Tirol

Horst Moser, Weil wir nichts wussten

h.schoenauer - 15.06.2026

Horst Moser, Weil wir nichts wusstenEin Schwenk durch die Familiengeschichte gleicht oft einer Dokumentation von Lost Places – unter einer friedlichen Decke aus bunter Vegetation schlummern die brutalen Fundamente einer schaurigen Installation.

Horst Moser misstraut heilen Welten und auf Bunt getrimmten Oberflächen. Seine Romane spielen meist im Kleinstadtidyll und bauen auf der These auf, dass man die große Zeitgeschichte am ehesten verstehen kann, wenn man in die Tiefe der Kleinfamilien bohrt.

Martin Kolozs, Andreas Khol - Ein politisches Leben

h.schoenauer - 08.06.2026

Martin Kolozs, Andreas Khol - Ein politisches LebenTiroler gelten als Tiefwurzler, weil sie mitten in Europa verankert sind! Und obwohl in Nord- und Südtirol zweimal im Jahr massenhaft Orden über bemerkenswerte Personen ausgeschüttet werden, sind es dann immer nur wenige Solitäre, die für eine Biographie zu Lebzeiten in Frage kommen.

Andreas Khol hat als Tiroler, Verfassungsjurist, Erwachsenenbildner, politischer Kommentator, Funktionär in den höchsten Staatsämtern und schließlich als Senioren-milder Gast bei Talkshows verlässlich seine Spuren hinterlassen. Sein Geheimrezept für alle diese Betätigungsfelder liegt in der Gelassenheit und Emsigkeit, mit der er sich den Aufgaben stellt.

Matthias Daxer, Sturmtänzer I

h.schoenauer - 29.05.2026

Matthias Daxer, Sturmtänzer IAuch fürs Lesen gilt: Das Auge isst mit! – In den letzten Jahren ist um diese Erkenntnis herum geradezu ein Hype entstanden. In der wertschätzenden Atmosphäre für das Kulturgut Buch hat sich eine klandestine Form der Literatur entwickelt, nämlich die „haptische Fantasy“.

Matthias Daxer versucht mit seiner mehrteiligen Komposition „Sturmtänzer“ die Kernelemente von Fantasy mit den Mythen der Alpen zu vermischen. Es geht bei ihm nicht um herumschwirrende Fantasie-Ritter, sondern um jene seltsam realistischen Sagen und Mythen, die im Land vorhanden sind und mit etwas Glück auch an die jeweils jüngste Generation weitererzählt werden.

Vera Zwerger Bonell, Das Blau ferner Räume

h.schoenauer - 18.05.2026

Vera Zwerger Bonell, Das Blau ferner RäumeDas Wesen mitreißender Kunst besteht darin, dass ihre Schöpferinnen bis zum Schluss nicht wissen, wie die Sache mit ihrer Kreativität ausgehen wird.

Vera Zwerger Bonell eröffnet mit dem wundersamen Titel „Das Blau ferner Räume“ einen Ausblick auf eine Künstlerin, welche die Beziehungspaare „Stadt und Land“, „Krieg und Frieden“, „privat und öffentlich“ halbwegs harmonisch über die Bühne zu bringen versucht. Dabei ist so ein Leben nie planbar wie eine Beamtenkarriere, weil die Kunst an manchen Tagen ins Leben pfuscht und macht, was sie will.

Bernhard Kathan, Mit den Augen eines Hündchens blicken

h.schoenauer - 29.04.2026

Bernhard Kathan, Mit den Augen eines Hündchens blicken„Manchmal treiben einen schlechte Architektur oder Möbel geradezu aus Kirchen hinaus. Manchmal lohnt sich in Kirchen die Betrachtung von Dingen, die üblicherweise dem Blick entzogen sind oder kaum Aufmerksamkeit erfahren.“

Bernhard Kathan widmet sich als Künstler, Initiator von „Hidden Museum“ und Essayist der Frage, wie und ob wir Kunst und Alltag durch unsere Anschauungsweise in Verbindung bringen können. Dahinter steckt die These, dass das Kunstwerk erst dann mit dem prosaischen Leben in Einklang zu bringen ist, wenn unser Blick darauf passt.

Tamara Schild (Hg.), Alois Schild - Illusionsreserven

h.schoenauer - 06.04.2026

Alois Schild, IllusionsreservenIn der Rezensionstechnik gilt eine magere Empfehlung, wonach man aus Respekt vor dem Kunstwerk Superlative nur ironisch verwenden soll. So ist auch die Behauptung zu verstehen: „Alois Schild gilt in Tirol als der Künstler mit dem größten Verkehrswert.“ Diese Anspielung beruht auf der Tatsache, dass an ein paar wesentlichen Verkehrsknoten und Kreisverkehren Tirols tatsächlich Skulpturen von Alois Schild aufgestellt sind.

