Norbert Gstrein, In der freien Welt
In den guten multiplen Romanen gibt es so viele Lesemöglichkeiten, dass zwei Leser im Gespräch darüber oft eine Zeitlang brauchen, um zu kapieren, dass sie den gleichen Roman gelesen haben.
Norbert Gstreins Roman „In der freien Welt“ ist multipel, weit, frei, und groß wie die ganze literarisch erfassbare Welt. Je nach Wahl des Lese-Eingangs lässt sich der Roman als Krimi, politische Bestandsaufnahme, Travelling-Fields, Freundschaftserzählung oder Aussalzung eines perversen Literaturbetriebes lesen.
Das schönste Argument, das einem Buch widerfahren kann, ist die Bemerkung: Dieses Buch liest sich wie von selbst!
In einer Welt voller Vernetzung und großer Stückzahl von schlichten Gedanken ist die solitäre Individualität vermutlich das höchste Lebensgut und vielleicht der letzte Lebenssinn.
Das Publikum sieht oft etwas ganz Anderes in den Bildern, als es der Urheber vielleicht gedacht hat. So sagen die Tiroler jedenfalls zu allem, was wie eine Federzeichnung ausschaut, Karikatur, weil sie die Welt meist als Federzeichnung empfinden.
Lässt sich ein Dramolett mit einem Omelett vergleichen? - Im Prinzip ja, denn auch im Dramolett werden die typischen Phrasen wie Eier zerschlagen und aufgebraten, bis das latente Braun Österreichs sichtbar wird.
Von manchen Gegenden genießt man ein Leben lang ihren guten Klang und trägt den Wunsch vor sich her, sie einmal aufzusuchen. Der Oderbruch ist so ein Faszinosum, das wir vor allem dann in den Medien sehen, wenn alles unter Wasser steht.
Manchmal erzählt ein winziger Druckfehler eine ganze Geschichte der Hoffnung und Unsterblichkeit. Im Abschlusskommentar zum dritten Band „Das Gedächtnis der Wellen“ von Gerhard Kofler wird sein letztes Gedicht auf 24. August 2015 datiert, ein logischer Gedanke, denn niemand kann es noch glauben, dass der Autor 2005 gestorben ist.
Eine hohe Erzählkunst erkennt man daran, dass sich der Autor überflüssig macht, klont oder frisch gleich im eigenen Text untertaucht.
Bis herauf zur Jahrtausendwende sind in Österreich am flachen oder steilen Land noch fliegende Bibliothekare unterwegs gewesen, die die öffentlichen Büchereien fallweise mit Lesestoff versorgt haben. Klassische Bücherbusse sind noch in Salzburg und Graz unterwegs , worin sich das Publikum in den Vororten mit Literatur eindecken kann.
Fette Serienromane nehmen die Edition als Werkausgabe gleich vorweg und ersparen uns so diese kommentierten Ausgaben, die die Germanisten mittlerweile an allen Ecken und Enden loslassen.