Beziehung

Bernhard C. Bünker, Wos ibableibt

h.schoenauer - 02.06.2021

bernhard bünker, wos ibableibtDie österreichischen Literaturhäuser sind ja seinerzeit unter staatlicher Aufsicht eingerichtet worden, um die wilde Literatur zu zähmen, das Samisdat-Unwesen zu unterbinden und die Ideen der Dichter in Vitrinen-große Happen aufzuschnetzeln.

Wenn nun der Nachlass des Konsum-abtrünnigen Bernhard C. Bünker ins Klagenfurter Musil-Archiv gekommen ist, ist für die Zeitgenossen Feuer am Dach. In ein paar Jahren wird er vollkommen vergessen und abgesperrt sein. Und wenn ein paar germanistische Happen aus dem Archiv-Fenster geworfen werden, dann als Demütigung für die wenigen Leser, die noch nicht dem globalisierten Literaturspektakel unterworfen sind.

Simon Loidl, Endstation Ananas

h.schoenauer - 31.05.2021

simon loidl, endstation ananasManche Dinge sind gesellschaftlich so ungeklärt, dass man als Schriftsteller nicht einmal abschätzen kann, welche Gattung man dafür verwenden sollte.

Simon Loidl verwendet für seine „Endstation Ananas“ jedenfalls eine offene Gattung. In einem Strukturverzeichnis am Ende des Buches sind die einzelnen Abschnitte aufgeschlüsselt mit amorphen Begriffen wie Nachtruhe, Tagwerk, Totschlagen oder Feierabend, die nummeriert gleich mehrfach vorkommen. Um das Vage dieser Begriffe zu unterstreichen, sind sie in einer verschwommenen Schrift gehalten wie von einem ausgeleierten Schreibmaschinenband heruntergewischt. Dazwischen gibt es die magischen Episoden „In der Tiefe“, „Maria und die anderen“ oder „Ausgespielt“. Und der Titel gehört wohl auch in die Kategorie rätselhaft. Bei der „Endstation Ananas“ handelt es sich um eine Band, die man nicht bewusst aufsuchen kann, sondern von deren Auftritten man sich streifen und berühren lassen muss.

Carolina Schutti, Patagonien

h.schoenauer - 19.05.2021

caroline schutti, patagonienManche Gegenden dienen nicht nur Reiseführern zum Austoben, sie ziehen oft eine eigene Literaturform nach sich. So sprechen wir von Gebirgsliteratur, wenn erhabenes Gestein als Grundlage für tiefgehende Psychosen dienen soll, von Sibirienliteratur, wenn es um Verbannung, Kriegsgefangenschaft oder Schamanen geht, und von Patagonienliteratur, wenn das Ende der Welt eine Rolle spielen soll.

Carolina Schutti baut ihre Texte von vornherein kunstvoll zu einem Sprachereignis auf, und erst in zweiter Linie liefert dieses Textkunstwerk etwas, was einer imaginierten Wirklichkeit entsprechen könnte. Patagonien ist somit kein Reiseführer und keine Erzählung, die in Patagonien spielt, sondern ein Schachbrett am Ende der Welt, auf dem in äußerst reduzierter Form Alltagsgegenstände und Alltagspersonen auftreten.

Bernhard Strobel, Im Vorgarten der Palme

h.schoenauer - 12.05.2021

bernhard strobel, im vorgarten der palmeDie großen Dinge wie Liebe, Glück und Zufriedenheit sind oft nur deshalb so schwer zu erreichen, weil es keine gesicherten Erfahrungsparameter dafür gibt.

Bernhard Strobel baut in einer Siedlung einen üppigen Glückskosmos auf, der so reichhaltig bestückt ist, dass einem das Glück als gebratene Taube in den Mund fliegt. Aus Gründen des umgreifenden Tierschutzes ist diese Taube freilich als Palme ausgestaltet und steht in einem Vorgarten.

Wolfgang Hermann, Walter oder die ganze Welt

h.schoenauer - 08.05.2021

wolfgang hermann, walter oder die ganze weltDie Welt schrumpft in kleinen Städten an der Peripherie zu einer Trommel, auf der sich trefflich ein Polizist aufstellen lässt, der den Weltverkehr regelt.

Wolfgang Hermanns subtile Heimatbeschreibung geht der Frage nach, welches Okular man einer Erzählung vorspannen muss, damit die Welt in einer harmonisch-humanen Verhältnismäßigkeit erscheint. „Walter oder die ganze Welt“ handelt von einem Polizisten in einer Vorarlberger Kleinstadt in den 1960er Jahren.

