Beziehung

Thomas Sautner, Pavillon 44

h.schoenauer - 21.02.2025

thomas sautner, pavillon 44In der Bezirksstadt Gmünd klettert am Friedhof ein Nackter auf das Dach des Mausoleums und wartet auf seine Abführung. Die freiwillige Feuerwehr breitet zur Vorsicht das Sprungtuch aus, aber der Held lässt sich manuell retten und wird nach Wien in die Psychiatrie gebracht, wo alsbald die Diagnose fällt: „Der Nackte am Friedhof war irr.“ (23)

Thomas Sautner schickt im Roman „Pavillon 44“ seine Helden an die Kante ihrer jeweiligen Welt und lässt sie dann über die Klinge der Erkenntnis springen. Diese drei Welten sind: Roman, Psychiatrie, Politik.

Friedrich Hahn, Die Heimsuchung

h.schoenauer - 07.02.2025

friedrich hahn, die heimsuchungWer im literarischen Kosmos des Friedrich Hahn Heldin oder Held sein will, muss sich die Qualität eines Sandkorns im Stundenglas zulegen. Der mehrdeutige Begriff „Heimsuchung“ stellt sich im höheren Alter oft in den Weg einer glatten Biographie. Einerseits ist darunter eine soziale Einrichtung zu verstehen, worin Pflege und Obsorge als kleines Paradies angeboten werden, andererseits lässt sich eine amorphe Lebenssituation durchaus als pure Bedrohung deuten. „Ist die Suche nach dem Heim abgeschlossen, beginnt die Heimsuchung.“

Im Mittelpunkt des Romans steht der einundsiebzigjährige Siegi, der im Heim an der Uferstraße untergekommen ist. In seiner aktiven Zeit hat er als Tierpfleger in Schönbrunn gearbeitet, aber das frühere Leben spielt ab nun keine Rolle mehr, hier wird jeder an seinem Handicap gemessen, das er zu bewältigen hat. Siegi hat einen „welken“ Fuß und geht am Stock, zur Einführung in die neue Lebenssituation leiht er sich einen Rollator aus und umrundet die neue Wohnstatt.

Lydia Davis, Unsere Fremden

h.schoenauer - 03.02.2025

lydia davis, unsere fremdenDie ideale Shortstory ist ein fiktionaler Kitt zwischen zwei scheinbar realen Situationen. Sie kann folglich jederzeit an jedem Ort auftreten und verändert ihr Erscheinungsbild zusammen mit dem Plot, den sie vorgibt zu erzählen.

Lydia Davis schreibt ihre Shortstorys jeweils auf konkrete Publikationsanfragen, nach ein paar Jahren ergibt sich daraus oft ein Sammelband. Da die Geschichten nicht auf Vorrat, sondern aus Notwendigkeit geschrieben sind, erzählen sie meist ein Stück Gesellschaftskritik mit, ehe die Shortstory als Kern einer Fiktion zum Zuge kommt. Und selbst dieser Kern ist meist von einer Rahmenhandlung gehalten, die oft das Wesen der Erzählung ausmacht.

Gottlieb Pomella, An Land gespült / Glücklich gefallen

h.schoenauer - 22.01.2025

gottlieb pomella, poesieMeist sind es die Antriebskräfte Aufbruch und Ausklang, die Menschen Gedichte formen lassen, um für sich etwas Klarheit zu schaffen über die seltsamen Vorgänge rund ums Leben.

Tatsächlich beginnen viele unbeschwert in der Jugend mit dem Gedichte Schreiben, während es wenige sind, die sich im Alter noch einen Traum erfüllen, nämlich das Erlebte auf der Wäscheleine der Poesie aufzuspannen.

Gottlieb Pomella hat sich nach einem von Bildung gespeisten Berufsleben mit knapp siebzig aufgemacht, die Welt hinter dem Filter der Poesie in handfesten Gedichten und prosaischen Einsprengseln zu beschreiben. Seine beiden Gedichtbände „An Land gespült“ und „Glücklich gefallen“ lassen sich einzeln lesen, indem etwa das lyrische Ich zuerst in Aufbruchstimmung das Leben in die Hand nimmt und später im zweiten Teil desillusioniert mit dem Verklingen der Wünsche und Ideen zu kämpfen hat, die beiden Bücher lassen sich auch als zeitgenössische Klammer der Pandemie-Epoche begreifen, sind die Bücher doch 2020 und 2023 erschienen.

Simon Konttas, Stille Stunden

h.schoenauer - 15.01.2025

simon konttas, stille stundenStille ist in der Literatur ein magischer Raum, der das Ich umschließt, ohne es zu bedrücken. Im Gegenteil, Stille fordert die Reduktion auf das momentan Wesentliche geradezu heraus. Die Dauer dieses Zustands kann ein paar Tage dauern wie bei der „Stillen Zeit“ um Weihnachten herum, oder einer ganzen Epoche den Stempel aufdrücken, wie in Henry Millers Roman „Stille Tage in Clichy“.

Simon Konttas schickt das lyrische Ich in den Modus von „Stillen Stunden“, die daraus resultierenden Gedichte handeln einerseits von Ereignissen, an denen sich die Stille bricht, andererseits ermöglichen sie den Lesern, selbst die Konsistenz stiller Stunden zu erleben.

