Erzählung

Bora Cosic, Die Vogelklasse

h.schoenauer - 05.03.2008

Buch-CoverNormalerweise hocken Schüler, die gerade eine Klasse wiederholen müssen, in der hintersten Reihe, hier in dieser Vogelklasse aber sitzen sie frech in der Mitte des Klassenzimmers.

Ein rasanter Erzähler mit großer Belesenheit und philosophischem Touch kommentiert aus der Hüfte heraus die absurdesten Zustände unseres Lebens. In der Provinz oder überhaupt in der Randlage des Kontinents gibt es immer wieder Unterricht, dessen Zweck aber allen Beteiligten unbekannt ist.

Tobias Schiefer, Napoleon

h.schoenauer - 21.01.2008

Buch-CoverEin kontinentales Gemetzel, wie es Napoleon seinerzeit quer durch Europa vor und wieder zurück durchführen ließ, beflügelt auch nach zweihundert Jahren noch die Phantasie der Schriftsteller.

Tobias Schiefer nimmt für seinen Schlachtentext aus dem Jahre 1812 die Form der Novelle und erzählt aufgeklärt aus heutiger Sicht, wie es wohl einem Kriegsteilnehmer aus der Gegend um Speyer unter Napoleon ergangen sein könnte.

Selma Mahlknecht, Im Kokon

h.schoenauer - 17.01.2008

Buch-CoverKein Wurm mehr aber auch kein Schmetterling, das ist in der Insektenkunde das Stadium des Kokons. Bei den Menschen heißt das schlicht Pubertät.

Die Erzählerin durchlebt gerade diesen Kokon, das bedeutet, dass keine passende Sprache zur Verfügung steht, dass die Freundschaften wackeln, dass die Vorstellung von der Welt überhaupt nicht der sogenannten Welt entspricht.

Andrej Kurkow, Herbstfeuer

h.schoenauer - 16.01.2008

Buch-CoverHerbstfeuer, das riecht nach weitem Land in Russland und der Ukraine, am Fuße einer unsäglichen Wetterfront machen die Bewohner noch einmal richtig Dampf und sieden und braten alles, was sie für den langen Winter brauchen.

In der Titelgeschichte Herbstfeuer wird zudem alles verheizt, was eigentlich verboten ist.

Birgit Schwaner, Lunarische Logbücher

h.schoenauer - 16.01.2008

Buch-CoverAm aufregendsten sind Bibliotheken immer dann, wenn sie als ganzes verschollen sind, wenn sie sich insgesamt als Gerücht herausstellen, oder wenn sie etwas Skurriles sammeln.

In den Lunarischen Logbüchern wird nichts anderes behauptet, als dass es eine Bibliothek mit Flaschenpost-Medien gibt, die als zeitversetzte Schätze ausgebreitet sind.

Peter Handke, Die morawische Nacht

h.schoenauer - 15.01.2008

Buch-CoverManche Bücher bewegen das Leben des Lesers, indem ein seltsamer Energiesaft von den Buchseiten über die Unterarme in den Körper strömt.

Peter Handkes Die morawische Nacht ist so eine Erzählung, der man zuerst poetisch, gefühlsmäßig, philosophisch aufgeweckt und voller Gelassenheit zuhört, ehe man überhaupt überlegt, was in diesem Buch eigentlich alles passiert.

Georgi Gospodinov, Natürlicher Roman

h.schoenauer - 15.01.2008

Buch-CoverDie Natur tut letztlich, was sie will, sie ist die letzte, die sich aus ihrer Unversehrtheit vertreiben lässt und ist die erste, die nach der Vertreibung als Pionierpflanze wieder zurückkommt.

Kaum eine Einteilung entspricht genau genommen der Natur, und alles, was der Mensch von ihr wahrnimmt ist höchstens ein kleines Stück höherer Wahrheit.

Hans Raimund, Vexierbilder

h.schoenauer - 04.01.2008

Buch-CoverEin Vexierbild ist eine vorläufig fixierte Illusion, die sich bei genauerem Hinsehen als etwas ganz anderes entpuppen kann.

Hans Raimund führt in seinen Gedichten immer diesem Umkippeffekt vor, an dem sich eine Erfahrung in das Gegenteil verkehrt, eine Liebe Argwohn erweckt, eine Lebensplanung entgleist.

Wolfgang Bleier, Verzettelung

h.schoenauer - 12.12.2007

Buch-CoverVerzettelung ist wohl das Lieblingswort eines Bibliothekars. Erst wenn er die Welt so halbwegs verzettelt hat, liegt sie ihm zu Füßen und er kann sie ins Regal stellen. Selbst in Zeiten der Digitalisierung gilt echtes Verzetteln als hohe Kunst.

Etwas Abschätzig hingegen wird dieses Wort Verzetteln unter Studenten gebraucht. Wenn sich ein Student einmal verzettelt hat, hängt seine Arbeit im Gestrüpp der Semester und er kommt da für längere Zeit nicht mehr zu einem klaren Gedanken.

Martin Kolozs (Hrsg.), Kleine Anthologie junger Tiroler Literaten

andreas.markt-huter - 11.10.2007

Buch-CoverWie man durch ein kleines Fenster große Sachen sehen kann, wenn das Fenster gut positioniert ist, kann man als Leser auch durch eine so genannte kleine Anthologie allerhand Bemerkenswertes aus der Tiroler Nachwuchsliteratur herauslesen.

Die neun Autorinnen und Autoren im Alter zwischen sechzehn bis einundzwanzig haben das Thema frei gewählt, das ist ja schon die erste wichtige Botschaft. Was sucht sich jemand aus der Realität aus, dass es darüber einen fiktionalen Text geben soll?