleise schwach sind, bei Handke gibt es die Langsam-Lesestellen, wenn der Text stark ist. Die Obstdiebin ist eine einzige Langsamfahrstrecke für die Augen.

Christian Futscher, Grüße an alle

h.schoenauer - 13.03.2018

Gute Schriftsteller überlegen ein Leben lang, was sie als den berühmten letzten Satz beim Sterben sagen könnten. Dabei entstehen oft ganze Gedichtbände.

Christian Futscher macht sich als Experte für außergewöhnliche Lebenssituationen naturgemäß auf die Suche nach einem passenden Gedicht, mit dem man sein Leben beenden könnte. Sein Top-Vorschlag für letzte Worte lautet: „Grüße an alle“. Mit dieser Grußformel beendet er den Gedichtband, wie auch ein paar Seiten früher in einem Herbstgedicht mit dieser Fügung die keimende Vegetation beendet worden ist.

Harald Specht Geschichte(n) der Dummheit

andreas.markt-huter - 12.03.2018

„Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen, sagt der Volksmund. Da man Dummheit weder sehen, noch anfassen oder kaufen kann, ist es schwer sie zu beschreiben. Was wissen wir von ihr? Erstens lässt sich feststellen, dass sie scheinbar überall auftritt.“ (13)

Welche Rolle spielt die Dummheit in der Geschichte der Menschheit? Wenn sie auch häufig Kopfschütteln oder ungläubiges Staunen auszulösen vermag, so erscheinen die Folgen der Dummheit nicht immer so glimpflich oder amüsant, wie so manche kritischen Geister im Laufe der Geschichte erleben und erleiden haben müssen, die als Abweichler und Ketzer verunglimpft worden sind.

Hans-Henning Scharschach: Stille Machtergreifung

andreas.markt-huter - 09.03.2018

Der 1943 geborene Hans-Henning Scharsach war langjähriger Leiter des Auslandssressorts von Kurier und News. Seit seiner Pensionierung ist er vorwiegend als Autor tätig. Zu seinen Büchern zählen Bestseller wie "Haiders Kampf", "Europas Populisten", "Die Ärzte der Nazis" oder "Strache - im braunen Sumpf".

Vor allen Dingen war Scharsach auch politisch tätig: er organisierte 1993 das Lichtermeer für mehr Solidarität, gegen Rassismus und Ausgrenzung mit. Lange Jahre trat er als Organisator und Mitveranstalter von zahlreichen Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Nazi-Terrors in Erscheinung. Außerdem unterstützte er das Frauenvolksbegehren und hielt die Trauerrede für Marcus Omofuma, einen im Zuge seiner Abschiebung verstorbenen nigerianischen Asylwerber.

Alina Simone, Ich wollte Einhörner

h.schoenauer - 08.03.2018

In den Hitparaden und Charts gibt es nur Sieger, was aber machen die anderen, die nicht von der Geschmackstombola nach oben gespült werden?

Die Sängerin Alina Simone formuliert es in ihren „Memoiren-Essays“ ziemlich drastisch, den größten Erfolg habe sie mit dem Covern einer unbekannten russischen Untergrundsängerin gehabt. Sonst interessiere sich niemand für sie und wenn, dann höchstens wegen der Geburtsstadt Charkow, wenn diese wieder einmal bombardiert wird.

Gergely Péterfy, Der ausgestopfte Barbar

h.schoenauer - 08.03.2018

Nach einem weit verbreiteten Kunstempfinden gilt die Ausstopfung als Steigerung der Skulptur. Wenn du wirklich ein echtes Denkmal willst, musst du den Helden ausgestopft aufstellen. Im österreichischen Literaturmuseum sind daher die wichtigsten Dichter mehr oder weniger ausgestopft dargestellt.

Gergely Péterfy greift diesen Ausstopfungsprozess auf, um das Schicksal eines politischen Sprachvisionärs aufzuzeigen. Im Jahr 1831 fährt Sophie Török von Ungarn nach Wien, um im Hof-Naturalien-Cabinet den ausgestopften Angelo Soliman zu besichtigen, der seinerzeit seine schwarze Haut auf Befehl des Kaisers seinem Freund hinterlassen musste. Dieser Freund ist der Schriftsteller und Sprachforscher Ferenc Kazinczy, der Ehemann von Sophie Török, der gerade eine Gefängnisstrafe in Kufstein absitzt, wohin man ihn wegen Verbreitung freimaurerischer Schriften gesteckt hat.

Heinz Kröpfl, Lebensläufe

h.schoenauer - 05.03.2018

Im engeren Bedeutungssinn hat der Lebenslauf mit dem Abrennen einer Strecke zu tun, und wer einmal einem Marathonisten zugesehen hat, wie er nach dem Ziel zusammenbricht, der versteht, dass es beim Lebenslauf um Leben und Tod geht.

Heinz Kröpfl lässt zwei mehr oder weniger gelungene Karrieren zuerst nebeneinander laufen und schließlich in den finalen Wettkampf eintreten. Denn das Perverse an extremen Lebensläufen ist, dass sie immer als Wettkampf ausgerichtet sind und wie beim Duell einen niedergestreckten Gegner als Beweis für die Überlegenheit des eigenen Lebenslaufs brauchen.