Thomas Ballhausen, Mit verstellter Stimme
Wenn in der Lyrik ein Titel scheinbar klar ist, ist Vorsicht geboten, diese Klarheit ist bloß ein erster Schutzschild, mit dem sich die Poesie gegen zu schnelle Vereinnahmung durch die Leser wehrt.
Thomas Ballhausen bietet seine Lyrik „mit verstellter Stimme“ an, aber schon im Untertitel warnt er, dass es sich dabei um halb kriminelles, verschollenes und mystisch-forensisches Material handeln könnte. So lassen sich die Gedichte auch aus verschiedenen Blickwinkeln lesen, mal als Protokoll zu einem Naturereignis, als Mitschrift einer psychiatrischen Behandlung oder als verschlüsselte Tagbuchnotizen eines lyrischen Ichs.
Viel wird ja gerätselt und gemunkelt über die atmosphärisch verschiedenartige Anwendung der Sprache in Deutschland und Österreich. Die kleine Fügung „oder so“ ist so ein Partikel, womit sich verschiedene Anwendung zeigen lässt.
Eine Zeitschrift nach einem Berg zu benennen, ist nie falsch. Zumindest Begriffe wie stabil, zeitlos und offen lassen auf ein Konzept schließen, wonach man mit Weitblick eine regionale Kultur zu bestreichen gedenkt. Arunda ist ein Berg in der Nähe von Mals Richtung Grenzgebiet zur Schweiz, von wo aus man an guten Tagen gute Sicht auf den Vinschgau hat.
Das größte Programm ist in der Literatur jenes, das den Anwendern den größten Raum lässt.
Aus der Sammlung eines Meisters Gedichte auszuwählen, hat vor allem den einen Sinn, diese in der neuen Zusammenstellung mit neuem Licht zu versehen, wie man ja auch oft als Leser seine Bücher für ein aktuelles Regal zusammenstellt, um diesen besondere Liebe und Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
Die Steigerung von einem Lyriker ist ein Lyriker mit Theorie.
Scheinbar kluge Fragen sollte man immer mit der klügsten Gegenfrage der österreichischen Seele beantworten: Wer lässt fragen? Einig sind sich so ziemlich alle, dass Literatur ein Prozess ist, der nie abgeschlossen ist, der aber dennoch ein fertiges Tagesprodukt abliefert.
Wie erfährt man von einem Mythos, wenn alle Beteiligten schon tot sind und nichts mehr da ist, als der Name von einem unbeschreiblichen Ding oder Ereignis.
Je mehr die modernen Alpen durch Einrichtungen der Erholungsindustrie zugepflastert sind, umso heftiger drängt es die Menschen nach Geschichten vom archaisch klaren Überleben, wie es gerade in den Alpen als Super-Mythos erzählt wird.
Kaum Handlung, kaum Thesen, kaum Genre, alles richtig, kaum etwas falsch.