Sachbuch

Catherine Nixey, Ketzer

Andreas Markt-Huter - 20.04.2026

Catherine Nixey, Ketzer„Dieses Buch trägt den Titel Ketzer, dabei galten nicht alle Glaubensvorstellungen, die hierin dargelegt werden, als ketzerisch – ganz im Gegenteil. Einige waren schismatisch, andere wurden lediglich missbilligt – und viele der überraschenden Geschichten, von denen hier berichtet wird, waren (auch wenn die Kirche das mitunter nicht allzu gern sah) jahrhundertelang ein akzeptierter Teil des christlichen Kultes.“ (S. 25)

Catherine Nixey geht in ihrem Sachbuch den zahlreichen Überlieferungen und Vorstellungen über das Leben Jesu in den Anfängen des Christentums nach, die mit der Kanonisierung der Glaubensvorstellungen durch die Kirche im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten oder Verloren gegangen sind. Die Auswahl reicht dabei von extremen Darstellungen, in denen sich die Figur Jesu kaum wiedererkennen lässt bis hin zu Vorstellungen, über die in heftigen Auseinandersetzungen und Konzilien gestritten worden ist.

Paul Sailer-Wlasits, Demagogie

Andreas Markt-Huter - 16.04.2026

Paul Sailer-Wlasits, DemagogieSprache als Waffe: Wie Demagogen den Diskurs vergiften. Es gibt Sachbücher, die vielfach polemisch verwendete Schlagwörter in einen präzisen Begriff überführen. Demagogie von Paul Sailer-Wlasits gehört in diese Kategorie. 

Die gegenwärtige politische Tonlage ist nicht nur rauer geworden – sie hat sich grundsätzlich verwandelt: ein ständiges Wechselspiel zwischen Angriff und Gegenangriff. Worte, die früher Empörung ausgelöst hätten, gleiten heute nahezu beiläufig durch Debattenräume, als wären sie längst Teil des politischen Inventars. Doch die sprachliche Eskalation wirkt wie ein Verstärker und verschiebt die Grenzen des Sagbaren. Am Ende verändert sie nicht nur, wie Politik wahrgenommen wird, sondern auch, wie Menschen miteinander sprechen – im Parlament, im Netz, in unterschiedlichsten Gemeinschaften.

Viktor Baumgartner / Alexander Peer, Die Kunst des Überzeugens

h.schoenauer - 15.04.2026

Viktor Baumgartner / Alexander Peer, Die Kunst des ÜberzeugensSeit es Aufzeichnungen gibt, spielt die Rhetorik im Umgang der Menschen untereinander eine Rolle. Von den Tontafeln aufwärts bis hinein in die Welt der Apps gibt es jede Menge Tipps und Ratschläge, wie man mit guter Rhetorik überleben oder gar reüssieren kann. Das mündliche Handwerk ist seit Jahrtausenden mit einem verschriftlichten Regelwerk hinterlegt.

Während seiner Durchschnittsbiographie erlebt der User von Rhetorik alle paar Jahre ein Update, worin sich Klientel, Sprache und Rituale dem aktuellen Zeitgeist anpassen. Dabei entsteht der Zeitgeist aus Rhetorik und umgekehrt.

Dinçer Güçyeter, Fake Gucci-Jogginghose auf der Lesebühne

h.schoenauer - 08.04.2026

Dinçer Güçyeter, Fake Gucci-Jogginghose auf der LesebühneWenn ein Buchtitel mehrfach barock-verdreht aufs Cover springt, handelt es sich meist um eine sogenannte Literaturvorlesung. Dieses seltsame Genre ermöglicht es fiktional Arbeitenden, an der Uni akademisch aufzutreten, ohne sich wissenschaftlichen Kriterien aussetzen zu müssen. Eine gute Poesie-Vorlesung ist also eine gute Unterhaltung des akademischen Personals, das einmal freie Sätze denken darf wie sonst nicht einmal in Fußnoten.

Dinçer Güçyeter stülpt seine Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens unter den Titel „Fake Gucci-Jogginghose auf der Lesebühne“. Damit spielt er auf das Phänomen an, dass im Literatur- und Musikbetrieb, vor allem aber in der Pop-Kultur, der passende Code der Kleidung unerlässlich ist. Musterland für diesen Kult ist Deutschland, wo alles in Schubladen ordentlich abgelegt wird.

Tamara Schild (Hg.), Alois Schild - Illusionsreserven

h.schoenauer - 06.04.2026

Alois Schild, IllusionsreservenIn der Rezensionstechnik gilt eine magere Empfehlung, wonach man aus Respekt vor dem Kunstwerk Superlative nur ironisch verwenden soll. So ist auch die Behauptung zu verstehen: „Alois Schild gilt in Tirol als der Künstler mit dem größten Verkehrswert.“ Diese Anspielung beruht auf der Tatsache, dass an ein paar wesentlichen Verkehrsknoten und Kreisverkehren Tirols tatsächlich Skulpturen von Alois Schild aufgestellt sind.

