Roman

Orhan Pamuk, Schnee

h.schoenauer - 11.01.2012

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Jedes Land hat vermutlich einen sogenannten National-Roman, der in Gestalt einer einleuchtenden Story Auskunft gibt über Probleme und Bemühungen einer aktuellen Gesellschaft.

Im Falle der Türkei erfüllt sicher Orhan Pamuk, der Nobelpreisträger von 2006, mit seinem Roman ?Schnee diese Aufgaben. Noch zehn Jahre nach seiner Erstauflage dient "Schnee" im Inland als Kodex politischer Auseinandersetzung und im Ausland als Foyer, die reichhaltigen Mythen und den alltäglichen Kampf um ein politisch erträgliches System in Augenschein zu nehmen.

Elmore Leonard, Dschibuti

h.schoenauer - 09.01.2012

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Nichts ist so schwer zu erzählen wie Anarchie und Auflösung der Ordnung, denn jede Erzählung schafft ja Ordnung und zerstört dadurch die Anarchie.

Elmore Leonhard, bekannt für speedige Romane weit jenseits der Rechtsordnung, greift mit dem Roman Dschibuti in die Seeräuberei vor Somalia ein. Der Blickwinkel wechselt dabei von Seite zu Seite oder von Einstellung zu Einstellung. Dschibuti nämlich ist vorerst nämlich ein Haufen digitales Rohmaterial, aus dem die Regisseurin Dara Barr vielleicht einen Dokumentarfilm, vielleicht aber gar einen Spielfilm machen will. Der Titel jedenfalls ist klar: "Dschibuti", knapp wie der Film-Mythos "Casablanca".

Beppo Beyerl, Die alten Leiden der Frau Hermi

h.schoenauer - 03.01.2012

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Wenn man die wahre Kultur einer Gesellschaft entdecken will, muss man zu ihren Bewohnern hautnah in die Wohnung kriechen.

Beppo Beyerl fühlt in seiner Erzählung ?Die alten Leiden der Frau Hermi einer gewissen österreichischen Durchschnittsstimmung auf den Zahn. Die Frau Hermi im Wiener Gemeindebau ist vollgestopft mit Vorurteilen, die sie offensichtlich regelmäßig aus der Krone nachschürt. Da ihr Leben aus Leiden besteht, ist sie auf die Mithilfe anderer Menschen angewiesen. Sinnigerweise kommen diese Helferinnen und Helfer meist aus einer anderen Kultur, so dass Hermi quasi täglich eine Ausnahme von ihren Vorurteilen machen muss, um diese fremde Hilfe zu ertragen.

Jordan Iwantschew, Die Farben des Grauens

h.schoenauer - 04.12.2011

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Der Zustand einer Gesellschaft lässt sich meist während der kurzen Handbewegungen des Frühstücks ausmachen. Mangel oder Überfluss, Überlebensgedanken oder soziales Kopfweh, beim Frühstück ist eigentlich der Tag gelaufen.

In Jordan Iwantschews Roman ?Die Farben des Grauens befinden wir uns schon nach zwei Absätzen mitten in der Hölle. Mit viel Glück bastelt der Philosoph Veselinov aus der Glut des Vortags eine Morgengrütze, es heißt Streichholz sparen, er und sein Sohn Christo freuen sich darüber mehr als über das Frühstück, das aus nichts besteht.

Palmi Ranchev, Der Weg nach Sacramento

andreas.markt-huter - 04.12.2011

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Die einzige Triebfeder, die die Menschen auf allen Kontinenten in Bewegung hält, scheint die Sehnsucht nach Glück zu sein. Und immer wieder enden Glücksvorstellungen in Amerika, weil das Glück dort zumindest in der Verfassung steht.

Egyd Gstättner, Absturz aus dem Himmel

h.schoenauer - 29.11.2011

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Die hohe Kunst des Romans liegt darin, eine Geschichte so aufzulösen, dass sie auch außerhalb der jeweiligen Lesegegenwart aktuell ist.

Egyd Gstättner hat sich für seinen Roman, bei dem es um das Aushalten der Gegenwart, um sterben und unsterblich sein geht, eine hochartifizielle Verquickung der Zeitebenen einfallen lassen. Wie schon der Titel ?Absturz aus dem Himmel sagt, müssen himmlische Erlösungsvorstellungen oft irdisch unterbrochen werden, damit sich ein höherer Sinn einfindet.

Manfred Wieninger, Das Dunkle und das Kalte

h.schoenauer - 28.11.2011

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Die Düsternis eines Krimis ist die beste Aufklärung für die reale Düsternis.

Manfred Wieninger hat mit Marek Miert den wahrscheinlich schmuddeligsten, fast-foodigsten und dennoch für das Abseitige empfindsamsten Privatdetektiv Österreichs auf die literarische Bühne gestellt. Wer so eine Figur zu dirigieren vermag, dem traut man auch in der sogenannten echten Provinz-Welt zu, dass er dunkle Schätze aus dem Glibber der Geschichte hebt.

Juri Andruchowytsch, Perversion

h.schoenauer - 24.11.2011

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Das Wort Perversion hat neben dem magischen auch einen magnetischen Aspekt. Kaum fällt der Ausdruck Perversion, stürzen sich alle darauf und diskutieren, was denn nun an dieser Perversion alles verdreht, echt oder wahrhaftig ist.

Juri Andruchowytsch nimmt die Lust nach Perversion zum Anlass, um einerseits Interesse an seinem Helden zu wecken und andererseits die verqueren Gesichtszüge der Geschichte und ihren Wahrheitscharakter darzustellen. Sein Held Stanislaus Perfezki ist ukrainischer Untergrundkünstler, der in seiner Kunst erst wahr genommen wird, als er verschwindet.

José Saramago, Kain

h.schoenauer - 24.11.2011

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Ein Sprichwort in der Literatur besagt, wenn du einmal einen Preis bekommen hast, hast du die Unverfrorenheit beim Schreiben verloren.

José Saramago hat 1998 den Nobelpreis für Literatur erhalten und natürlich werden die Bücher, die er mit dem Preis im Rücken geschrieben hat, schärfer beurteilt als seine früheren Bücher, die in sich scharf waren. Der Roman Kain, im Original ein Jahr vor dem Tod des Autors erschienen, erzeugt natürlich eine gewisse Milde, das letzte Werk eines Autors ragt ja oft schon mit einem Fuß ins Jenseits, lautet eine andere Leseweisheit.

Kurt Leutgeb, Kirchstetten

h.schoenauer - 21.11.2011

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Manchmal muss man die Geschichte völlig falsch erzählen, um der Wahrheit auf die Schliche zu kommen.

Kurt Leutgeb geht in seinem Roman Kirchstetten davon aus, dass nichts eindeutig ist. Das beginnt schon mit dem Ort Kirchstetten, der dreimal rund um Wien vorkommt und ständig verwechselt wird. Damit diese Orte wenigstens historisch unverwechselbar werden, verpasst ihnen der Autor jeweils eine einmalige Geschichte.