Roman

Thomas Stangl, Fremde Verwandtschaften

h.schoenauer - 22.05.2020

thomas stangl, fremde verwandtschaftFür das Ausräumen einer Schatztruhe gibt es keine verlässlichen Richtlinien. Genauso wenig ist geregelt, wie man einen Roman voller Schätze ausräumen und im Kopf installieren soll.

Thomas Stangl stellt für „Fremde Verwandtschaften“ ein Roman-taugliches Gerüst auf, um seine Hundertschaften von Kleinessays zur Lage der Dinge und Verhältnisse in der Welt überschaubar zu installieren.

Arthur Isarin, Blasse Helden

h.schoenauer - 27.04.2020

blasse heldenJe heftiger ein Rohr ums Eck gebogen wird, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es leckt und eine gigantische Gaswolke austritt. Wenn die Geschichte ums Eck biegt und einen Systemwechsel vorschlägt, entstehen in der Begleitliteratur die wildesten Helden und Geschichten.

Arthur Isarin gibt seinem Anton aus Deutschland die Chance, im Russland des Systemwechsels in den 1990er Jahren jede Menge Oligarchen, Putsch, Gewalt und Geschäfte zu erleben. Und der romantische Held darf sogar überleben und und am Schluss sagen, es waren die besten Jahre seines Lebens.

Christine Teichmann, Gaukler

h.schoenauer - 15.04.2020

gauklerKönnen Clowns ein normales Leben führen, wenn die Show vorbei ist? Können Clowns Kinder kriegen, und wenn ja, sind dies dann auch Clowns?

Christine Teichmann zeigt mit dem Roman „Gaukler“ eine vorerst normale Familiengeschichte, die zum Begräbnis der Mutter aufgerollt und für die Gegenwart präpariert wird. Das Besondere aber ist, dass es sich um eine Familie aus dem Zirkus-, Jongleur- und Clown-Milieu handelt. Als Leser stutzt man, denn es ist tabu, dass der Clown ein normaler Mensch ist, wenn er von der Bühne geht. Ok, melancholisch und suizidgefährdet darf er sein. Aber erotisch oder gar geil?

Christos Chryssopoulos, Parthenon

h.schoenauer - 06.03.2020

parthenonKann etwas durch Zerstören entstehen? Kann ein Kunstwerk ohne Zerstörung vollkommen sein? Kann im Terror ein Sinn innewohnen?

In Christos Chryssopoulos Roman wird das Parthenon in Athen gesprengt und ein mutmaßlicher Attentäter wird stracks hingerichtet. Im Original ist von der Zerstörung oder Dekonstruktion des Parthenon die Rede. In der durch die Romantik schön gefärbten Griechenwelt der Deutschen tritt nur mehr das Parthenon selbst im Titel auf, seine fiktive Zerstörung will man der deutschen Touristenseele nicht zumuten.

Hans Platzgumer, Drei Sekunden Jetzt

h.schoenauer - 28.02.2020

hans platzgumer, drei sekunden jetztUm sein wahres Leben zu begreifen, muss man sich zwischendurch aus dem Leben hinausträumen. Die Satten träumen dabei vom Abenteuer-Hunger, die Hungrigen vom Abenteuer satt zu sein.

Hans Platzgumer steckt seinen Helden Francois in Marseille in den Status eines Findelkindes. Dadurch ist jede Herkunft möglich und was immer auch geschieht, es ist adoptiertes Verhalten, denn die genetischen Spuren liegen im Dunkeln. Der Ich-Erzähler wird von seiner leiblichen Mutter in einem Einkaufswagen in einem Einkaufszentrum abgestellt, wie in der Videoüberwachung zu sehen ist. Der Held wird der Konsumgesellschaft zur Verfügung gestellt.

Jean-Marc Ceci, Herr Origami

h.schoenauer - 24.02.2020

jena-mar ceci, herr origamiEin Roman gilt üblicherweise als Podium für Üppigkeit von Figuren und Ausstattung, Verknotung von Handlungen, Spiegelung von winkeligen Seelensträngen. Das Gegenteil müsste so etwas wie der Zen-Roman sein, ein Text voller Reduktion bis hin zur Auflösung jeglicher Konsistenz.