Selina Holešinsky, Schaltiere am Waldboden

h.schoenauer - 13.01.2025

selina holesinsky, schaltiere am waldbodenEin Dorf ist in der Fiktion ein gern gesehener Ort, um darin Idylle, Schrecken, Wokeness oder Klimaschutz in Szene zu setzen. Mit Wimmelbildern der Kindheit wird dieser Ort gerne als analoge Wunderwelt dargestellt, worin sich die erwachsen gewordenen Kinder später einmal zurückziehen werden. Die Wirklichkeit ist freilich auch in Romanen alles andere als eine heile Welt.

Selina Holešinsky zeigt im Roman „Schaltiere am Waldboden“ die heranwachsende Antonie, im elterlichen Kosenamen Marillchen genannt, wie sie zwischen Mutti und Vati im Aussteigerdorf „Autofrei“ groß werden muss. Das Gesellschaftsleben oszilliert zwischen intellektueller Idylle, Sektenideologie und haptisch erfahrbarem Bilderbuchgefühl. Die Ich-Erzählerin nimmt die Welt wörtlich und einmalig, wie es alle Heranwachsenden tun müssen, die zu sich selbst keine alternativen Erfahrungen sammeln können.

Minu Ghedina, Am Rande das Licht

h.schoenauer - 09.01.2025

minu ghedina, am rande das lichtKunst kann zur Erbkrankheit werden, wenn man als Kind im Licht großer Künstlereltern aufwachsen muss. Minu Ghedina spielt im Künstlerroman „Am Rande das Licht“ mit dem Wechselspiel von eigener Entwicklung und allgemeinem Anspruch in der Gesellschaft. Wie lässt sich der Rand eines Bildes ausleuchten, ohne dass das Auge vom Bannstrahl der mediokren Mitte verbrannt wird?

Künstlerromane firmieren oft als Comingout-Romane, wenn es den Individuen gelingt, im Kunstbetrieb heimisch zu werden. Andererseits gleichen diese Biographien durchaus fehlgeleiteten Brüt-Vorgängen, die keine Künstlerkarriere ausschlüpfen lassen. Sarkastisch formuliert: Die Pubertät des Künstlers dauert bis ins fünfundzwanzigste Lebensjahr, ehe das Geschöpf normiert ist und einen seriösen Beruf ergreift.

Lina Hofstädter, Trauerbüchlein

h.schoenauer - 07.01.2025

lina hofstädter, trauerbüchleinDas Jahr ist um, die Trauer bleibt. – Zwischen der lakonischen Brisanz eines Oswald von Wolkenstein, wenn dieser seinem abgeernteten Leben als verlöschender Ritter zuschaut, und der hartnäckigen Melancholie, wie sie der Blues den Jahreszeiten der Natur abringt, bewegen sich die Gedichte des Trauerbüchleins.

Lina Hofstädter stiftet fünf Jahre nach dem Tod des Künstlers Kassian Erhart sich selbst und anderen, die einen Verlust zu beklagen haben, Trost und Impuls-Pflaster für jene Verwundungen, die jäh aufbrechen, etwa beim Anblick eines Vogels, der sich ins Sichtfeld geschlichen hat. „Todestag 1 // Heute am Morgen lag da / Der kleine Vogel / Mit roter Brust / Zu Mittag lagst du / Jetzt liege ich / Und warte / Warte …“ (7)

Hannes Hofinger, Die Leiche in der Löwengrube in St. Johann in Tirol

h.schoenauer - 01.01.2025

hannes hofinger, die leiche in der löwengrubeKrimi ist als Genre und Gesellschaftstreiben die am häufigsten verwendete Kategorie, um sich  purem Vergnügen oder Verbrechen hinzugeben. – Die literarische Sorte Krimi spendet unter Garantie einen Roman mit Handlung, der wegen seiner klugen Gliederung ein ständiges Absetzen und Wiederaufnehmen von Lektüre ermöglicht.

Da die meisten Krimis heutzutage mit KI geschrieben sind, wird es nicht mehr lange dauern, bis auch die Leser eine KI verwenden, um möglichst viele Krimis ohne Aufwand zu bewältigen.
Hannes Hofingers Krimi von „Der Leiche in der Löwengrube“ wird von zwei Zugängen gespeist:
  a) das Genre Krimi wird an die Grenze der Groteske und süffisanten Überschätzung geführt,
  b) das Treiben der Gemeinde wird als Hotspot krimineller Machenschaften gezeigt, die als Tagesgeschäft getarnt sind.

Margit Weiß, Maddalena geht

h.schoenauer - 27.12.2024

margit weiss, maddalena gehtJeder Auftritt kann das Ende oder den Anfang bedeuten. – Jenseits aller Geschichtsschreibung sind es die Hebammen, die in einem Tal das Leben auf die Welt bringen oder den Tod dokumentieren.

Margit Weiß erzählt am Beispiel der historisch abgesicherten Biographie der Hebamme Maddalena Decassian, wie um 1900 ladinische Täler eher einer Sagenwelt verpflichtet sind als einer aufgeklärten Notwendigkeit, die Wahrheit auch einmal in Echtzeit auszusprechen.

Zu Beginn rast gleichsam die Hebamme von einer Geburt zur nächsten, meist geht alles zumindest biologisch gut, manchmal gilt es auch, ein totes Kind zu vermelden getreu einer alten Hebammenweisheit: „Du musst aufhören, den Tod und das Leiden zu bekämpfen. Sie sind stärker als du.“ (245)