Roman

Lina Hofstädter, Satansbrut

h.schoenauer - 21.11.2011

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Diese alpinen Dörfer haben es oft faustdick hinter den Mauern! Während sie nach außen hin Postkarten-Ästhetik abstrahlen, werden unter der Tuchent der Schönheit die Seelen massakariert.

Lina Hofstädters Satansbrut geht einem tabuisierten Phänomen nach, dass sich nämlich gerade Jugendliche oft zusammenrotten und als Gegenfolie zur Welt der Erwachsenen einem oft durchaus perversen Kult frönen.

Friedrich Hahn, Mitten am Rand

h.schoenauer - 19.11.2011

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Wenn die Koordinaten einmal verschoben sind, lässt sich kaum noch eine passable Navigation durchführen. Das gilt für eine simple Wegstrecke genauso wie für die Abwicklung eines geordneten Lebens.

In Friedrich Hahns Roman mit der seltsamen Koordinatenangabe "Mitten am Rand" gerät für den Maler Gregor die Welt aus den Fugen, weil die Scheidung ansteht und das Haus versteigert wird. Offensichtlich ist er ein Künstler, der stark an irdischer Liebe und irdischem Hausrat hängt, denn die Kunst an und für sich wäre ja von der Scheidung nicht betroffen.

Christian Mähr, Das unsagbar Gute

h.schoenauer - 17.10.2011

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Es muss nicht immer ein Krimi sein, wenn man als Leser vor Anspannung das Buch erst von den Augen wegbekommt, wenn es fertig ist. Realistisch erzählt kann ein Bildungsroman, der in der Antimaterie der Provinz spielt, durchaus kriminell aufregend sein.

Christian Mähr, der Ahnvater des Bildungsromans in Randlage, erzählt im Roman ?Das unsagbar Gute von ein paar mit der Chemie vertrauten Typen, die mit ihrem Wissen die Welt ein Stück voranbringen wollen. Das ist natürlich ein fatales Unterfangen, wenn man aus einem illegalen Labor in einer Dornbirner Villa heraus, die Welt verbessern will.

Bernhard Moshammer, Ein kurzer Roman über die Schrecklichkeit der Liebe

h.schoenauer - 14.10.2011

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Über das Giga-Thema Liebe einen Roman zu schreiben, ist an und für sich schon ein eigenes Thema unter den Aspekten was lässt man weg, wie sucht man den Standpunkt aus, welche Figuren lässt man zu.

Bernhard Moshammer nimmt einen Ich-Erzähler, der mit der Liebe deshalb nicht fertig wird weil sie ihn fertig macht. In feiner Ironie wird eine eigene Zeitzählung eingeführt. Da gibt es die sogenannte Grund- oder Nullzeit, darin erfährt der Fünfzehnjährige Ich-Erzähler alles von der Liebe in Echtzeit. Und dann gibt es 24 Jahre später die Zeitmessung 24 n F, nach Felicitas genannt, die damals das ganze Liebesdesaster angezettelt hat.

Karin Ivancsics, Restplatzbörse

h.schoenauer - 09.10.2011

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Auf der Restplatzbörse werden in der Tourismus-Branche einerseits übrig gebliebene Betten gehandelt, andererseits werden dabei sogenannte Gesamt-Schnäppchen-Urlaube vermittelt.

In Karin Ivancsics Roman ?Restplatzbörse geht es vordergründig um diese billige Art Urlaub zu machen. Aber schon beim zweiten Hinsehen stellen sich die Figuren als ?billige Typen heraus, die vom Leben schlecht behandelt worden sind und sich wie übrig gebliebene Individuen fühlen.

Carmen Bregy, Nicolas schläft

h.schoenauer - 05.10.2011

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Von Kindern nehmen wir an, dass sie in manchen Bereichen wie Erwachsene ticken, aber wenn es zu einer Störung im Kind-Sein kommt, wissen wir manchmal so gut wie gar nichts.

Carmen Bregy stellt in ihrem Roman den knapp zehnjährigen Nicolas in den Mittelpunkt von Empfindung, Schmerz, Ausgeschlossenheit. Nicolas ist ein sehr vorsichtiges Kind, das vor allem in sich selbst hinein hört.

Per Petterson, Ich verfluche den Fluss der Zeit

h.schoenauer - 03.10.2011

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Ein kluger Titel ist so logisch, dass er damit das ganze Buch erklärt, und so rätselhaft, dass er einen geradezu in die Lektüre zwingt.

Per Petterson stellt eine Zeile aus einem Mao-Gedicht über den ganzen Roman. In diesem Zeitfluss ist die Handlung einerseits klar, und dann doch wieder verworren. Zumindest für die Hauptfigur Arvid, der sich einerseits mit Literatur der Arbeit beschäftigt und andererseits handfest in diversen Berufen anpackt. ?Ich dachte, ich müsste das tun. Aber das musste ich nicht. (86)

Sreten, An den unbekannten Helden

h.schoenauer - 11.09.2011

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Wenn die Erfindung so stark ist, dass sie vor Phantasie knackt, ist ihre Realität am größten. Sreten Ugricic, der sich der Einfachheit gleich für das nicht-serbische Publikum Sreten nennt, hat einen Roman über sein Land geschrieben, den er ausdrücklich als Nichtfiktion bezeichnet, weil er von so starker Erfindung geprägt ist.

In einer rasenden Bestandsaufnahme, worin historische Mythen genau so vorkommen wie aktuelle Wahlversprechen und touristische Prognosen, wird der unbekannte Held als Erlöser angerufen, indem man ihm die aktuelle Geschichte zu Füßen legt mit der Bitte, er solle sich das einmal ansehen.

Stefan Alfare, Der dritte Bettenturm

h.schoenauer - 07.09.2011

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Sogenannte Parallelwelten dienen oft dazu, die offiziell sichtbare Einheitswelt in ihrer wahren Substanz zu erkennen.

In Stefan Alfares Roman Der dritte Bettenturm ist die Welt gleichsam an einem überdimensionierten Betten-Silo in einem anonymen Spital aufgefädelt. Das Schicksal des Helden lässt sich mit einem Halbsatz bereits auf der ersten Seite zusammenfassen ?Ein abgebrochener Schritt, er geriet ins Taumeln. (7) Die Hauptfigur heißt sinnigerweise Victor Flenner, offensichtlich ist Flenners Geschichte zum Weinen, während er selbst recht stupide-melancholisch seine eigene Weltlage beurteilt.

Andrzej Stasiuk, Hinter der Blechwand

h.schoenauer - 05.09.2011

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Manche Romane sind so voll von Abenteuer, Überlebenskunst, Lebenssinn und politischer Kommentierung, dass einem als Leser bloß die Seitennummerierung bleibt, um sich zurechtzufinden.

Andrzej Stasiuk ist der Meister des abenteuerlichen Agonie-Romans. Hinter der Blechwand spielt sich vielleicht die Erlösung ab, vielleicht aber der Gnadenstoß in die Hölle. Die Metapher der Blechwand stammt aus dem Flüchtlings- und Schlepperwesen, während der Lenker durch unwirtliches Grenzgebiet fährt, sitzen hinter der Blechwand des Transporters die Flüchtlinge, alle unterwegs in eine wilde Zukunft.