Rudolf Habringer, Was wir ahnen
Sensible Menschen verlassen sich nicht so sehr auf das Sichtbare und Ausgesprochene, sie knüpfen sich auch die Aura und das Unantastbare vor, wenn sie mit anderen in Kontakt treten. Das Leben ist schließlich an manchen Tagen nichts Gewisses sondern bloß eine Ahnung von allem, was uns umgibt.
Rudolf Habringer setzt in das Euregio-Geflecht Regensburg, Linz, Krumau ein verfilztes Figurenset hinein, das wie in guten russischen Romanen als „Anhang der Hauptpersonen“ ausgewiesen ist. Als Leser fallen einem sofort die drei Hauptberufe der Figuren auf: Germanist, Psychologin, Polizist. Und einige Ehefrauen haben einen ermordeten Mann als Partner, das ist eine neue Form der Patchwork-Beziehung.
Wenn ein Wort semantisch wild genug ist, kann es das gesamte Universum darstellen.
Wenn ein Thema ein Leben lang tierisch ernst behandelt wird wie der Kosmos Krankheit, löst schon die Aussicht, dass darüber Satiren und Grotesken verfasst werden, erwartungsvolles Gelächter aus.
Ein Schriftsteller hat seinen geheimen Auftrag vermutlich dann erreicht, wenn er in seinem Werk unverwechselbar erkennbar ist, was oft mit der Ausarbeitung einer eigenen Literaturgattung einhergeht.
Halbsätze kommen den Lesern verführerisch entgegen, indem sie einladen, den Halbsatz zu vervollständigen nach Laune und Wissenstand.
Die Vogelfreiheit ist ein zweischneidiges Schwert, zwar ist optisch auf den ersten Blick alles eitler Sonnenschein, aber noch vor dem Horizont sind Fallen und dunkle Wolken aufgebaut.
Je unübersichtlicher die globale Verknüpfung der Lebensabläufe ausfällt, umso realistischer werden die Robinsonaden, die wir an manchen Tagen wie Überlebensbücher lesen.
Das pure Gefängnis ist letztlich ein Zeitloch, in das der Gefangene gestürzt wird.
In entlegenen Landstrichen herrschen unabhängig von den jeweiligen Regierungen in den Zentren völlig autarke Geister, die in ihrer Hilflosigkeit von den Bewohnern Dämonen genannt werden.
Ein Korridor gilt in Tirol als etwas besonders Exklusives und Wertvolles, Jahrzehntelang sind beispielsweise die Osttiroler mit einem Korridorzug unter Ausschluss der Realität von Lienz nach Innsbruck gefahren, ehe man dem Zug seinen Korridor-Charakter genommen hat.