Roman

Thoger Jensen, Ludwig

andreas.markt-huter - 11.11.2020

thoger jensen, ludwigZwischen Musikalität und Logik entstehen oft beinahe soziologische Kräfte, welche die Helden herumstoßen wie Billardkugeln oder Noten von Johann Sebastian Bach.

Thoger Jensen hat mit „Ludwig“ einen knappen Roman komponiert, der die inneren Kräfte der Bachschen Inventionen freilegt und worin die Helden in großer Gelassenheit letztlich das Glück an sich gewähren lassen.

Daniela Emminger, Kafka mit Flügeln

andreas.markt-huter - 02.11.2020

daniela emminger, kafka mit flügelnIn der Literatur tauchen manchmal Länder auf wie bei einem Quiz. Dabei wird der Leser gefragt, was er schon weiß, ehe ihm der Roman dann eine neue Nuance des Länderwissens verschafft. Von Kirgisien kennt man in der Lese-Szene vielleicht Tschingis Aitmatow, und die User der Standard-Presse wissen am ehesten, dass dorthin die in Deutschland geklauten Autos verschoben werden, dass eine verdeckte Diktatur herrscht und unter den international tätigen Terroristen immer auch Kirgisen dabei sind.

Daniela Emmingers „Kafka mit Flügeln“ ist auf der ersten Ebene ein vollendeter Kirgisien-Roman mit Stoff, heldenhaften Figuren und elementaren Fragestellungen zu Kultur, Psyche und Wissenschaft. Auf der zweiten Ebene handelt es sich um eine Auseinandersetzung zwischen fiktionalem Experiment und experimenteller Fiktion. Und drittens ist erzähltechnisch gesehen der Roman so etwas wie die Schilderung einer heroischen Metamorphose vom Ei über Raupe und Puppe hin zum Schmetterling.

Dasa Drndic, Belladonna

andreas.markt-huter - 30.10.2020

dasa drndic, belladonnaDann kam sie. Die Rente. (366) - In einem echten Rentnerroman wird das Leben ordentlich umgekrempelt, und das Eintreffen der ersten greifbaren Rente in Scheinen und Münzen ist erotisch wie das erste Liebesabenteuer, und tiefgehend, wie das Probe-Liegen am Sterbebett.

Dasa Drndic ist während der Auslieferung der deutschen Übersetzung ihres Romans Belladonna verstorben. Das gibt diesem Roman, der ohnehin von Aufhören, Abklingen und Aussetzen berichtet, einen zusätzlichen Abschieds-Drive. Und wenn ein Leser dann noch zeitgleich mit der Hauptfigur die erste Rente erwartet, ist die Authentizität des ganzen Falles nicht mehr zu toppen.

Mark Z. Danielewski, Das Haus / House of Leaves

andreas.markt-huter - 28.10.2020

mark z. danielewski, das hausKultbücher haben den Vorteil, dass man sie nicht zu lesen braucht. Es genügt meist ein leichtes Nicken und das Thema geht vorbei. Anders ist es hingegen mit Pionierbüchern, diese muss man fast lesen, wenn man die Entwicklung der Literatur verstehen will. Und dann weiß man bei diesen entscheidenden Scharnier-Büchern nie, wie man sie lesen soll, mit der Erfahrung der Vergangenheit oder dem Geist der Zukunft?

Mark Z. Danielewskis „Das Haus“ ist beides, Kult- und Pionierbuch, weshalb man es lesen muss, denn auch hier sticht der Ober (Pionier) den Unter (Kult).

Liam Callanan, Ich erfinde dir Paris

andreas.markt-huter - 23.10.2020

liam callanan, ich erfinde parisLängst ist Literatur ein globalisiertes Geschäftsmodell geworden, in dem Autoren ähnlich einem Spielerfinder mit allen Tricks versuchen, den Leser zu fesseln und für ein paar Stunden von dessen Realität abzuschnüren. Der moderne Roman gleicht oft eher einer Spielkonsole, mit der man sich wegzappt, als einer Anleitung, wie man die weggezappte Welt aushalten könnte.

Eine ganze Industrie von Creative Writing wirbt quer über den amerikanischen Kontinent jedes Semester um neue Schüler, und die Professoren verfassen dabei Romane, worin sie ihre Writing-Thesen ausprobieren. Zumindest die Schüler müssen das alles lesen, womit sich eine satte Buch-Auflage verkaufen lässt.

