Tiroler Gegenwartsliteratur

Marian Moschen, Brot für jeden Tag

Andreas Markt-Huter - 21.10.2026

Marian Moschen, Brot für jeden Tag„Frische, knusprige Brötchen zum Frühstück. Mal ehrlich, es gibt nichts Besseres. Aber während Bäcker die Nächte durcharbeiten, damit wir frisch gebackene Brötchen auf dem Frühstückstisch haben, wollen wir keine Minute zu früh aufstehen, aber trotzdem nicht darauf verzichten. Damit das problemlos klappt, gibt es genau dieses Rezept. Abends zubereiten, morgens nur noch formen und backen.“ (S. 64)

Es gibt wahrscheinlich wenig Befriedigenderes als sein eigenes Brot zu backen und gemeinsam mit anderen zu genießen. Marian Moschen bietet einen informativen Einblick in die Grundlagen des Brotbackens und zahlreiche verschiedene Rezepte, die vom Frühstückbrötchen, über das Kartoffelbrot bis hin zum Wurzelbrot und Roggenvollkornbrot reichen.

Anne Marie Pircher, Aria

h.schoenauer - 16.10.2026

Anne Marie Pircher, AriaAria – etwas zwischen Luft und Lied. Denk dir, die Sonne war da, heißt es zudem im Eingangsspruch zu den Gedichten. Anne Marie Pircher lässt knapp siebzig Gedichte auffliegen aus ihrem Band, sie sitzen locker und springen aus dem Untergrund, dem Wetter, dem Gehölz heraus, oder versammeln sich vogelähnlich in der Windströmung, ehe sie sich dann zu einem lyrischen Motiv verklumpen und als Blatt zu Boden segeln.

Als Gliederung und Orientierungsbojen sind vier Vignetten eingelagert, die sich als fragile Naturmotive in den Text hineinschieben und als Geäst, Uferteich, Windblüten oder Zittergras Akzente setzen.

Gottlieb Pomella, Aufbrechen und bleiben

h.schoenauer - 14.10.2026

Gottlieb Pomella, Aufbrechen und bleibenNoch Generationen nach der sogenannten Option bricht in Südtirol an patriotischen Tagen die große Wunde auf: Wem gelingt die Heimat besser, den Dableibern oder den Weggehern?

Gottlieb Pomella gibt seinen elf Erzählungen die Überschrift „Aufbrechen und bleiben“, um die scheinbar unlösbare Frage aufzulösen, die Jahrzehntelang allzu dichotomisch diskutiert worden ist. Dem Buch hat er ein aufwühlendes Motto der türkisch-deutschen Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar vorangestellt: „Wenn man von seinem eigenen Land einmal weggegangen ist, dann kommt man in keinem neuen Land mehr an. Dann werden nur manche besondere Menschen dein Land.“

Sabine Pitscheider, Arbeitseinsatz im Reich. Zwangsarbeit in Tirol 1939 – 1945

Andreas Markt-Huter - 09.10.2026

Sabine Pitscheider, Arbeitseinsatz im Reich. Zwangsarbeit in Tirol 1939 – 1945.„Den maßgeblichen Rahmen, wer wie zu behandeln war, bot die »Rassenhierarchie«, wonach das NS-Regime Menschen je nach Herkunft oder Religion in bessere und schlechtere, wertvolle und »minderwertige« einteilte.“ (S. 51)

Das nationalsozialistische Deutschland musste alle verfügbaren menschlichen Ressourcen und wirtschaftlichen Kapazitäten in die Fortsetzung des Krieges stecken. Reichte zu Beginn des Krieges noch die Anwerbung aus verbündeten und besetzten Staaten, so griff man im weiteren Verlauf immer stärker auf Zwangsarbeit und Kriegsgefangene zurück.

Michael Melville, Fallschirmseide

h.schoenauer - 02.10.2026

Michael Melville, FallschirmseideDürfen Widerstandskämpfer ihren Kampf als Abenteuer erleben, darin eine schöne Skitour einbauen und am Schluss gar heiraten?

Michael Melville lässt drei historisch belegte Helden am Ende des Weltkriegs auf die gute Seite der Geschichte fallen und mithelfen, die Stadt Innsbruck „unblutig“ an die Amerikaner zu übergeben. Die Fallschirmseide, mit der die Protagonisten über den Alpen abgesprungen sind, wird dabei zu einer Metapher für das Glück, wenn man daraus ein Hochzeitskleid macht. Der Roman ist daher in einen märchenhaft berührenden Rahmen eingehängt: Zeitgenossen besuchen in der Nähe von Innsbruck eine Zeitzeugin, die ihnen als Höhepunkt der Authentizität des Erzählten ihr Brautkleid zeigt, das aus Fallschirmseide genäht ist.

