Roman

Jürgen Becker, Jetzt die Gegend damals

h.schoenauer - 25.09.2016

Erinnern entsteht meist durch Straffen und Eindicken des Gesehenen, letztlich sind es Felder und Ränder, die von einem Geschehnis übrigbleiben.

Nicht umsonst heißen die zeitlosen Bücher Jürgen Beckers einfach „Felder“ (1964) und „Ränder“ (1968). Ein Leben lang müht sich der Autor damit ab, Verfahrensweisen zu finden, wie man die Gedächtnisbilder rekonstruieren könnte, worin die Zeiten, Orte und Vorgänge aufgegangen sind. (17) Eine überzeugende Form dafür ist der sogenannte Journalroman.

Dietmar Wachter, Das Mädchen Dori

h.schoenauer - 18.09.2016

Seit die österreichischen Krimis nahezu genormt und uniform geschrieben und publiziert werden, empfindet man es geradezu als Sensation, wenn eine Krimiserie an ihr Ende kommt und sich noch dazu weiterentwickelt.

Dietmar Wachter schickt am Ende des letzten Falles „Das Mädchen Dori“ seinen bewährten Inspektor Matteo in den Ruhestand. Normalerweise darf das Ende eines Krimis nicht verraten werden, wenn es sich aber um eine flächendeckende Frohbotschaft handelt, muss sie zitiert werden. „Dann zwölf Schläge. Mitternacht. / Ich bin in Pension. / Endlich!“ (291)

Thomas Schafferer, Jenseits von Luxemburg

h.schoenauer - 15.09.2016

Ereignisse, die „jenseits“ spielen, erwecken wie von selbst Neugierde, Mitgefühl und Sehnsucht. Wer ist nicht hingerissen von Filmen wie Jenseits von Afrika oder Büchern wie Jenseits von Eden oder Jenseits von Gut und Böse.

Thomas Schafferer gelingt mit Jenseits von Luxemburg ein erzählstrategischer Coup. Dadurch, dass fast nichts auf dem Kontinent in Luxemburg spielt, spielt automatisch fast alles „jenseits von Luxemburg“. Diese Fügung ist nur zum Teil geographisch gemeint, in der Hauptsache geht es um ein Gefühl, das an einem bestimmten Ort ausgelöst wird und sich nicht mehr einfangen lässt.

Reinhard Kleindl, Baumgartner und die Brandstifter

h.schoenauer - 30.08.2016

Wenn die Sinnesorgane auf Verbrechen eingestellt sind, entdecken sie überall und in den idyllischsten Lagen jenen Rauch, der bei Verbrechen gerne aufsteigt.

Reinhard Kleindl ist mit seinem Krimi-Helden Baumgartner literarisch raffiniert unterwegs. Dadurch, dass Baumgarnter wie alle österreichischen Beamten vom Hocken sehr müde und derangiert ist, braucht er nur die halbe Zeit im Einsatz zu sein. Auch im neuen Krimi kommt er erst in der zweiten Ermittlungshalbzeit zu seinem Auftritt, völlig von Tabletten niedergerungen und auch sonst nur bei losem Verstand.

Rainer Juriatti, Strandschatten

h.schoenauer - 25.08.2016

Schatten und Strand sind bei kluger Anwendung schöne Metaphern für das Bewegliche, Un-Fixe, Veränderbare. Beim Strandschatten tauchen in der Vorstellung vielleicht dunkle Flecken auf, die sich im Sonnenlicht um einen Erzählstandpunkt herum bewegen.

Rainer Juriatti nimmt den Strandschatten zum Ausgangspunkt für eine doppelte Geschichte, einmal fällt der Strandschatten auf den historischen Strand an der Normandie, an dem am D-Day die amerikanischen Truppen landen und dem Nazi-Spuk ein Ende bereiten. Auf der heroischen Ebene des Helden hingegen ist der Strandschatten eine Auffrischung und Neuinszenierung verblichener und verstorbener Gesten im innigsten Familienbereich.

