Roman

Andrej Kurkow, Der Gärtner von Otschakow

h.schoenauer - 05.11.2012

Eine gute Geschichte ist letztlich wie die Geschichte überhaupt nichts anderes als der Wechsel von Zeit.

In Andrej Kurkows skurrilem Roman über den permanenten Zeitenwechsel taucht allmählich das wahre ukrainische Untergrundleben glasklar hervor wie in einem Geschichtsbuch voller Verständnis und Augenzwinkern.

Bernd Cailloux, Gutgeschriebene Verluste

h.schoenauer - 25.10.2012

Im Idealfall verläuft das Leben wie ein Roman und seine Bilanzierung nimmt es mit einer korrekten Buchhaltung auf.

Bernd Cailloux nennt die Bilanz seiner fiktionalen Figuren „Gutgeschriebene Verluste“. In der Spannung dieses Begriffes steckt augenzwinkernd der Wahrheitsgehalt der Bilanz, selbst aus Verlusten lässt sich noch immer etwas Brauchbares herauslesen.

Walter Kappacher, Land der roten Steine

h.schoenauer - 30.09.2012

Neben dem Tod gilt dem gelernten Österreicher der Antritt der Pension als der Höhepunkt des Lebens.

Walter Kappacher schickt seinen Helden, den an der Pensionskippe stehenden Arzt Wessely, in drei Kapiteln zum ultimativen Lebenskick. Unter den philosophisch abgehangenen Begriffen Vita nuova (7) / De vita beata (43) / La vita breve (129) reflektiert der Held sein Leben und versucht, möglichst zeitlos und gelassen alles zu ordnen, was bisher mit ihm geschah und vielleicht noch geschehen wird.

William H. Gass, Der Tunnel

h.schoenauer - 20.09.2012

Einem Massiv lässt sich in der Geologie nur durch einen Tunnel begegnen, ähnlich geht es in der Erzählkunst zu: Wenn etwas zu hart ist für die oberflächliche Darstellung, muss man semantisch unten durch.

William H. Gass lässt seinen Protagonisten nichts Geringeres versuchen, als ihn in ein Loch durch das Nazi-Deutschland zu schicken, freilich in einer ziemlich granitenen Form. Von der Handlung her geht es noch halbwegs überschaubar zu, ein gewisser Kohler hat eine Germanisten-Arbeit geschrieben „Schuld und Unschuld in Hitlerdeutschland“.

Robert Bober, Was gibt’s Neues vom Krieg?

h.schoenauer - 13.09.2012

Die ersten Worte, die nach einem Unglück von den Überlebenden ausgestoßen werden, klingen für sich genommen immer sinnlos und wirken grotesk. Was erst sollen Überlebende sagen, die als Juden in Paris gerade den Krieg, die Nazis und die Vernichtung überlebt haben?

In einer Schneiderei für Damen-Nachkriegsmode in Paris kommt allmählich das Leben wieder in Gang. Manche haben schon Geld für eine Maßanfertigung, über gute Kanäle kommen auch schon wieder Stoffe in die Werkstatt, die Kinder sind auf Ferienlager in einem intakten Schloss und schreiben Briefe nach Hause.

Nanni Balestrini, Sandokan

h.schoenauer - 11.09.2012

Wie kann man einen sozialen Sumpf erzählen, ohne dass man als Leser darin rettungslos verlorengeht? - Nanni Balestrini hat für seine Camorra-Geschichte die Methode der Atemlosigkeit gewählt.

Rein äußerlich tut sich eine Kriminalgeschichte auf, der Camorra-Pate Sandokan wird gleich zu Beginn eingekesselt und verhaftet, aber der Ich-Erzähler wird durch diese Aktion in einen Bottich von sozio-historischen Schlingpflanzen geworfen, dass er Mühe hat, etwas Ordnung in die Wahrnehmung zu kriegen.

Artur Becker, Der Lippenstift meiner Mutter

h.schoenauer - 09.09.2012

Pubertät in einer polnischen Provinzstadt - diese drei harten „P“ garantieren eine groteske Literatur.

In einem entlegenen Städtchen Polens hart an der russischen Grenze steckt das sogenannte Schusterkind Bartek seine Reviere ab. Headquarter dieser Erkundungen ist eine Schusterwerkstatt, in der die wichtigsten Personen ein und ausgehen, zumal es zu Hause oft düster und wild hergeht.

Elisabeth Reichart, Die Voest-Kinder

h.schoenauer - 08.09.2012

Die Kindheit bildet oft einen eigenen Staat im Staat, die Beschreibung einer verstaatlichten Kindheit führt also automatisch zu einer Beschreibung des Staates.

Im Falle von Elisabeth Reicharts Roman über die Voest-Kinder wird dieser Verstaatlichungseffekt noch vom Thema her unterstützt, handelt es sich doch bei den Vereinigten Edelstahlwerken um ein besonders handfestes Stück Österreich der Nachkriegszeit.

Otto Licha, Kripp

h.schoenauer - 04.09.2012

Manchmal sucht sich die regionale Zeitgeschichte eine Lichtgestalt, um an ihr ein Stück Gegenwart abzuhandeln.

Otto Licha greift in seiner Doku-fiktionalen Schilderung der späten sechziger und frühen siebzieger Jahre in Innsbruck auf die legendäre Figur Kripp zurück, „Kripp und klar“, wie die Parole aus der damaligen Zeit lautete.

Herbert Rosendorfer, Huturm

h.schoenauer - 28.08.2012

Was gibt es Wuchtigeres als einen Stammbaum, dessen Verwurzelungen sich über Jahrhunderte in das Gestein der Geschichte hineinzwängen und diese manchmal sprengen!

In Herbert Rosendorfers Roman aus den Tiefen der Provinz kommen gleich zwei fulminante Stammbäume zum Tragen. Auf der Vorderseite des Buches ist die Sippschaft des niedergehenden Fürstentums Feldenwerth-Tragans aufgepinselt, im Hinterteil die Hotel-Sippschaft der aufstrebenden Guggemots. Beide Zweige kreuzen sich im Laufe der Zeit mehrmals und lassen dabei nie ihren Sinn aus dem Auge, die fürstliche Dynastie zelebriert den Niedergang, die handwerkliche den scheinbaren Aufstieg.