Markus Ramseier, In einer unmöblierten Nacht

andreas.markt-huter - 07.10.2020

markus ramseier, in einer unmöblierten nachtEin Land ist immer so interessant wie es einen passenden Erzählmythos für sich selber hat. Das Beste an der Schweiz ist, was das Erzählerische betrifft, Heidi. Da wird nämlich das Mädchen unter dem sonnenbraunen Augenglanz des Großvaters durch ausgewählte Natur geführt, und auch soziale Komponenten bis hin zum sexuellen Übergriff werden nach dieser Lesart als etwas Natürliches gesehen.

Markus Ramseier ist sorgfältiger Heimatforscher im besten Sinne des Wortes. Als solcher ist er durchaus arglistig unterwegs, wenn er den Heidi-Mythos für seinen Zustandsroman über die Schweiz verwendet. Seine Heidi ist die ukrainische Übersetzerin Yana, sein Großvater ist Viktor, der einen impotenten Endspross einer emsigen Familie gibt. Beide lernen sich im Moskauer Puschkin-Museum kennen, wo Victor als Kunsthändler gerade einen großen Coup gelandet hat.

Konrad Rabensteiner, Der geköpfte Adler

h.schoenauer - 23.09.2020

konrad rabensteiner, der geköpfte adlerEine Chronik der Kindheit ist meist wie eine windstille Hängematte zwischen zwei Bäumen der Gelassenheit aufgeknüpft, einmal ist es der Stamm der Altersmilde, der jede Kindheit abgerundet erscheinen lässt, zum anderen der Pfosten der Kindheit selbst, die ja mangels an Vergleichen immer als die beste der Welt empfunden wird.

Konrad Rabensteiner schreibt im Roman „Der geköpfte Adler“ eine Kindheit im Villanders der frühen 1950er Jahre auf, gleich zu Beginn fällt die magische Zeitangabe „sieben Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg“. Der Ich-Erzähler hat die Reife und Lebenserfahrung eines Erwachsenen, denn die Ereignisse werden zwar in einer zeitgenössischen Ergriffenheit geschildert, in Auswahl und Beurteilung aber aus der Sicht eines Alten.

Heinz Helle, Eigentlich müssten wir tanzen

h.schoenauer - 11.09.2020

heinz helle, eigentlich müssten wir tanzenDie Zeit zwischen Hardcover und Taschenbuchausgabe nützen professionelle Leser manchmal, um die dargestellte Welt einmal hart und einmal weich zu überprüfen. Die beiden Buchsorten werden von jeweils einem anderen Publikum wahrgenommen und diskutiert. Im Rezensionswesen ist es zudem nicht üblich, ein Buch noch einmal zu besprechen, wenn es als Taschenbuch erscheint.

Das sollte man aber, wenn es sich um dramatisch klare Bücher handelt wie bei Heinz Helles Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“. Darin machen sich fünf Abenteurer nach Tirol auf, um bei Events die eigenen Leistungsgrenzen kennenzulernen. Doch dann verrutscht alles zu einer gigantischen Dystopie, worin das Land in einem Post-Tourismus traumatisiert darniederliegt.

Simon Konttas, Arme Leute

h.schoenauer - 24.08.2020

simon konttas, arme leuteIm Kapitalismus sind arme Leute die Systemverlierer, mit denen niemand mehr etwas zu tun haben will, wenn man ihnen das Geld abgezapft und nach oben hin umverteilt hat. Diese Armen tauchen dann noch verschämt in diversen Statistiken auf. Der Volksmund freilich verwendet den Begriff „arm“, um eine Schicht von Eigenbrötlern zu beschreiben, die in Ermangelung von Bildung den Konsum-Flow für den Lebenssinn halten.

Simon Konttas lässt in seinem Roman von den “armen Leuten“ eine Menge Protagonisten auftreten, die entweder über Patchwork-Familie, Schuljahrgang oder Grätzl miteinander zu tun haben. Über alle kann man aus der Hüfte heraus sagen: „Mei, ist der arm!“

Christian Moser-Sollmann, Tito, die Piaffe und das Einhorn

h.schoenauer - 10.08.2020

christian moser-sollmann, titoDie größte Integrationskunst ist dann gefragt, wenn es ein Mensch aus den Bundesländern in der Wiener Bobo-Szene mit anderen Bundesländer-Menschen zu tun kriegt.

Christian Moser-Sollmann weiß als gebürtiger Osttiroler in Wien, wovon er spricht. Sein Roman vom tragisch-jammernden Ich-Erzähler Tito, der tröstlichen Bar Einhorn und der Piaffe, einer ungezähmten Gangart des Pferdes, ist eine angespannte Liebesgeschichte, welche die herumlavierenden Protagonisten ordentlich fordert.