Roland Zingerle, Ein Mord am Wörthersee

h.schoenauer - 16.08.2016

Gegenden, die von Menschen mit gedämpftem Selbstbewusstsein bewohnt werden, tragen gerne verrückte Sportarten aus. So wird der grenzwertige Macho-Dolomiten-Mann naturgemäß in Osttirol ermittelt, während der Kärntner Ironman am Wörthersee sich durch deftiges Kraulen und Strampeln hervortut.

Roland Zingerle setzt seinen Grenzgänger-Krimi idealerweise mitten im Gewusel rund um den Ironman am Wörthersee ab. In dieser Gegend geht man mit Geschäften und sich selbst volles Risiko. So hat es in den letzten beiden Jahren jeweils einen Toten gegeben, was weiter nicht schlimm ist, gehört doch das Sterben mit heraushängender Zunge zu den besonderen Belohnungen des Ironman. Aber für die beiden Opfer ist jeweils eine Lebensversicherung fällig geworden, und das macht selbst Kärntner Versicherer stutzig.

Andrej Kurkow, Die Kugel auf dem Weg zum Helden

h.schoenauer - 28.07.2016

In diversen Heldenbiographien inklusive jener von Andreas Hofer wird immer zu wenig die Kugel gewürdigt, die aus einem normalen Menschen einen Helden macht.

Andrej Kurkow lässt es sich in seiner Trilogie „Geographie eines einzelnen Schusses“ nicht nehmen, etwas logisch Groteskes wie die Sowjetunion durch grotesk-logisch Helden darzustellen. Nach einem Volkskommissar, der ein Leben lang das Volk inspizieren muss, und einem Papagei, der politische Sprüche in krächzende Epen zu verwandeln hat, macht sich jetzt eine Kugel auf den Weg, einen Gerechten zu finden. Der Kugel beigesellt ist ein Engel, der den Helden immateriell retten kann, wenn er von der Kugel zerfetzt sein sollte.

Ulrike Kotzina, Verschwunden

h.schoenauer - 24.07.2016

Was passiert eigentlich, wenn jemand, der das Verschwinden von Personen und Dingen bemerkt, selbst verschwindet?

Ulrike Kotzina stellt in ihrem Roman „Verschwunden“ eine fertige Idylle vor, die sich allmählich auflöst und verschwindet. In sechs Kapiteln, die immer länger und kälter werden, löst sich eine Bilderbuchszenerie in Luft auf.

Reinhilde Feichter, Frieda und James Bond

h.schoenauer - 14.07.2016

Bildung entsteht letztlich dadurch, dass man sich als Individuum eine persönliche App in seine Psyche herunterlädt, die einem immer erklärt, was man zu tun hat.

Reinhilde Feichter lässt ihre Heldin Emeli Knolleisen so lange im Leben auflaufen, bis sie kapiert, wie es geht. Die Ich-Erzählerin geht dabei recht selbstbewusst vor, wenn es um sie selbst geht, schon die Geburt als Frühchen wird ein Abenteuer, bei dem Emeli als Siegerin hervortritt.

Serhij Zhadan, Mesopotamien

h.schoenauer - 07.07.2016

Ein gelungenes Cover vermag sinnlich auf das Kernthema eines Buches hinzuweisen. Wenn selbst der Titel „Mesopo / tamien“ in zwei Teile zerlegt ist, vermag man sich schon auszumalen, welche Zerrissenheit einen in diesem Zweistromland erwarten wird.

Serhij Zhadan beschreibt in seinem Zweistromreich den Ablauf der Geschehnisse in ausgerissenen Partikeln. Selbst die literarische Textsorte ist ein Mesopotamien, im ersten Teil gibt es Geschichten und Biographien in Prosaform, im zweiten Teil kommt pure Lyrik zum Vorschein als Erläuterungen und Verallgemeinerungen.