Belletristik

Rudolf Kraus, versvermessung

h.schoenauer - 25.04.2025

Rudolf Kraus, versvermessungLyrik wird gespeist aus einem Befinden, das als Ur-Ozean bezeichnet wird. Der Essayist Alexander Kluge vermutet von diesem Urzustand, dass er den Subjekten eine stabile Körpertemperatur vermittelt, die ungefähr bei 37 Grad liegt.

Rudolf Kraus rückt diesem poetischen Raum mit einer „Versvermessung“ auf den Leib. Dabei macht er sich die Fähigkeit von Lyrik zu Nutze, wonach diese gleichzeitig als Gesang, arithmetische Operation oder rhythmische Aktion auftreten kann.

Ein Blick auf die Gliederung dieser poetischen Masse lässt einen an einen „lyrischen Auszählreim“ denken:

Gerard Kanduth, lichtbilanz

h.schoenauer - 09.04.2025

Gerard Kanduth, lichtbilanzIn der Lyrik und in der Fotografie kommt es vor allem auf das Licht an. Beim ersten Einsetzen der Dämmerung lässt sich eine erste Bilanz ziehen: Wie war das Licht des Tages und welche Bilder hat es zugelassen?

Gerard Kanduth zieht mit seinem Gedicht- und Bilderband eine Lichtbilanz zum Tag, zum Aufflackern der Jahreszeit und wohl auch zum Abklingen-lassen der Alltagsrasanz. „an der schwelle / zwischen tag / und nacht / ziehst du / lichtbilanz // was und wieviel / hast du / gegeben / bekommen / genommen / gewonnen / verworfen / verloren // ist dein blick / klarer oder trüber / geworden“ (91)

C. H. Huber, das schicksal ein schwarzes krokodil

h.schoenauer - 02.04.2025

C. H. Huber, das schicksal ein schwarzes krokodilDas Krokodil frisst dem Kasperl aus der Hand, wenn ängstliche Kinder zusehen. Außerhalb der Bühne frisst es freilich alles, woran Menschen hängen – die entlegene Kindheit, den hübschen Körper, die geliebten Angehörigen.

C. H. Huber umkreist in fünf Zyklen die Areale der Verluste, in die jeder Mensch während des Lebens hineingetragen wird. Mit straffen Überschriften werden Trauer und Melancholie auf den Punkt gebracht: Check | schlaf & schlaf | übers jahr | sommer . dennoch | schwarzes krokodil oder requiem für eine tochter.

Hannes Vyoral, frühstück wie immer – alltagsgedichte

h.schoenauer - 24.03.2025

Hannes Vyoral, frühstück wie immerGedichte wühlen uns auf, wenn sie uns in flagranti im Alltag erwischen. Sie erwärmen uns, wenn sie Ordnung ins Tagwerk bringen, sie schärfen unsere Sinne, wenn sie uns die beiläufige Petitesse als Teil eines Weltdramas zeigen.

Hannes Vyoral nimmt das „frühstück wie immer“ als Anlass, den Tag aufs Neue anzugehen. Die Aktionen rund ums Morgenritual des Aufstehens liefern zuerst nur Halbsätze, die sich im lyrischen Ich Gehör verschaffen, allmählich entwickelt sich aber ein komplettes Frühstücksbild mit Zähneputzen, Marmorkuchen und dem Entzünden neuer Gedanken, die wie Vögel durchs Gehirn huschen. Wenn dann das erste Papier ausgelegt für das Scheiben, kann der Alltag des Dichters beginnen. Der Begriff „Alltagsgedicht“ beschreibt sowohl die Entstehung des Gedichts als auch die Transformation alltäglicher Denkmasse in Lyrik.

Gerhard Ruiss / Reinhold Ruiss, Iagandwaunn amoi

h.schoenauer - 21.03.2025

Gerhard Ruiss / Reinhold Ruiss, Iagandwaunn amoiZwölf Wiener Dialektlieder auf CD, ein Booklet mit den Texten im Dialekt und in einer interlinearen Übertragung, Biographien der Künstler, prägnante musikhistorische Annotation – beglücktes Herz, was willst du mehr!

Je nach Fangemeinde wird der Doppelkünstler Gerhard Ruiss als Musiker und Literat wahrgenommen, bei einem CD-Projekt lassen sich diese beiden Kunst-Hälften zudem gar nicht trennen. Da es bei einer schriftlichen Rezension vor allem um Sätze geht, tut man sich leichter, wenn man sich bei der Begutachtung vor allem auf den literarischen Aspekt stürzt.

Janus Zeitstein, Morphopoetische Rhapsodie

h.schoenauer - 24.02.2025

janus zeitstein, morphopoetische rhapsodieAuch für Bücher gilt: das Unerwartete macht oft die größte Freude. Janus Zeitstein stiftet mit seiner „Morphopoetische Rhapsodie“ einen Moment lang Verwirrung, um dann die Leser mit beinahe magnetischem Glücksversprechen ins Buchinnere zu ziehen.