Stefan Soder, Schorsch

h.schoenauer - 21.08.2026

Stefan Soder, SchorschWenn die Stimmung im Land wieder einmal bedrückend wird, hilft manchmal ein Roman nach der Vorlage von Kleists Michael Kohlhaas, damit man sich mit dem Helden identifizieren, mit ihm kämpfen und mit ihm in Würde untergehen kann.

Stefan Soder stiftet der Literatur mit dem „Schorsch“ einen sympathischen Helden, der in einer Welt des wirtschaftlichen Umbruchs mit der bewährten Tradition des Bauer-Seins Schiffbruch erleidet. Der Plot ist speedy wie das Netz, ständig zweigen aus dem Hauptstrang elementare Reibereien ab, die den Roman in seiner Dramaturgie bald zu einem gedachten Film werden lassen, den weder Personal noch Regie stoppen können.

Christian Kössler, 50 - Zwischen Bällen und Bergen, Büchern und Bibliotheken

h.schoenauer - 08.07.2026

Christian Kössler, 50 - Zwischen Bällen und Bergen, Büchern und BibliothekenMit fünfzig hält ein sensibler Künstler meist öffentlich inne, um sein Werkeln zu reflektieren und seinem Publikum fallweise darzulegen, welche Entwicklungskurven seine Kunst genommen hat. Denn in der Kunst ist nichts geradlinig.

Christian Kössler führt in seinem „Essay über sich selbst“ seine drei Betätigungsfelder auf, in denen er seit Jahrzehnten künstlerisch und alltagstauglich zu Gange ist. Seit es Literatur gibt, wird versucht, ihre Schnittstellen mit der sogenannten prosaischen Welt ausfindig zu machen und innovativ zu nützen. Dabei entstehen nicht nur fließende Übergänge zwischen der alltäglichen und der künstlerischen Welt, sondern auch zwischen den Kunstwelten schlechthin, wenn sie als solche angesteuert sind.

Josef Oberhollenzer, Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten

h.schoenauer - 03.07.2026

Josef Oberhollenzer, Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu tötenWiderstand, Eigenart und Selbstbewusstsein der Südtiroler resultieren aus dem täglichen Überlebenskampf des Individuums inmitten der Massen. Josef Oberhollenzer zeigt in seinen Romanen immer wieder, dass es sich lohnt, ein Individuum zu sein. Denn es sind immer die Massen, die einsam sind, ‒ die Einzelgänger sind nämlich umkost von Kunst und Literatur.

Im Roman Sellemond stoßen zwei große gesellschaftliche Trends aufeinander, man könnte fast von unkontrollierbaren Trieben sprechen. Einmal ist es der Übertourismus, der ganze Landstriche heimsucht, und zum anderen der Kult um Krimis (Krimitis), der die Regale in Buchhandlungen und Büchereien ausfüllt. Lässt man beide Kräfte aufeinander los, so entstehen im Windschatten dieser Trends kleine Überlebenszonen, worin sich ein verdichtetes Leben ausgestalten lässt.

Hannes Hofinger, Die Leiche hinter dem Kriegerdenkmal

h.schoenauer - 01.07.2026

Hannes Hofinger, Die Leiche hinter dem KriegerdenkmalIn der naiven Malerei sind die Grenzen zwischen Handwerk, Kunst, Autodidaktik und Akademie aufgehoben. Was als schlichte künstlerische Äußerung erscheint, ist in Wirklichkeit eine Handhabung der Realität unter dem Filter der Lebenserfahrung.

Hannes Hofinger inszeniert seine „naiv-heiteren“ Dorfkrimis professionell als Textkunstwerke, worin die Handwerke des Publizierens, der Dorfchronik, der Fotografie und Dramaturgie im öffentlichen Raum jeweils zu einem unterhaltsamen Buch zusammengeführt werden. Innerhalb weniger Lesestunden gewährt diese Krimi-Sorte einen Einblick in die wahren Zusammenhänge eines Dorflebens.

Janus Zeitstein, Auf Marterpfaden

h.schoenauer - 17.06.2026

Janus Zeitstein, Auf MarterpfadenZuerst liest man aus einer vagen Erinnerung heraus von einem Marterpfahl, aber dann schärft sich der Blick nach und es löst sich der Begriff „Auf Marterpfaden“ vom Cover.

Janus Zeitstein spielt in seinen 28 Erzählungen kunstvoll mit diesem Nachjustieren der Wörter, dem Nachsetzen des Blicks und dem Nachfassen auf eine Formulierung. Mit dieser Methode bleiben die Dinge immer in Schwebe, aber sie lassen sich geduldig aus verschiedenen Blickwinkeln erfassen, und das Geschaute ist in jenem Augenblick wahr, an dem man mit dem Schauen aufhört.