Tiroler Gegenwartsliteratur

Michael Stark, Weltfremd

h.schoenauer - 30.06.2025

Michael Stark, WeltfremdNach dem Koma ist nur eines gewiss: Alles, was bei den Sinnesorganen hereinschaut, ist etwas Fremdes. Zwischen der Welt und dem Individuum fremdelt es.

Michael Stark erzählt aus der Innensicht eines Helden, der eigentlich keine Sprache, keine Erinnerung und keinen Realitätssinn hat. Als Ich-Erzähler, der offensichtlich als Drehbuchautor früher ganze Welten erfinden und erschreiben konnte, ist er jetzt darauf angewiesen, seinen eigenen Zustand in irgendwas Sprachliches zu fassen, das vorläufig nur als sinnlose Wortpartikel durch seinen Kopf geistert.

Martin Kolozs, Boshaft

h.schoenauer - 25.06.2025

Martin Kolozs, BoshaftDas literarische Bermudadreieck für para-normale Fiktion ist irgendwo zwischen Edgar Allen Poe (Die Sphinx), Andre Gide (Die Verliese des Vatikan) und Ray Bradbury (Fahrenheit 451) angesiedelt.

Martin Kolozs verortet seinen Exorzisten-Thriller „Boshaft“ in versteckten Zirkeln in Rom, Polen und im Vatikan. Der Titel Boshaft ist einerseits eine Abmilderung des Bösen, boshaft ist wahrscheinlich eine eingeschlagene Richtung, die später einmal direkt zum Bösen führt. Andererseits ist es eine Art forensischer Beschreibungsversuch, etwas Ungeklärtes als vage Devianz von einem Regularium zu deuten.

Peter Hofinger, Heute werden sie mich holen!

h.schoenauer - 23.06.2025

Peter Hofinger, Heute werden sie mich holen!Die Befürchtung, geholt zu werden, überfällt in Romanen oft jene Helden, die am Ende sind. Bei Norbert Gstrein etwa wird im „Einer“ der sprachgestörte Jakob abgeholt, als er mit dem Dorfleben nicht zurecht kommt, in Texten nach der Machtübernahme der Nazis müssen Andersdenkende oft befürchten, geholt zu werden.

Bei Peter Hofinger sitzt der Ich-Erzähler vor einem Glas, das er über eine Wespe gestülpt hat, und beobachtet deren Ausweglosigkeit. Er blickt dabei, vom Leben ernüchtert, seinen Körper hinunter und wartet, dass er geholt wird. Am Schluss wird dieser offene Erzählrahmen abgeschlossen durch eine Sequenz, worin der Erzähler in einer Einrichtung sitzt, die Seniorenheim und Klinik in einem ist. Er jedenfalls empfindet es als Segelboot, das aufgerüstet ist, um mit ihm die letzte Reise anzutreten.

Markus Köhle, Land der Zäune

h.schoenauer - 16.06.2025

Markus Köhle, Land der ZäuneHans schlägt einen Pfosten ins Erdreich und setzt einen kulturellen Claim in die Landschaft. Er ist jetzt eingemieteter Häuslbauer im Speckgürtel und hat sich erfolgreich einen Flecken Sprache, Gesinnung und Lebenssinn durch Umzäunung gesichert.

Markus Köhle schickt seinen Helden Hans in ein bodenständiges Abenteuer im Siedlungshotspot Unterbrombachkirchen irgendwo bei Wien. Als Bewohner einer eingezäunten Einfamilienburg durchlebt der selbst eingesperrte Zaunkönig einen intimen Zugang zur österreichischen Kultur, Politik und Denkweise. Alles ist geprägt von einem reinrassigen Flair an Mittelmäßigkeit.

Sylvia Dürr, Der Buchesser

h.schoenauer - 06.06.2025

syliva dürr, der buchesserBiographien verlaufen selten geradlinig, an ihren krummen Windungen lagern sich meist unverwechselbare Begebenheiten ab. Die daraus wachsenden Shortstorys dienen in der Literatur als unverwechselbare Marker eines Lebens, ähnlich wie es für die Forensik die Fingerabdrücke sind.

Sylvia Dürr überschreibt die Titelgeschichte der dreißig Shortstorys mit „Der Buchesser“ (9). Darin nimmt ein Bibliothekar das Lesen so innig und wichtig, dass er das Gelesene gleich zu verdauen anfängt. Er frisst die Bücher nicht nur im übertragenen Sinn, sondern absorbiert sie und macht die Bücherzellen zu Körperzellen. Vor allem während der Pubertät kommt es erstmals zu bibliothekarischen Fressattacken.