Dabei dient der Titel als Programm: a) Rhapsodie als Genre für Bruchstückhaftes oder aus losen Teilen Zusammengeflicktes, b) morphopoetisch als freie Erscheinungsform der Poesie. Zusammengesetzt ergibt sich ein positiv geladener Begriff, der ähnlich einem Medikament schon durch das laute Ablesen seines Markennamens einen Heilungsprozess in Gang setzt.

Joachim Gunter Hammer, Siebzehnstein

h.schoenauer - 14.02.2025

joachim gunter hammer, siebzehnsteinEin Geograph stellt sich die Poesie vielleicht als Gebirge vor, in das verschiedene Adern von Erzen eingelassen sind, ein Mathematiker als eine Formel, in der ständig neue Unbekannte auftreten, und ein Zoologe vielleicht als Schatten von Vögeln, die gerade ausgestorben sind.

Alle diese Zugänge sind bei Joachim Gunter Hammer zu einem sprachlichen Strang verknüpft, der letztlich auf Zug hin ins Ungewisse gespannt ist. Seit beinahe dreißig Gedichtbänden löst der Autor Fasern aus Gedankengebilden heraus, wie sie einzelne Fakultäten an den Unis lehren. Er verquirlt sie zu bislang unentdeckten Versen, die scheinbar immer schon da sind. Sie warten auf das Geschürft-Werden, mal knapp an der Oberfläche von Papier, dann wieder in der Tiefe eines Gedichtbandes, der Leser soll sich auf Überraschungen einstellen.

Simon Konttas, Stille Stunden

h.schoenauer - 15.01.2025

simon konttas, stille stundenStille ist in der Literatur ein magischer Raum, der das Ich umschließt, ohne es zu bedrücken. Im Gegenteil, Stille fordert die Reduktion auf das momentan Wesentliche geradezu heraus. Die Dauer dieses Zustands kann ein paar Tage dauern wie bei der „Stillen Zeit“ um Weihnachten herum, oder einer ganzen Epoche den Stempel aufdrücken, wie in Henry Millers Roman „Stille Tage in Clichy“.

Simon Konttas schickt das lyrische Ich in den Modus von „Stillen Stunden“, die daraus resultierenden Gedichte handeln einerseits von Ereignissen, an denen sich die Stille bricht, andererseits ermöglichen sie den Lesern, selbst die Konsistenz stiller Stunden zu erleben.

Michael Stavarič, Die Suche nach dem Ende der Dunkelheit

h.schoenauer - 22.12.2024

michael stavaric, die  suche nach dem ende der dunkelheit„Wir verhielten uns wie Grasbüschel, die überall dort auftauchten, wo es ihnen gefiel. In den Fugen zwischen den Betonplatten.“ (27)

Michael Stavarič gilt als Meister fragiler Texte über das vergebliche Heimisch-Werden zwischen Orten und Kulturen. Nach seiner Theorie kann ein Individuum noch innerhalb des Ortsschildes zu einem ausgestoßenen Wesen werden, während es andererseits an einem Ort, an dem es noch nie gewesen ist, bodenständig werden kann. Diese migrantische Bewegung gilt auch für literarische Genres. Der Autor ist überall zu Hause und doch nirgends sesshaft abgelegt.

Die Gedichte sind selbst Fabelwesen der Literatur, wenn sie von einem „Wir“ berichten, das in erster Linie einen getragenen, suchenden Ton vor sich herschiebt. Diesen Kommentar-Ton kennen wir aus Reisedokumentationen im Fernsehen, wenn Redakteure sich auf fremden Hochzeiten in entlegenen Ländern mit Einheimischen verbünden, um im kollektiven Wir zu berichten, dass auf Reisen alle optimistisch gelaunt sind.

Eleonore Weber, Landkarte im Maßstab 1:1

h.schoenauer - 20.12.2024

elonore weber, landkarte im maßstab 1 zu 1Die größte Glaubwürdigkeit über die Verfasstheit einer Botschaft, Nachricht oder Erzählung erweckt die Zauberformel 1: 1. Nicht nur vor Gericht erweckt eine Aussage große Authentizität, wenn sie angeblich im Maßstab 1:1 wiedergegeben wird, auch in der Weltliteratur erreicht die Glaubwürdigkeit beim Erzählen ihren Peak, als Jorges Luis Borges von einer Landkarte 1:1 spricht, die durch ihre Maßzahl an Genauigkeit nicht übertroffen werden kann. Von dieser Überlegung leitet sich auch die These ab, dass die ideale Bibliothek eins zu eins der Welt entsprechen müsse, um sie abzubilden.

Eleonore Weber erweitert diesen Gedankengang mit ihrer Sammlung von zwölf Geschichten, die diesem magischen 1:1 unterworfen sind. Eine ideale Erzählung gleicht daher in ihrer Dauer dem erzählten Stoff, eine darin eingewobene ideale Zeichnung entspricht in Größe und Schraffur dem abgezeichneten Original, und auf der Netzhaut sollten Land und Karte den gleichen Reiz für das Gehirn auslösen.