Erzählung

Mike Markart, Dillingers Fluchtplan oder Karajan umzubringen war mir ein Bedürfnis

h.schoenauer - 09.06.2008

Buch-CoverDer beste Erzähler ist nach wie vor ein Parasit, der mitten im Text seine Zwischenwirts-Helden umbringt.

Mike Markarts Erzählkonzept ist genial. Ein Ich-Erzähler kann sich im Schlaf nur dann halbwegs regenerieren, wenn er darin in eine andere Figur schlüpft. Diese Figur muss eliminiert werden, erst dann gibt es ein sattes Aufwachen und räkelndes Durchstrecken des erzählenden Körpers.

Verein für Kultur in Inzing (Hrsg.), andernWOrts

andreas.markt-huter - 28.05.2008

Buch-CoverDer Kulturort Inzing leistet sich nicht nur eine der besten Dorfzeitschriften Tirols und ein bemerkenswert upgedatetes Dorfbuch, sondern stellt sich zwischendurch immer wieder auswärtigen literarischen Testern, die dem Eigenbild der Einheimischen auf den Zahn fühlen.

Im Herbst 2007 durften sich die Autorinnen Seher Cahir aus Istanbul, Sarita Jenamani aus Cuttack / Indien und der Autor Sina Tahayori aus Shiraz / Iran in Inzing einquartieren mit der Bedingung, "eppes" zu schreiben. Alle Ortstester leben mittlerweile in Wien, sodass An- und Abreise innerhalb eines Tage von statten gehen konnten.

Andreas Renoldner, Lavendel vom Col de lHomme Mort

h.schoenauer - 22.04.2008

Buch-CoverWas am Brenner beginnt, wird für den gelernten Tiroler Leser aufregend! - Tatsächlich lässt Andreas Renoldner den Ich-Erzähler seiner Petrarca-Reise am Brenner starten, weil es da bald einmal ohne zu treten hinunter geht und so die Reise flott begonnen werden kann.

Der philosophische Reisebericht durch sieben Jahrhunderte ist fürs erste einmal eine Radtour, vom Brenner hinunter gehts über die Po-Ebene in den Alpenbogen gegen Frankreich, und den Höhepunkt stellt der Mont Ventoux dar, den ja schon Petrarca bestiegen hat.

Lutz Seiler, Turksib

h.schoenauer - 21.04.2008

Buch-CoverEin Nachtzug rattert durch die Einöde Kasachstans. - Eigentlich ist das schon genug Handlung, aber im Zug mit dem Namen "Transsib" sitzt ein schwermütiger Erzähler drin, der aus einer gewöhnlichen Zugsfahrt tatsächlich eine Erzählung macht.

Für die Reise durch die wüstenähnliche Geographie hat sich der Erzähler einen Geigerzähler gekauft, immerhin ist die Gegend zwischendurch radioaktiv verseucht und es macht Sinn, die Reise unter einem radioaktiven Aspekt auszumessen. So geht denn auch einmal das Alarmlämpchen los, kann aber auch sein, dass es nur den Standby-Modus anzeigt.

Anna Stecher, Aus der Flügelstadt

h.schoenauer - 20.04.2008

Buch-CoverManchmal dauert ein Roman so lange wie eine Krankheit und umgekehrt kann sich eine Krankheit hinschleppen wie ein Roman.

In Anna Stechers Großerzählung Aus der Flügelstadt reist die kranke Mora mit ihrer Begleiterin Elisa nach Peking. Sie ist schwer krank, hat eine in Europa als unheilbar angesprochene Lähmung, die chinesische Heilkunst soll die letzte Rettung sein.

Marlene Streeruwitz, Der Abend nach dem Begräbnis der besten Freundin

h.schoenauer - 17.04.2008

Buch-CoverIm Verkehrsgeschehen ist es egal, in welcher Stimmung sich die Akteure darin bewegen, so hat selbst so ein aufwühlendes Ereignis wie ein Begräbnis ein triviales Ende, nämlich eine gewöhnliche Autofahrt.

Die Ich-Erzählerin sitzt aufgewühlt in ihrem Auto, Fluche zucken durch den Kopf, kann der nicht blinken!, dann wieder Kleinigkeiten, dass jemand schmatzt beim Schweinsbraten zum Totenmahl.

Kurt Bracharz, Pantomime vor Blinden

h.schoenauer - 16.04.2008

Buch-CoverSkurriler geht es kaum! Keine Gattung wird von Kurt Bracharz in Ruhe gelassen, und aufgeschreckt in ihrer Gattungsschatulle fangen die Texte wie von selbst zu toben an.

Gleich zu Beginn schikanieren sich ein Lehrer und ein Philosoph auf antikem Felde mitten in Griechenland.

Bernd Schuchter, Jene Dinge

h.schoenauer - 15.04.2008

Buch-CoverIn guten Verwandtschaften gibt es zwischen den Mitgliedern meist eine Höflichkeitslücke, in welche jene Geschichten eingepflanzt sind, über die man nicht spricht.

"Jene Dinge" ans Tageslicht zu karren, die über Jahrzehnte im Dunkeln gehalten worden sind, ist für einen Erzähler eine Eselsaufgabe.

Andreas Höfele, Abweg

h.schoenauer - 15.04.2008

Buch-CoverWer hat sich nicht schon einmal so einen Abgang von seinem Büro gewünscht: Man lege ein kleines Feuerchen, gehe nicht zu schnell aus dem Haus, tauche in den Plan B ein und beobachte aus der Ferne, wie die ehemalige Dienststelle abbrennt.

In Andreas Höfeles Erzählung Abweg geht es um diesen gekonnten Abgang.

Peter Plattner, Herman Ein verschüttetes Leben

h.schoenauer - 14.04.2008

Buch-CoverDas Leben ist letztlich wie verschüttete Milch, man kann es nicht mehr rückgängig machen. Herman jedoch, ein Künstler aus Fiktion und Blut, verschüttet tatsächlich sein Leben, indem er vom dritten Stock in die Tiefe springt, Farbtuben in den Händen.

Unten angekommen zerplatzt er in den Farben, das Blut mischt sich spektakulär authentisch mit dem Indigoblau und Sonnengelb. Herbeigeeilte Künstler kratzen alles zusammen und machen daraus ein Kunstwerk.