Beziehung

Andrea Winkler, Die Frau auf meiner Schulter

andreas.markt-huter - 30.11.2020

andrea winkler, die frau auf meiner SchulterGute Romane lösen schon im Titel ein Rätsel oder gar eine Geschichte aus. Die Frau auf meiner Schulter ist vielleicht ein Lebensentwurf, der auf der Erzählerin sitzt wie die Welt auf dem mythologischen Atlas.

Andrea Winkler lässt im Roman „Die Frau auf meiner Schulter“ auf engstem Erzählraum eine Erzählerin zu sich selbst kommen, indem sie sich eine poetisch-therapeutische Auszeit nimmt. In der vernetzten Gesellschaft ist mittlerweile selbst das Aussteigen daraus ritualisiert und zu einem Geschäftsmodell geworden.

Gerald Murnane, Die Ebenen

andreas.markt-huter - 27.11.2020

gerald murnane, die ebenenAls die Erde noch eine Scheibe ist, ist die Ebene so etwas wie die ganze plane Welt, die man sich vorstellen kann. Später wird aus den Ebenen etwas Geographisches, worin sich vorzüglich Schlachten abwickeln lassen, das Kind spielt mit der Ebene, worin es diverse Figuren aufstellt und schließlich sind wir Literaturmenschen immer hingerissen von den Ebenen. Spielebene, Sprachebene, Metaebene, an manchen Tagen verlieren wir uns beim Lesen darin.

Gerald Murnane wohnt in einem Land, das aus einer einzigen Ebene besteht und laut Lebenslauf hat er diese Fläche nie verlassen, sondern alles, was er braucht, in sie hineinprojiziert. „Die Ebenen“ sind ein rätselhafter Roman, der viel mehr Fragen offen lässt, als er zu Lebzeiten der Lektüre zu beantworten gewillt ist. Der Roman ist eine Kulturgeschichte, ein Schöpfungsbericht, ein Abenteuerroman über die Verteidigung von Besitzständen und ein dramatisch-inniger Versuch, der inneren Peripherie Australiens eine Identität zu geben.

Judith Gruber-Rizy, Eines Tages verschwand Karola

andreas.markt-huter - 20.11.2020

judith gruber-rizy, eines tages verschwand karolaDie höchste Erzählkunst muss immer dann aufgebracht werden, wenn es um das Verschwinden geht. Dabei handelt es sich um ein Paradoxon. Je mehr etwas verschwinden soll, umso höher ist der Aufwand an konkreten Sätzen, der das Verschwinden besiegeln soll.

Judith Gruber-Rizy verwendet die Vorgänge rund ums Verschwinden, um dadurch eine halbwegs plastische Biographie in die Gänge zu bekommen. In der Germanistik steht die Verschwindens-Theorie hoch im Kurs, man denke etwa an Alfred Anderschs „Mein Verschwinden in Providence“ oder Gerhard Amanshausers unermüdliche Versuche, das Ich durch Erzählen mundtot und zum Verschwinden zu kriegen.

Andrej Platonow, Tschewengur

andreas.markt-huter - 18.11.2020

andrej platonow, tschewengurBin ich vielleicht Schriftsteller oder was? - Ein Funktionär mitten in der Steppe Russlands ist ganz verzweifelt, dass er den Sozialismus nicht nur organisieren, sondern auch noch erklären soll. (270)

Andrej Platonow stellt dem Funktionär den Schriftsteller nicht als Genossen an die Seite, sondern dieser hat mit der Beschreibung die Politik zu kontrollieren und voranzutreiben, wenn nicht gar alle in eine bessere Zukunft zu hetzen.

Andreas Unterweger, Grungy Nuts

andreas.markt-huter - 16.11.2020

andreas unterweger, grungy nutsGrob umschrieben könnten Grungy Nuts ein Haufen voll dreckiger Nüsse sein, die man vielleicht sogar vom Boden aufgeklaubt hat und die wahrscheinlich weder nach Art noch nach Reifezustand sortiert sind. Ein ideales Bild für eine Erzählform, in der sich herbei-komponierter Zufall und ironische Absicht die Waage halten.

