Horst Moser, Weil wir nichts wussten
Ein Schwenk durch die Familiengeschichte gleicht oft einer Dokumentation von Lost Places – unter einer friedlichen Decke aus bunter Vegetation schlummern die brutalen Fundamente einer schaurigen Installation.
Horst Moser misstraut heilen Welten und auf Bunt getrimmten Oberflächen. Seine Romane spielen meist im Kleinstadtidyll und bauen auf der These auf, dass man die große Zeitgeschichte am ehesten verstehen kann, wenn man in die Tiefe der Kleinfamilien bohrt.
Tiroler gelten als Tiefwurzler, weil sie mitten in Europa verankert sind! Und obwohl in Nord- und Südtirol zweimal im Jahr massenhaft Orden über bemerkenswerte Personen ausgeschüttet werden, sind es dann immer nur wenige Solitäre, die für eine Biographie zu Lebzeiten in Frage kommen.
Auch fürs Lesen gilt: Das Auge isst mit! – In den letzten Jahren ist um diese Erkenntnis herum geradezu ein Hype entstanden. In der wertschätzenden Atmosphäre für das Kulturgut Buch hat sich eine klandestine Form der Literatur entwickelt, nämlich die „haptische Fantasy“.
Das Wesen mitreißender Kunst besteht darin, dass ihre Schöpferinnen bis zum Schluss nicht wissen, wie die Sache mit ihrer Kreativität ausgehen wird.
„Manchmal treiben einen schlechte Architektur oder Möbel geradezu aus Kirchen hinaus. Manchmal lohnt sich in Kirchen die Betrachtung von Dingen, die üblicherweise dem Blick entzogen sind oder kaum Aufmerksamkeit erfahren.“
In der Rezensionstechnik gilt eine magere Empfehlung, wonach man aus Respekt vor dem Kunstwerk Superlative nur ironisch verwenden soll. So ist auch die Behauptung zu verstehen: „Alois Schild gilt in Tirol als der Künstler mit dem größten Verkehrswert.“ Diese Anspielung beruht auf der Tatsache, dass an ein paar wesentlichen Verkehrsknoten und Kreisverkehren Tirols tatsächlich Skulpturen von Alois Schild aufgestellt sind.
„Eine Sennerin fährt auf einem Einersessellift über eine Liftstütze, auf der am Weg zur Alm auf französisch und englisch gewarnt wird: Please keep still!“ Diese Idylle aus dem Gadertal 1960 stimmt in „Wilde Jahre. Tourismus in Südtirol 1961–1983“ ein, eine Oral-history über Bruch und Aufbruch in Südtirol.
„Zur weiteren Vorbereitung der Unternehmensgründung und des Achenseeprojekts konstituierte sich am 23. April 1924 in Wien in den Räumen der Allgemeinen Österreichi-schen Boden-Credit-Anstalt ein Interimskomitee der Tiroler Wasserkraftwerke AG (TI-WAG).“ (S. 39)
Ein vielschichtiger Roman hat den Vorteil, dass man ihn nicht falsch lesen kann. Denn eine Komponente passt immer, und über diesen entgegenkommenden Weg öffnen sich bald auch die Seitenstränge und Querträger der Komposition.
Wenn man ein gesamtes Leben als Biographie in einem Buch unterbringen kann, so müsste es auch möglich sein, einen gesamten Stadtteil zu einem Buch zu verdichten, indem man einen begeisterten Bewohner darin herumgeistern lasst.