Roman

Nanni Balestrini, Sandokan

h.schoenauer - 11.09.2012

Wie kann man einen sozialen Sumpf erzählen, ohne dass man als Leser darin rettungslos verlorengeht? - Nanni Balestrini hat für seine Camorra-Geschichte die Methode der Atemlosigkeit gewählt.

Rein äußerlich tut sich eine Kriminalgeschichte auf, der Camorra-Pate Sandokan wird gleich zu Beginn eingekesselt und verhaftet, aber der Ich-Erzähler wird durch diese Aktion in einen Bottich von sozio-historischen Schlingpflanzen geworfen, dass er Mühe hat, etwas Ordnung in die Wahrnehmung zu kriegen.

Artur Becker, Der Lippenstift meiner Mutter

h.schoenauer - 09.09.2012

Pubertät in einer polnischen Provinzstadt - diese drei harten „P“ garantieren eine groteske Literatur.

In einem entlegenen Städtchen Polens hart an der russischen Grenze steckt das sogenannte Schusterkind Bartek seine Reviere ab. Headquarter dieser Erkundungen ist eine Schusterwerkstatt, in der die wichtigsten Personen ein und ausgehen, zumal es zu Hause oft düster und wild hergeht.

Elisabeth Reichart, Die Voest-Kinder

h.schoenauer - 08.09.2012

Die Kindheit bildet oft einen eigenen Staat im Staat, die Beschreibung einer verstaatlichten Kindheit führt also automatisch zu einer Beschreibung des Staates.

Im Falle von Elisabeth Reicharts Roman über die Voest-Kinder wird dieser Verstaatlichungseffekt noch vom Thema her unterstützt, handelt es sich doch bei den Vereinigten Edelstahlwerken um ein besonders handfestes Stück Österreich der Nachkriegszeit.

Otto Licha, Kripp

h.schoenauer - 04.09.2012

Manchmal sucht sich die regionale Zeitgeschichte eine Lichtgestalt, um an ihr ein Stück Gegenwart abzuhandeln.

Otto Licha greift in seiner Doku-fiktionalen Schilderung der späten sechziger und frühen siebzieger Jahre in Innsbruck auf die legendäre Figur Kripp zurück, „Kripp und klar“, wie die Parole aus der damaligen Zeit lautete.

Herbert Rosendorfer, Huturm

h.schoenauer - 28.08.2012

Was gibt es Wuchtigeres als einen Stammbaum, dessen Verwurzelungen sich über Jahrhunderte in das Gestein der Geschichte hineinzwängen und diese manchmal sprengen!

In Herbert Rosendorfers Roman aus den Tiefen der Provinz kommen gleich zwei fulminante Stammbäume zum Tragen. Auf der Vorderseite des Buches ist die Sippschaft des niedergehenden Fürstentums Feldenwerth-Tragans aufgepinselt, im Hinterteil die Hotel-Sippschaft der aufstrebenden Guggemots. Beide Zweige kreuzen sich im Laufe der Zeit mehrmals und lassen dabei nie ihren Sinn aus dem Auge, die fürstliche Dynastie zelebriert den Niedergang, die handwerkliche den scheinbaren Aufstieg.

Carolina Schutti, Einmal muss ich über weiches Gras gelaufen sein

h.schoenauer - 26.08.2012

Erst wenn man sich auf die Suche nach seiner verdeckten Herkunft gemacht hat, kann man mit dem Leben beginnen.

In Carolina Schuttis Roman geht die junge Frau Maja ihren eigenen Herkunftsspuren nach. Sie ist offensichtlich einst durch widrige historische Umstände in einem kleinen Dorf „gelandet“, die erste Bezugsperson ist eine sogenannte Tante, die sie in die wichtigsten Handgriffe des einfachen Lebens einführt.

Aléa Torik, Das Geräusch des Werdens

h.schoenauer - 12.08.2012

Wie klingen eigentlich große Ereignisse wie die Kontinentalverschiebung oder die Fluktuation der Bevölkerung? Macht die Zeit an und für sich Geräusche oder verhält sie sich wie Windstille?

In Aléa Toriks Roman „Das Geräusch des Werdens“ werden letztlich poetische Fragen mit handfesten Geschichten beantwortet. Es geht um formidable Menschen, die ein Schicksal ausfassen und es quer durch den Kontinent tragen.

Lydia Davis, Das Ende der Geschichte

h.schoenauer - 07.08.2012

Die ideale Geschichte bringt sich während des Erzählens selbst zum Verschwinden.

Lydia Davis verwendet ihren Roman vom „Ende der Geschichte“ dazu, Konstellationen aufzuzeigen, Ereignisse beim Verblassen zu beobachten und eine Geschichte ohne Geschichte zu erzählen.

Kurt Palm, Die Besucher

h.schoenauer - 31.07.2012

Besucher sind normalerweise anonyme, neutrale und friedliche Wesen, die auf der sprichwörtlichen Besuchergalerie Platz nehmen oder eine Statistik als gezählte Individuen auffetten.

In Kurt Palms Roman freilich treten Besucher höchst eigenwillig und alles andere als harmlos auf. Im Mittelpunkt einer Leidensgeschichte zwischen Selbstmitleid und Wahnsinn steht der Journalist Martin Koller, der mitten im Leben einen Hörsturz erleidet und in der Folge beinahe verreckt.

Sepp Mall, Berliner Zimmer

h.schoenauer - 26.07.2012

Manchmal wird ein unverwechselbares Arrangement an Orten festgemacht. Neben bekannten Speisen, die sich nach einer Stadt nennen und dadurch in aller Munde sind, gibt es auch architektonische Feinheiten wie etwa den spanischen Balkon.

Was aber hat es nun mit Berliner Zimmer in Ein- und Mehrzahl auf sich?