Andreas Unterweger betreibt einen ziemlichen Aufwand an ordnenden Maßnahmen, um das Diffuse, Schrundige, Schmuddelige seiner Erzählungen in eine Fasson zu kriegen. So sind die Erzählungen im ersten Überblick abgeschlossene Ereignisse mit einem festen Figuren-Set, aber bald einmal fransen diese Ereignisse aus und laufen über in die nächste Erzählung, die wie eine Auffang-Schüssel unter den vorhergehenden Text gestellt ist. Was in der einen Erzählung nicht Platz hat, läuft über und wird in der nächsten aufgefangen. Pathetisch könnte man vom Römischen Brunnen sprechen, wo das Wasser ja auch gleichzeitig steht und rinnt.

Monika Mader (Hg.): Raues Leben, großes Sterben

andreas.markt-huter - 13.11.2020

monika mader, raues leben, großes sterbenFür Germanisten ist nicht nur die Welt, sondern auch der Nutzen eines Buches überschaubar. Ein Buch wird in diesen Kreisen gelesen, um sich entweder prüfen zu lassen oder selber den nächstbesten zu prüfen. Diese Meister des Lektüre-TÜVs können es sich nur schwer vorstellen, dass man aus so gut wie jedem Buch einen Nutzen ziehen kann, wenn man sich nicht selber im Wege steht.

Das Tagebuch eines Feldkaplans mag auf den ersten Blick nicht leicht als Sinn-Quelle eingestuft werden, aber schon beim Anblättern der Vorwörter ist man überrascht, wie notwendig dieses Buch eigentlich ist.

Thoger Jensen, Ludwig

andreas.markt-huter - 11.11.2020

thoger jensen, ludwigZwischen Musikalität und Logik entstehen oft beinahe soziologische Kräfte, welche die Helden herumstoßen wie Billardkugeln oder Noten von Johann Sebastian Bach.

Thoger Jensen hat mit „Ludwig“ einen knappen Roman komponiert, der die inneren Kräfte der Bachschen Inventionen freilegt und worin die Helden in großer Gelassenheit letztlich das Glück an sich gewähren lassen.

Karl Kollmann, Die neuen Biedermenschen

andreas.markt-huter - 09.11.2020

karl kollmann, die neuenbiedermenschen„Es geht in diesem Buch um eine Beschreibung der neuen Biedermenschen, der Postmaterialisten, jenes neuen »Juste Milieu«, das sich als fortschrittliche, weltoffene und vor allem tonangebende Großgruppe der gegenwärtigen Gesellschaft versteht.“ (S. 7)

Der Soziologe Karl Kollmann beschäftigt sich in seinem durchaus emotional verfassten und mit wenig verstecktem Ressentiment durchzogenen Sachbuch mit dem „linksliberalen Milieu“ das sich von der rebellischen „68er-Bewegung“ zur moralisierenden und tonangebenden identitätspolitischen Linken gewandelt hat.

Albert Ennemoser, Dreimal tot

h.schoenauer - 06.11.2020

albert ennemoser, dreimal totWie in einer Galerie sind sie ausgehängt als Sterbe-Parten des Alltags: Drei seltsame Geschichten! Sie sind wirklich Krimis der anderen Art, weil sie keine Zeit haben, sich mit Krimi-Ritualen herumzuschlagen.

Albert Ennemoser arbeitet seine Fälle ab wie Bilder, konzentriert, üppig und dennoch konzis. Er beschriftet seine Fälle auch kurz und bündig wie Illustrationen: Der Wohltäter. Der Kater. Der Fund. Die Geschichten wehen durch den Alltag als aufgelassene Spinnennetze. Dann kommt jeweils ein Erzähler ins Spiel und am Schluss ist die Sache raffiniert zu Ende gebracht, es kommt der Tod. Und dennoch endet „Dreimal tot“ völlig unspektakulär.

Heinz D. Heisl, Wir haben leider Diebe im Haus

andreas.markt-huter - 04.11.2020

heinz d. heisl, wir haben leider diebe im HausDer gute Ton kann aus einer unangenehmen Situation etwas Verschmitzt-Leichtes machen und so alles zur Zufriedenheit auflösen. Wenn beispielsweise in einer Wohnanlage ständig die Zeitung geklaut wird, ist es ein lieblicher Klärungs-Versuch, wenn jemand an den Zeitungsausträger mit einem Pin-Up schreibt: „Wir haben leider Diebe im Haus.“

Heinz D. Heisl ist als Musiker und Poet ein Meister des guten Tons. In beiden Sparten geht es letztlich um die Atmosphäre, die in der Musik vielleicht kollektiv entsteht, in der Poesie oft ganz einsam im Wechselspiel zwischen Akteur und Situation. So wird die Dichtung letztlich etwas recht Einsames, worüber nur der Autor die letzte Auskunft geben kann.