Roman

Raimund Jäger, Listen

h.schoenauer - 26.08.2010

jaeger, listenIn der Literaturkunde gibt es so etwas wie die Nullstufe des Erzählens, das heißt, es wird dem Leser etwas Material angeboten, aber es wird nicht erzählt. Die Liste ist so eine Materialiensammlung, die nichts kommentiert und deren Information ausschließlich in der Auswahl der aufgezählten Elemente besteht.

Raimund Jäger "erzählt" in seinem Listen-Roman von einem knapp vierzig Jährigen Mann, der einen Tick hat: alles muss sich in Listen darstellen lassen. Aus diesem Grund hat dieser Held namens Rochen eine Grundeinteilung getroffen: Menschen die ich mag, Menschen die ich nicht mag, Menschen die ich zuordnen kann/will, Ziele.

Georg Haderer, Ohnmachtspiele

h.schoenauer - 25.08.2010

Buch-CoverÜblicherweise traut man es Beamten nicht zu, dass sie ein aufregendes Leben führen, aber in Verbindung mit Kriminalfällen werden selbst aus den flachsten Beamten noch Erlebnismonster.

Schäfer ist Kriminal-Major in Wien und auf der Karriereleiter unauffällig unterwegs. Die beste Geschwindigkeit für einen Beamten ist das bürokratische Schritttempo, dabei gilt sowohl das Trödeln als auch das Überholen als unpassend.

Juri Andruchowytsch, Zwölf Ringe

h.schoenauer - 23.08.2010

andruchowytsch, ringeDie raue Wirklichkeit lässt sich noch immer bestens mit romantischen Mitteln beschreiben. Je inniger und romantischer die poetische Erzählweise ist, umso heftiger und realer fällt das zwischen den Zeilen Ungesagte aus.

Jury Andruchowytsch verwendet für seinen Roman Zwölf Ringe gleich mehrere romantisch überhöhte Mittel. Da schickt er einmal den österreichischen Fotografen Karl-Joseph Zumbrunnen schmachtend in die Ukraine, um sinnliche Bilder zu schießen. Mit der Zeit verliebt sich Zumbrunnen dermaßen in das Land, dass sich seine Wiener Frau von ihm trennt.

Oksana Sabuschko, Museum der vergessenen Geheimnisse

h.schoenauer - 22.08.2010

Buch-CoverMuseen werden oft mit zur Schau gestellten Fundamenten verglichen, auf denen Gegenwart und Zukunft ruhen. So geben jene Dinge, die zur Schau gestellt werden, durchaus Auskunft über den Zustand einer Gesellschaft.

Wenn etwa nur kitschige Krümel in den Vitrinen liegen, kann man etwa auf eine intellektuell eher schmalbrüstig aufgestellte Gesellschaft schließen.

Ljubko Deresch, Die Anbetung der Eidechse

h.schoenauer - 19.08.2010

Buch-CoverGanz weit draußen in der Provinz wird die Welt bloß noch eingeteilt in Hitze und Erschlaffung.

In Ljubko Dereschs Roman Die Anbetung der Eidechse verlaufen sich ein paar Jugendliche in der Weite der Karpaten und versaufen und verlaufen sich in dem kleinen Ort Midni Buky. Die Hitze wird nahezu unerträglich, sie wird noch verstärkt durch Pop-Musik, die aus allen Poren und Kassetten-Recordern dringt.

Andrej Kurkow, Der Milchmann in der Nacht

h.schoenauer - 18.08.2010

kurkow_milchmannGrob gesprochen ist ja jede Geschichte eine Überlebensgeschichte. ob sich nun der Held vor Langeweile durch den Tag schleppt oder die Heldin vor Arbeit darin umkommt - es geht letztlich darum, den einzelnen Tag zu überleben.

Verschärft werden diese Überlebensstrategien naturgemäß in einem Land, das das pure Überleben als Programm ausgegeben hat. Literarische Figuren in einem ukrainischen Roman haben wie die sogenannten echten Menschen in der Ukraine der Gegenwart nur eines im Sinn: Das Ende des Tages lebend zu erleben.

Rodolfo Walsh, Das Massaker von San Martin

h.schoenauer - 18.08.2010

walsh,massakerIn unseren literarischen Breitengraden gilt eher die Doktrin, nichts ist so real wie die Fiktion, während man in der lateinamerikanischen Literatur das so genannte Testimonio für das höchste der Realität hält. Nicht Repräsentieren sondern einfach Präsentieren, heißt ein Schlüsselsatz.

Als Wegbereiter für die Realo-Fiktion oder Testimonio-Literatur gilt Rodolfo Walsh mit seinem Semi-Roman "Operacion Masacre". Darin geht es um ein Massaker in einem Vorort von Buenos Aires anlässlich eines Putsches 1956. Von den etwa vierzehn Hingerichteten bleiben sieben irgendwie am Leben, was zu so verrückten Überschriften führt wie etwa: Einer der Erschossenen lebt (45) oder Ein Toter bittet um Asyl (111).

Jáchym Topol, Die Teufelswerkstatt

h.schoenauer - 03.08.2010

Buch-CoverIm normalen Kontext gilt Theresienstadt als ein Ort des Schreckens, an dem die Nazis ein KZ-errichtet haben und an dem es eine Gedenkstätte gibt.

Jáchym Topol freilich fährt mit seinem Roman dieser Semantik ordentlich in die Parade und versetzt die Leser mit seinen unerwarteten Tabu-Brüchen vorerst in ziemlichen Schrecken, denn die Reaktion lautet fürs erste, darf man so erzählen?

Philip Roth, Die Demütigung

h.schoenauer - 02.08.2010

Buch-CoverEin heftiges Leben gleicht immer auch einer heftigen Schauspieler-Karriere, worin einem die Super-Rollen nur so in die Hand purzeln. Aber wer gut schau spielt, bei dem wendet sich oft auch das Leben ab.

Philip Roth, der Meister für Krisen, Wahnsinn und Sinn-Demenz schickt im Roman Die Demütigung den Schauspieler Simon Axler in die kreative Wüste, um in dann inklusive Suizid restlos abzumontieren. Die Hinrichtung geschieht in drei Stufen.

Serhij Zhadan, Depeche Mode

h.schoenauer - 02.08.2010

Buch-CoverNichts kann letztlich einem Chaos im Hirn halbwegs gerecht werden außer der chaotische Roman.

Unter dem Titel einer englischen Synth-Rock-Gruppe, die den Namen vom französischen Modemagazin "Depeche Mode" übernommen hat, schreibt Serhij Zhadan alles zusammen, was einer Gruppe junger Erwachsener in der postkommunistischen Stadt Charkiw im Verlaufe von ein paar Tagen passieren kann.