Jean-Marc Ceci hält wie ein Zen-Meister seine eigene Biographie klein bis zur Unscheinbarkeit. Er gibt nur zu, auf einer Universität zu unterrichten und in Südbelgien zu leben. Offensichtlich hat er sich die eigene Biographie von seinem Helden abgeschaut, der als Zwanzigjähriger aus Japan nach Italien fährt, um sich zu verlieben. Als Sechzigjähriger ist er dann Meister der Papierkunst und wird Herr Origami genannt. Seine Liebe ist in unzählige Papierfaltungen eingeflossen und verdunstet.

Isabella Breier, DesertLotusNest

h.schoenauer - 19.02.2020

isabella breier, desert lotus nestIm idealen Roman steigt man als Leser nicht nur ein bisschen aus, sondern vollkommen. Der ideale Roman liefert neben den Heldinnen und der Handlung daher gleich auch das Wertesystem mit, mit dem man der fiktionalen Fliehkraft begegnen kann.

Isabella Breiers Roman tritt in Gestalt eines wissenschaftlichen Handbuches auf. Der Titel deutet auf eine Rarität hin, die gerade entdeckt und erforscht worden ist, die Anmerkungen zur Poetik des Phönix zeigen unbekannte Studien, und ein Fußnotenapparat zitiert ein Werk der Autorin, das erst in ein paar Jahren erschienen sein wird.

Catherine Lowell, Die Kapitel meines Herzens

h.schoenauer - 14.02.2020

catherine lowell, die kapitel meines HerzensWenn es tausend Gründe gibt, weshalb man einen Roman lesen kann, dann wird wohl auch einer dabei sein für den Roman „Die Kapitel meines Herzens“, der sehr stromlinienförmig daherkommt. Wie alle Produkte aus der Welt des „Kreative Writing“ ist der Roman ein Produkt und kein Kunstwerk. Als Produkt macht er vieles richtig.

Catherine Lowell hat diesen Roman quasi als Masterarbeit für Fiktion geschrieben. Der Stoff ist höchst anspruchsvoll, es handelt sich wieder einmal um die Geschwister Bronte, die die literarische Welt seit den 1840er Jahren aufmischen. Das Schicksal der Heldin Samantha ist ein sehr hohes und gebildetes, sie ist nämlich die letzte Nachfahrin der Bronte-Dynastie.

Monika Rox-Helmer, Der historische Jugendroman als geschichtskulturelle Gattung

andreas.markt-huter - 10.02.2020

monika rox-helmer, der historische jugendroman„Dem Roman wird folglich als historische Darstellung ein großes Verstehens- und Erklärungspotential zu geschrieben. Auch die geschichtsdidaktische Beschäftigung mit dem historischen Jugendroman betont seit einiger Zeit das didaktische Potential der Gattung nicht nur für den nachhaltigen Aufbau von Sachwissen.“ (S. 11)

Gleich in der Einleitung erzählt ein Jugendlicher von seiner Erfahrung mit einem Jugendroman über die Novemberrevolution, von der er im Geschichtsunterricht nicht behalten habe, während ihm der Geschichtsroman die Augen für die geschichtlichen Ereignisse eröffnet habe. Rox-Helmer geht in ihrem Sachbuch den Möglichkeiten historischer Jugendromane für das Verständnis historischer Perspektiven nach.

Norbert Gstrein, Die kommenden Jahre

h.schoenauer - 03.02.2020

norbert gstrein, die kommenden jahreEinem Weltroman gelingt es mit ein paar Anstichen, Atmosphäre, Zeitgeist und politischen Status einer Jahresgegenwart darzustellen. So ein Roman wird dann zu einem Referenztext, der wie ein Ohrwurm der Beatles eine Gefühlslage flächendeckend beschreiben kann.

Norbert Gstrein hat um die Allerweltsfloskel „die kommenden Jahre“ einen stillen Roman verfasst, bei dem es gar nicht so einfach ist, ihn durch eine Handlung zu begreifen. Es geht um Vieles, um Oberflächliches wie die Öffentlichkeit, und Intimes wie die Ehe. Über einen vagen Erlebnisstrom sind die Koordinaten von zwei Welten gelegt, der Bücherwelt und der Gletscherwelt.