Durch den permanenten Transitverkehr weit über Tirol hinaus bekannt geworden ist Alois Schild hingegen mit dem „kopflosen Engel“, der vom Treppenturm des Klärwerks Radfeld aus schräg den Transitierenden zuwinkt. In manchen Essays wird diese Ikone des Fortschritts als subtiles Mahnmal geachtet, in anderen wird vor allem der mit Seilen gesicherte schräge Humor der Statue gelobt. Dahinter steckt vielleicht ein Diktum Herbert Achternbuschs, wonach sich der Künstler so lange in einer Landschaft aufhalten soll, bis man es ihr anmerkt.

Paul Rösch / Patrick Rina, Wilde Jahre. Tourismus in Südtirol 1961–1983

h.schoenauer - 24.03.2026

Paul Rösch / Patrick Rina, Wilde Jahre. Tourismus in Südtirol 1961–1983„Eine Sennerin fährt auf einem Einersessellift über eine Liftstütze, auf der am Weg zur Alm auf französisch und englisch gewarnt wird: Please keep still!“ Diese Idylle aus dem Gadertal 1960 stimmt in „Wilde Jahre. Tourismus in Südtirol 1961–1983“ ein, eine Oral-history über Bruch und Aufbruch in Südtirol.

Paul Rösch, Jahrgang 1954, und Patrick Rina, Jahrgang 1987, beleuchten die frühen Jahre der Selbstfindung des Landes und die Entwicklung hin zu einer prosperierenden Wirtschaftsmacht. Beide Jahrgänge dokumentieren die Hauptbetroffenen des Tourismusbooms, der sich quasi von Kindheit an in die Psyche der Betreiber und Dulder hineingefressen hat.

Inga Rottinghaus-Höfer, Lernpotenziale prosodischer Leseförderung

Andreas Markt-Huter - 16.03.2026

Inga Rottinghaus-Höfer, Lernpotenziale prosodischer LeseförderungErfolgreich Lesende verfügen über die Fertigkeit, Wörter akkurat und automatisiert in angemessener Geschwindigkeit zu dekodieren. Diese Fertigkeiten werden unter dem Begriff „Leseflüssigkeit“ zusammengefasst. Auch wenn sie notwendig sind, um ein sicheres Leseverstehen zu entwickeln, so sind sie nicht ausreichend. Trotzdem konzentriert sich die schulische Förderung von Leseflüssigkeit bisher hauptsächlich auf diese Aspekte. Das Potenzial prosodischer Kompetenzen bleibt dagegen didaktisch ungenutzt …“ (S. 13)

Die wissenschaftliche Arbeit „Lernpotenziale prosodischer Leseförderung“ geht der Frage nach, inwiefern sich die Förderung der richtigen Betonung beim Lesen auf das Verständnis des Gelesenen auswirkt und damit eine sinnvolle Erweiterung der traditionellen Leserförderung im schulischen Unterricht darstellen kann.

Manfred Grieger, Voll auf Strom

Andreas Markt-Huter - 09.03.2026

Manfred Grieger, Voll auf Strom„Zur weiteren Vorbereitung der Unternehmensgründung und des Achenseeprojekts konstituierte sich am 23. April 1924 in Wien in den Räumen der Allgemeinen Österreichi-schen Boden-Credit-Anstalt ein Interimskomitee der Tiroler Wasserkraftwerke AG (TI-WAG).“ (S. 39)

Die Tiroler Elektrizitätswirtschaft stellt seit den 1920er Jahren neben dem Tourismus eine wich-tige Triebfeder für die ökonomische Entwicklung Tirols dar und nahm so eine nicht zu unter-schätzende Rolle im wirtschaftlichen Leben des Landes ein.

Alexander Kluy, Der Bleistift

h.schoenauer - 02.03.2026

Alexander Kluy, Der BleistiftDer Bleistift hat es geschafft – er ist von einem Alltagsgegenstand zu einem Kultgerät geworden. Schriftsteller und Zeichner betreiben Podcasts und Foren, um sich über neueste Rituale rund um den Bleistift zu informieren.

Alexander Kluy schöpft bei seiner „kleinen Kulturgeschichte“ über den Bleistift aus dem Vollen. Als Verfasser zahlreicher Schriftsteller-Biographien stößt er immer wieder auf Künstler, die das Schreiben geradezu kultisch betreiben, indem sie rund um den Bleistift eine magische Aura aufbauen.

Cornelius Hell, Lesezeichen & Lebenszeiten

h.schoenauer - 27.02.2026

Cornelius Hell, Lesezeichen & LebenszeitenWie Lymphe ist in der Literatur neben den Texten ein zweiter Kreislauf angelegt, gleichsam ein Immun- und Heilsystem, worin all die Rezensionen und Lebenserfahrungen beim Lesen als echte Bücher vertrieben werden. Es macht nämlich einen profunden Unterschied, ob die Begleitliteratur knapp an der Grenze zum Alltagsgeschehen publiziert wird oder als Fließtext, der sich quasi über das Leben der Rezensierenden spannt.

Cornelius Hell nennt sich selbst einen öffentlichen Leser, sein literarisches Leben lang nämlich ist er unterwegs, im öffentlichen Raum über Presse und Rundfunk den Diskurs über das Leben am Laufen zu halten. Was dabei in seinem Lektüre-Inneren vorgeht hat er in einem dichten Band mit den vier Begriffen zusammengefasst: Lese-Zeichen-Lebens-Zeiten.