Zsuzsa Selyem, Regen in Moskau
Wenn einem eine Geschichte schon Haltegriffe in Gestalt von Ortsnamen und Zeitangaben in den Beipackzettel steckt, dann sollte man diese Angaben nicht ignorieren. Diese äußeren Angaben sind kleine Guckfenster, um dadurch ins Innere der Erzählung zu schauen, die unter hohem Druck steht und wie in einem Reaktor mannigfaltige historische Prozesse ablaufen lässt.
Zsuzsa Selyem beschreibt unter dem poetischen Titel „Regen in Moskau“ eine Geschichte von Zwangsmobilität, Glückssuche und Sich-zurechtfinden mit dem Faktischen. Allein schon der Erzählstandpunkt ist irritierend, neben betroffenen Aussiedlern, Wachpersonal und historischen Funktionären ist es das Ungeziefer, das erzählt. Immer wieder berichtet jemand von der Eiablage, und wie er oder sie dann von der Wand herunter sind und diesen oder jenen gestochen haben, um ihm ein wenig Blut abzusaugen.
Aufsehenerregende Romane sind oft für eine einzige Szene bekannt. Diese ist an und für sich überschaubar, breitet sich dann aber über ein ganzes Jahrhundert aus.
Die Literatur von Wolf Haas ist eigentlich eine Tournee, bei der als Benefit für die Leser die Romane verteilt werden. Wenn jemand geh-schwach ist, kann er sich die Tournee auch ins Haus schicken lassen, eingehüllt in den Roman kommt ein Lesezeichen zum Vorschein, auf dem die wichtigsten Lesungen des Wolf Haas aufgezählt sind.
Es gibt Romane, darin explodieren die Heldinnen mit eruptiven Gesten, und dann gibt es diese gereiften Abklärungsromane, die im Stile von Archivaren und Archäologen das Zeitlose am Leben halten.
Die Konstellation fiktionaler Figuren kann man als Leser auswendig lernen oder vergessen, beides hat auf den Fortgang eines Romans keine Auswirkung. Wir kennen es ja von den russischen Realisten, wo man entweder ein Lexikon skurriler Figuren neben dem Buch liegen hat oder einfach alle Figuren mit einem „ow“ hinten dran als Helden deutet.
Jeder Mensch trägt ein Seepferdchen im Hirn spazieren, im Gehirn liegt nämlich der sogenannte Hippocampus. In diesem Denklappen in Gestalt eines Seepferdchens werden Daten verknüpft und zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis hin und her geschaltet. Wer den Hippocampus klug zu verwalten vermag, kann mit Denkgewinn Zeitloses als aktuelle Gegenwart ausgeben und umgekehrt.
Das Wesen einer Kleinstadt ist es, dass Geschäfte, Gerüchte und Gefühle ganz eng beieinander liegen und oft sogar ausgetauscht und verwechselt werden.
Schade, dass es im echten Leben keinen schnellen Vorlauf gibt! - Erwachsenwerden besteht vielleicht darin, die richtige Geschwindigkeit für das eigene Lebensvideo zu finden.
Der Rentner-Roman ist zwar weit verbreitet, wird aber kaum als solcher kaum mit dem Mund ausgesprochen. Denn in der Literatur geht es oft um beratende Geschäfte, und wer will schon einem Kunden zumuten, dass er einen Rentner-Roman lesen soll. In der Literatur nämlich gibt es keine Rentner, da alle entweder schreiben, lesen oder was verkaufen.
Gute Romane lösen schon im Titel ein Rätsel oder gar eine Geschichte aus. Die Frau auf meiner Schulter ist vielleicht ein Lebensentwurf, der auf der Erzählerin sitzt wie die Welt auf dem mythologischen Atlas.