Roman

Rachel Cusk, Der andere Ort

h.schoenauer - 24.03.2023

rachel cusk, der andere ortWie ernsthaft kann ein Roman gemeint sein, wenn gleich zu Beginn der Teufel auftaucht und die Erzählerin in einem Pariser Vorortzug zu stalken beginnt?

Diesen Teufel sollte man ernst, wenn nicht gar wörtlich nehmen, denn er stammt von Rachel Cusk. Soeben hat sie die lesende Gesellschaftsschicht in Schwingung gebracht mit ihren Romanen über die „Unwirklichkeit“ zwischen den Geschlechtern, die letztlich an den Kollateralschäden ihrer Beziehungen ersticken.

Robert Prosser, Verschwinden in Lawinen

h.schoenauer - 20.03.2023

robert prosser, verschwinden in lawinenWie kaum ein anderer Wirtschaftszweig ist der Tourismus davon abhängig, dass er auch von jenen mitgetragen wird, die ihm am liebsten aus dem Weg gehen. Ähnlich dem Sozialismus in der DDR ist der Tourismus in den Alpen eine Lebensform, die mit „IM“s im Dorfleben überwacht und eingefordert wird.

Robert Prosser ist in einem innigen Alpendorf groß geworden, seine Heimatgemeinde trägt sogar das Label „Alp“ im Ortsnamen. Wie viele Intellektuelle und Schriftsteller ist er früh von zu Hause aufgebrochen, um jenen Teil der Welt zu erkunden, der im Tourismus nicht vorkommt. Legendär sind seine Romane über den Kaukasus, den er als Abrundung zu Geschichten am Schwarzen Meer, mehrfach erkundet hat. Wegen der Kriege, die in diesen Ländern oft heimlich aufbrechen, wurde seine literarische Tätigkeit manchmal mit den Kriegsreportagen Hemingways verglichen, der ja seine Helden in amorphen Kriegen auftreten lässt.

Sophie Reyer, Gartentage

h.schoenauer - 15.03.2023

sophie reyer, gartentageIn einem Buchhändlerwitz heißt es, wenn im Frühjahr und Herbst die Einkäufer die Katalogvorschauen nach dem Namen Sophie Reyer durchblättern, kommt er nicht zweistellig oft vor, wird es eine magere Saison mit verarmter Literatur. Der Stimmungsindex wird in diesem seltsamen Witz „Rayometer“ genannt.

Tatsächlich hat Sophie Reyer mittlerweile in allen österreichischen Verlagen publiziert, zudem gibt es kein Genre, das sie nicht schon einmal beackert hätte. Aus dieser Emsigkeit resultiert auch die Einschätzung ihrer Arbeit als Übungsliteratur. Die Autorin ist viel mit Schreibwerkstätten unterwegs und übt dabei mit den Klienten alle nur erdenklichen Textsorten. Positiv lässt sich daraus eine Literaturtheorie formulieren: Sophie Reyer verfasst keine abgefertigte Literatur, sondern Vorübungen dazu.

Jesse Ball, Zensus

h.schoenauer - 03.03.2023

jesse ball, zensusWarum ausgerechnet ich? – Quer durch die Jahrhunderte gibt es diese Schicksalsfrage, die das Individuum an eine anonyme Menge stellt, wenn es darum geht, einer besondere Anforderung zu entsprechen, etwas auszuhalten oder eine Barriere zu überwinden.

In der Literatur wird dieses extravagante Schicksal mehr oder weniger plausibel erzählt, in der Soziologie begnügt man sich schon damit, es ausfindig zu machen und zu dokumentieren.

Als besondere Form der „Zählung“ wird dabei der Zensus herangezogen, wobei beispielhaft Einzelschicksale hochgerechnet werden zu einem gesellschaftlichen Allgemeinzustand. In der Vogelkunde wird zu diesem Zweck die sogenannte Beringung herangezogen, indem jedes Exemplar haptisch markiert wird.

Ludwig Roman Fleischer, Partnerlook

andreas.markt-huter - 27.02.2023

ludwig roman fleischer, partnerlookDie Weltliteratur, sagt man, ist sehr gerecht aufgebaut. Jedes Land darf einen besonderen Baustein dazu beitragen, und am Ende gibt es eine Fülle von Stoff, Erzähltechniken und überschäumenden Realismus.