Durch den permanenten Transitverkehr weit über Tirol hinaus bekannt geworden ist Alois Schild hingegen mit dem „kopflosen Engel“, der vom Treppenturm des Klärwerks Radfeld aus schräg den Transitierenden zuwinkt. In manchen Essays wird diese Ikone des Fortschritts als subtiles Mahnmal geachtet, in anderen wird vor allem der mit Seilen gesicherte schräge Humor der Statue gelobt. Dahinter steckt vielleicht ein Diktum Herbert Achternbuschs, wonach sich der Künstler so lange in einer Landschaft aufhalten soll, bis man es ihr anmerkt.

Paul Rösch / Patrick Rina, Wilde Jahre. Tourismus in Südtirol 1961–1983

h.schoenauer - 24.03.2026

Paul Rösch / Patrick Rina, Wilde Jahre. Tourismus in Südtirol 1961–1983„Eine Sennerin fährt auf einem Einersessellift über eine Liftstütze, auf der am Weg zur Alm auf französisch und englisch gewarnt wird: Please keep still!“ Diese Idylle aus dem Gadertal 1960 stimmt in „Wilde Jahre. Tourismus in Südtirol 1961–1983“ ein, eine Oral-history über Bruch und Aufbruch in Südtirol.

Paul Rösch, Jahrgang 1954, und Patrick Rina, Jahrgang 1987, beleuchten die frühen Jahre der Selbstfindung des Landes und die Entwicklung hin zu einer prosperierenden Wirtschaftsmacht. Beide Jahrgänge dokumentieren die Hauptbetroffenen des Tourismusbooms, der sich quasi von Kindheit an in die Psyche der Betreiber und Dulder hineingefressen hat.

Manfred Grieger, Voll auf Strom

Andreas Markt-Huter - 09.03.2026

Manfred Grieger, Voll auf Strom„Zur weiteren Vorbereitung der Unternehmensgründung und des Achenseeprojekts konstituierte sich am 23. April 1924 in Wien in den Räumen der Allgemeinen Österreichi-schen Boden-Credit-Anstalt ein Interimskomitee der Tiroler Wasserkraftwerke AG (TI-WAG).“ (S. 39)

Die Tiroler Elektrizitätswirtschaft stellt seit den 1920er Jahren neben dem Tourismus eine wich-tige Triebfeder für die ökonomische Entwicklung Tirols dar und nahm so eine nicht zu unter-schätzende Rolle im wirtschaftlichen Leben des Landes ein.

Anna Rottensteiner, Mutterbande

h.schoenauer - 04.03.2026

Anna Rottensteiner, MutterbandeEin vielschichtiger Roman hat den Vorteil, dass man ihn nicht falsch lesen kann. Denn eine Komponente passt immer, und über diesen entgegenkommenden Weg öffnen sich bald auch die Seitenstränge und Querträger der Komposition.

Anna Rottensteiner streut unter dem vielschichtigen Titel „Mutterbande“ verschiedene Zugänge zu einer Geschichte Tirols im letzten Jahrhundert, dabei wird die „Erlebnis-Last“ auf die Schultern einer Handvoll Frauen verteilt. Auf der einen Achse ruhen die historischen Aspekte von Migration in der Monarchie, Weltkriege, Teilung des Landes, Sprachflüsse, Faschismus, Option und Emanzipation, auf der anderen Achse sind familiäre Zusammenhänge, emotionale Knoten, Rollenbilder und unauffällige Frauenbiographien abgelegt.

Christian Kössler, Von Weltliteratur, Fabriken und gezähmter Wildnis

h.schoenauer - 25.12.2025

Christian Kössler, Von Weltliteratur, Fabriken und gezähmter WildnisWenn man ein gesamtes Leben als Biographie in einem Buch unterbringen kann, so müsste es auch möglich sein, einen gesamten Stadtteil zu einem Buch zu verdichten, indem man einen begeisterten Bewohner darin herumgeistern lasst.

Seit Jahren lässt die Wagnersche Buchhandlung in der Tradition sorgfältiger Geschichtspflege belesene Abenteurer durch die Stadtteile von Innsbruck pirschen, um darin Phantastisches zu entdecken und für die ahnungslosen Bewohner freizulegen.

Christian Kössler ist als Bibliothekar und Autor grotesker Geschichten prädestiniert für eine Erkundungsreise durch Mühlau, das sich als gebirgiger Stadtteil Innsbrucks wie ein Kind an die Nordkette klemmt.