Marlen Haushofer, Der gute Bruder Ulrich

h.schoenauer - 05.05.2021

marlen haushofer, der gute bruder ulrichWer einmal ein Jahrhundertbuch geschrieben hat, kann auch seine übrigen Texte nicht mehr im Schatten halten. Zwar fallen diese Texte dem Gesetz der Erinnerungsschwerkraft gehorchend ins bodenlose Vergessen, sie werden aber von Nachlasspflegern und angehenden Archivaren immer wieder hervorgeholt, gedreht und gewendet und frisch für den literarischen Verzehr paniert.

Marlen Haushofer, die Bestsellerautorin der „Wand“ (1963), hat quasi als Fingerübung drei kleine Märchen geschrieben, die sie vermutlich bei den schon damals unumgänglichen Schul-Lesungen herauskramen konnte. Freilich sind die Märchen erst drei Jahre nach dem Tod der Autorin für einen Gastauftritt in der pädagogischen Leuchtschrift „Die goldene Leiter“ erschienen. In dieser Heftserie sollte zum Unterschied von den berüchtigten Schundheften wertvolle Literatur erscheinen.

Reinhard Wegerth, Himmelsstiege oder Ein bitterer Gang

h.schoenauer - 26.04.2021

reinhard wegerth, himmelstiegeDie Himmelsstiege kann durchaus auch als Paradoxon gelesen werden: Während jemand philosophisch den Weg der Befreiung erklimmt, macht er die Hölle der Schwerkraft und anderer körperlicher Handicaps mit.

Reinhard Wegerths literarische Quelle ist das eigene Leben, das ständig zwischen hell und dunkel oszilliert. Erzähltechnisch geht er einen raffinierten Weg, indem er die hellen Stellen im Buch „Damals und dort“ zusammenfasst, die dunklen Streifen aber mit dem hellen Titel „Himmelsstiege“ erzählt.

Daniela Dröscher, Zeige deine Klasse

h.schoenauer - 19.04.2021

daniela dröscher, zeige deine klasseIn der Soziologie gibt es auch einen spielerischen Zugang zu den Fakten, aber die Ergebnisse sind dann immer ernüchternd realistisch und beileibe kein Spiel. In der Abwandlung eines unschuldigen Kinderspiels lässt sich durchaus intensiv das eigene Leben durchspielen mit der Anleitung: Zeige deine Klasse!

Daniela Dröscher analysiert in ihrem Sozio-Essay das Aufsteiger-Leben in Deutschland in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts. Sie nennt ihr Untersuchungsfeld bewusst Klasse, weil diese undurchdringlich und unveränderbar ist, während die etwas lieblicheren Begriffe Milieu und Ambiente suggerieren, dass man etwas verändern könnte, wenn man nur wollte. Das brutale Gegenstück zur Klasse wäre dann die Kaste, in der die Unveränderbarkeit über Generationen festgeschrieben ist.

Markus Jäger, Helden für immer

h.schoenauer - 07.04.2021

markus jäger, helden für immerGeschichten, die gut ausgehen, sind in der Gegenwartsliteratur ziemlich selten, weil die Anleitung zum Glücklichsein meist in den Sachbüchern verhandelt wird.

Markus Jäger lässt in seinem Roman „Helden für immer“ zwei Protagonisten zusammenkommen und zusammenleben. Die Philosophie der Homosexualität wird dabei als Glücksfall angelegt, die den Beteiligten auch Lebenssinn und Erfüllung verschafft, auch wenn sie natürlich immer wieder wie jede Beziehung auf dem Prüfstand steht.

Monika Maslowska, Winterrot

h.schoenauer - 02.04.2021

monika maslowska, winterrotMagische Wörter zwingen dazu, die Eigen-Phantasie in Sekundenschnelle anzuregen und auszuleben. Das schöne „Winterrot“ ist voller Widerspruch, trifft doch die Kälte auf die Wärme. Der Raser wird an rotglühende Bremsscheiben denken, wenn er im Winter sein Fahrzeug gerade noch zum Stehen bringt, ein Poet wird von der untergehenden Sonne schwärmen, die gerade im Winter besonders erhitzt untergeht, und Outdoor-Freaks denken an rot angelaufene Nasen oder Wangen, wenn die Kälte ungebremst auf das Antlitz trifft.

Monika Maslowska denkt an diese poetischen Augenblicke, wenn eine Handlung in Einzelbilder zerfällt, eine Geschichte als Coverbild auf den Buchumschlag springt oder ein Seufzer zu einer Installation wird. In sechzig Sekunden rasen diese Geschichten durch die Ewigkeit und ergeben auf den ersten Blick nichts außer eine Minute. Dabei werden Sinnesorgane gereizt und in Sekundenschnelle bricht größte Heiterkeit oder Erregung aus.