Alois Schöpf, Blasmusikfibel

h.schoenauer - 23.05.2025

Alois Schöpf, BlasmusikfibelIn der Medienkunde kursiert der sorgfältige Witz, wonach man zur App früher Fibel gesagt habe. Die Blasmusikfibel könnte man somit als nützliche App verwenden, um etwas über angewandte Hörkunst, Trachtenjoppe als soziologischen Filz und heißer Luft als Tonträger zu erfahren. Alle diese Erkenntnisfelder stecken nämlich im Phänomen Blasmusik.

Alois Schöpf hat als Dorfkind, Konservatoriumsschüler, Kapellmeister, Konzertveranstalter und Musikkritiker alle notwendigen Stationen durchlaufen, um über das Heiligtum der Nord- und Südtiroler, also die Blasmusik, einen unterhaltsamen Essayband verfassen zu dürfen.

Siljarosa Schletterer, entschämungen

h.schoenauer - 21.05.2025

Siljarosa Schletterer, entschämungenLyrik ist niemals eine Gebrauchsanweisung für etwas Bestimmtes, aber sie hilft, den Gebrauch der Wörter zu überdenken.

Siljarosa Schletterer überschreibt ihren Gedichtband mit „entschämungen“ und nennt diesen Vorgang eine Körperkantate. Damit sind die Gedichte in ihren Kernzonen aufgesucht, es geht um Körper, Resonanzkörper, Klangkörper und alle damit musikalisch zum Schwingen gebrachten Bedeutungen. Es geht aber auch um diverse Körperteile, die von Scham überklebt sind oder in einem völlig verunsicherten Bedeutungsfeld vor sich hinwirken.

Miriam Unterthiner, Blutbrot

h.schoenauer - 30.04.2025

Miriam Unterthiner, BlutbrotWie ein Fisch ständig Wasser im Mund hat, um zu überleben, hat der Mensch am Lande Brot im Mund, und wenn um das tägliche Brot gekämpft wird, entsteht das Blutbrot.

Miriam Unterthiner stellt mit dem Genre Theatertext beiden Publikumsschichten eine aufrüttelnde Story in Aussicht. Einmal sind es die Theater-Affinen, die vielleicht in den Genuss eines Releases kommen, zum anderen sind es Lesende, die sich die Geschichte selbst ausmalen können. Der Plot handelt von der „Rattenlinie“, als Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg quer durch Südtirol unterwegs waren, teils geschützt von den Bodenständigen, um wie Mengele das Endziel Argentinien zu erreichen.

Selma Mahlknecht, Schaukler

h.schoenauer - 28.04.2025

Selma Mahlknecht, SchauklerIn der Prokulus-Kirche bei Naturns sitzt eine Figur auf einem gemalten Seil und schaukelt. Sie macht das so kühn und jenseits aller physikalischen Gepflogenheiten, dass die Menschen ihre Reise abbrechen und nachschauen, was es mit diesem Fresko aus alter Zeit auf sich hat. – Ist es überhaupt Kunst, was es da zu bestaunen gilt? Ein Kind sagt dazu verblüffend klar: Es ist ein Engel!

Selma Mahlknecht setzt mit ihrem Roman „Schaukler“ ein aufregendes Zeichen, wie man als kleiner Punkt auf der irdischen Weltkarte mit der großen Geschichte und dem Lauf der Welt umgehen könnte. Ihr Roman zelebriert hundert Jahre frische Entdeckung der mittelalterlichen Fresken rund um den Schaukler in Naturns 1923.

Marie Theres Foidl, Erinnerungen der Marie Theres Foidl

h.schoenauer - 04.04.2025

Marie Theres Foidl, Erinnerungen der Marie Theres FoidlIm Jahr 1951 sitzt eine Mutter in St. Johann vor einem leeren Papierhaufen und beginnt mit dem Aufschreiben von Erinnerungen für ihren Sohn. Die Schreiberin ist Marie Theres Foidl vom Lacknerhof. Sie ist aus Deutschland zugezogen und will ihrem Sohn erklären, dass man auch eine interessante Lebensgeschichte haben kann, wenn man nicht aus Tirol stammt.

Bei autobiographischen Aufzeichnungen ist eine wesentliche Frage entscheidend: Was wird wie eingegrenzt und was wird weggelassen? Die Geschichte der Lacknerhofbäuerin spielt im Saarland, Ruhrgebiet und im Bonner Raum von 1900 herauf bis 1932. Sie endet mit einer vagen Andeutung, dass die Erzählerin in Innsbruck ihren Mann kennengelernt hat, den späteren Vater des angesprochenen Sohnes.