Österreichs Beitrag zu diesem erzählenden Weltwunderwerk ist der „Innere Monolog“. Einst vom ruhiggestellten Arzt Arthur Schnitzler für seine Figur Fräulein Else 1924 erfunden, erreicht er seinen Höhepunkt in der Figur des Herrn Karl, der die österreichische Seele zu einem pragmatischen Kellerwesen ausbaut.

Und nicht nur in psychologischen Belangen ist der innere Monolog unschlagbar, er erweist sich auch als Erzählmeister einsamer Individuen, die von einer Pandemie in ihre eigenen Körperzellen gesperrt sind.

Waltraud Mittich, Ein Russe aus Kiew

h.schoenauer - 17.02.2023

waltraud mittich, ein russe aus kiewMerkt es eine Dichterin eigentlich, dass sie aus der Zeit gefallen ist? Und wenn ja, ist sie dann nicht schon wieder in der Zeit drin?

Ein Russe aus Kiew, der Roman von Waltraud Mittich, wirkt auf den ersten Blick, als wäre er marktgerecht, mit einem Paradoxon im Titel, aktuell zum Überfall auf die Ukraine geschrieben. Aber in der Literatur hat selten die Schriftstellerin die Oberhoheit über den Stoff, meistens sind es pure Zeitgeschichte, Literaturbetrieb und Lieferkette, die das Sagen haben.

Robert Menasse, Die Erweiterung

h.schoenauer - 15.02.2023

robert menasse, die erweiterungDer sogenannte Europa-Roman ist gleich zweimal definiert. Einmal als Roman, der sich um das politische Europa der Gegenwart kümmert, das seinen Sitz wie frühere Pfalzen überall am Kontinent hat, und zum zweiten als literarisches Genre.

Der Europaroman ist ein auf DIN-A-Brüssel geeichtes Textkonglomerat, das mit austauschbaren Elementen von jeder Übersetzungsmaschine in alle Sprachen der Mitgliedsländer leicht übersetzt werden kann.

Isabella Breier, Grapefruits oder Vom großen Ganzen

h.schoenauer - 06.02.2023

isabella breier, grapefruits oder vom großen gartenEinem Klumpen Lehm gleich wird der sogenannte Konzeptroman den Lesern auf einer Töpferscheibe angeboten, die sich beim Lesen zu drehen beginnt, sodass daraus ein persönlicher Golem geformt werden kann.

Isabella Breier nennt ihr Buch „Vom großen Ganzen“ eine Groteske und serviert diese unter dem rätselhaften Titel „Grapefruits“. Schon beim ersten Aufschlagen des „Romans“ stellt sich dieses animierende Gefühl ein, dass man sich den Text erarbeiten muss. Im besten Fall dreht sich die Töpferscheibe und beim ersten Zupacken mit beiden Händen lässt sich ein großes Dreieck der Erkenntnis herauslesen.

Franzobel, Einsteins Hirn

h.schoenauer - 30.01.2023

franzobel, einsteins hirnIn Österreich kommen manche erst dann mit Bildung in Kontakt, wenn ihnen bei der Autopsie das Hirn entnommen und die Kopfhöhle mit der Kronenzeitung ausgestopft wird.

Diesen Witz greift Franzobel schelmisch auf, wenn er überlegt, wie man Bildung, Gott und die Welt als Genie-Streich haptisch machen könnte für einen Roman. Der Autor bedient sich dabei der prognostizierenden Faktenmethode, indem er zuerst einen Plot fiktiv entwirft und anschließend die darin vorkommenden Fixpunkte analog abreist, bis daraus eine Art Tatsachenroman formuliert werden kann.

Juri Andruchowytsch, Radio Nacht

h.schoenauer - 23.01.2023

juri andruchowytsch, radio nachtDurch den Krieg werden Vorkriegsromane zu Kriegsromanen. Autor und Publikum können das Rad der Literatur nicht zurückdrehen, beiden sind die Augen inzwischen anders aufgegangen als geplant. Und auch der Roman ist ein anderer geworden.

Juri Andruchowytsch hat seinen Roman Radio Nacht 2021 geschrieben mitten in unserer Vorkriegszeit, die in der Ukraine schon als Vollkrieg empfunden worden ist. Sein Thema ist folglich: Wie kann für unterschiedliche Gesellschaften etwas erzählt werden, was alle zumindest für eine Romanlänge zusammenführt?